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Wie ist die Lage, Herr Raible?

swb-Bilder: Hennig

814 Kriminalitäts-Opfern hat der Weiße Ring in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr dieses Jahres geholfen.

Dahinter steckt jeweils eine intensive Auseinandersetzung und Arbeit mit den Opfern, die – wie vieles in diesen Land – von Ehrenamtlichen geleistet wird. Einer von zur Zeit 255 ehrenamtlichen Helfern des Weißen Rings ist Edgar Raible. Der Gottmadinger, bis vor wenigen Jahren Konrektor an der Eichendorffrealschule, spricht über seine Arbeit mit Menschen, die immer tief betroffen sind und oft vor allem menschliche und psychologische Hilfe brauchen und die von Medien und Justiz eher wenig Aufmerksamkeit bekommen.


Wochenblatt: Wie ist die Lage, Herr Raible?

Edgar Raible: Die Lage ist durchwachsen. Wir im Weißen Ring kümmern uns um Opfer von Kriminalität, ich bin da seit ein paar Jahren dabei und ich betreue Menschen, die dort nicht selbst verschuldet in schwierige Situationen gekommen sind und nicht mehr weiter wissen. Wir spannen je nach Fall ein Netzwerk zwischen  Anwälten, Staatsanwaltschaft und psychologischen Hilfen, um den Menschen zu helfen, mit der Situation  klarzukommen.


Wochenblatt: Wie kommen diese Menschen zu Ihnen?

 

Aus 14 wurden drei Helfer


Raible: Entweder indem sie sich direkt an den Weißen Ring wenden, da haben wir eine Landeszentrale in  Stuttgart oder über die Polizeidienststellen. Früher hatten wir eine Kreisstelle in Konstanz, die ist leider seit  über zwei Jahren nicht besetzt, weil wir personell sehr dünn besetzt sind. Da hat sich ein Generationenwechsel vollzogen. Wir waren früher vierzehn Helfer im Landkreis, viele davon sind älter geworden, bekamen  gesundheitliche Probleme oder das Leben hat ihnen andere Aufgaben gestellt, und jetzt sind wir noch zu dritt im ganzen Kreis. Das macht es schwierig, das zu meistern.

Oft kommt die Polizei zu uns und sagt, wir haben  da einen Fall, und dann schicken die mir unter Einhaltung datenschutzrechtlicher Regeln die Anfrage ….


Wochenblatt: Und dann nehmen Sie Kontakt auf?

Raible: Ja, meistens habe ich nur eine Kurzinformation, Name und Telefonnummer. Dann rufe ich dort an und  wir machen einen Termin ab, meistens für ein persönliches Treffen. Das persönliche Treffen war in der Coronazeit sehr schwierig. Ich treffe mich mit den Menschen auf neutralem Boden. Jetzt waren Cafés und  Restaurants zu. Da konnte ich mit den Menschen oft nur frierend im Park an der Offwiese oder so sitzen. Seit rund sechs Wochen habe ich einen Raum in Singen bekommen, in dem ich mich mit den Leuten treffen kann. Das ist sehr gut.

Im Gespräch mit den Menschen tut sich dann ein kleineres oder größeres Problem auf. In  letzter Zeit habe ich sehr viel anwaltschaftliche Beratung gebraucht, mit der wir helfen konnten. Beispielsweise in Sorgerechtsfällen, wo der andre Elternteil massiv handgreiflich wurde.


Wochenblatt: Man liest in den Medien ganz viel über Täter, über Tatmotive und über die Biographie der Täter,  wenig über die Opfer. Was passiert denn diesen Menschen und wie helfen Sie?

 

Begleitung für die Opfer


Raible: Das ist die Schieflage in dem Bereich. Man hört sehr viel über die Täter, die »bösen Buben« und die  Betroffenen sind eine »Randerscheinung«. Und für die ist der Weiße Ring die Anlaufstelle.

Bei den Menschen  passiert eine ganz tiefe Betroffenheit. Kleines Beispiel: Ein Ehepaar geht einkaufen in einem Geschäft und bekommt mit, wie ein paar Männer eine Verkaufskraft drangsalieren. Das Ehepaar schaltet sich ein und will  deeskalieren. Die Männer drehen sich um und schlagen zu. Die Frau liegt am Boden, der Mann war kurz  bewusstlos. Das Ehepaar ist heute noch traumatisiert. Und die Frau muss vor Gericht aussagen. Wir haben einen Anwalt für die Nebenklage eingeschaltet und ich habe die Frau an die Hand genommen, habe vorab mit ihr das Gerichtsgebäude angeschaut und ihr erklärt, wie so ein Termin verläuft, wer im Gerichtssaal wo sitzt.  Die Frau wird ihre Nerven bündeln müssen, dass sie vor Gericht eine gute wahrheitsgemäße Aussage treffen  kann. Das ist eine große Aufgabe für sie.


Wochenblatt: Wenn ich angegriffen werde, dann ist doch die Gefahr groß, dass mein Sicherheitsgefühl, das wir in diesem Land ja haben dürfen, im Kern leidet.

Raible: Ja klar. Das Vertrauen darin, dass Menschen gut sind, geht verloren …


Wochenblatt: Ist das für den einen oder anderen dann dauerhaft zerstört, dieses Sicherheitsgefühl? Führt das manchmal auch zum sozialen Abstieg?

Raible: Nein, so weit würde ich nach meinen bisherigen Erfahrungen nicht gehen.


Wochenblatt: Das ist zumindest etwas beruhigend. Können die Opfer von Kriminalität auch Jahre nach der Tat noch einmal zu Ihnen kommen, wenn das traumatische Erleben noch einmal hochkommt?

Raible: Ja, dann schalte ich im Nachgang eine psychologischtherapeutische Maßnahme ein und da sind wir schnell. Und das ist auch etwas, das der Weiße Ring finanzieren kann, wenn es notwendig ist.


Wochenblatt: Wie finanziert sich der Weiße Ring?

Raible: Aus Spenden. (Mehr darüber unter https://weisserring.de/unterstuetzer)


Wochenblatt: Was würden diese Opfer mehr brauchen?

Raible: Das ist eine schwierige Frage. Die Fälle sind sehr, sehr unterschiedlich gelagert, das kann ich so nicht beantworten. Ein Mädchen, das von ihrem Betreuer sexuell angegangen wird, die Schlägerei im Ladengeschäft oder ein Ehemann, der nach einer Fete nachts von seiner Frau niedergestochen wird... Da könnte ich jetzt  nicht sagen, wo die Gesellschaft reagieren müsste.


Wochenblatt
: Also einfach gut, dass es da den Weißen Ring gibt …

Raible: Ja, sicherlich. Presse und auch Justiz widmen sich den Tätern, zu Recht. Das will ich nicht in Abrede  stellen. Aber wie es den Opfern nach einem Vierteljahr, nach einem halben Jahr geht, welche seelischen Leiden sind da noch da, welche Langzeitwirkungen in ihrem Leben, darum wird sich nicht gekümmert. Da würde man  sich natürlich eine hauptamtliche Hilfe wünschen. Das wäre schön, aber das wird der Staat nicht leisten können, wer soll das finanzieren? Der Staat hat die Aufgabe, die Täter zu verfolgen, da kommt er nicht darum herum. Opferschutz und Opfersorge ist keine staatliche Aufgabe, zumindest nicht per Gesetz.


Wochenblatt: Wenn man in das Grundgesetz schaut, könnte man zumindest eine hoheitliche Aufgabe ableiten …

Raible: Das könnte man, ja. Der Staat hat sich die Polizei geschaffen, weil er schon vor vielen Generationen für Sicherheit und Ordnung sorgen wollte. Um die Feuerwehr hat er sich nicht gekümmert. Deshalb gibt es in den meisten Fällen eine freiwillige ehrenamtliche Feuerwehr. Da sind Bürger zusammengestanden und haben gesagt: Wir kümmern uns darum. Natürlich hätte der Staat auch da sagen können: Das machen wir genauso wie mit der Polizei als hoheitliche Aufgabe.


Wochenblatt: Die Rahmenbedingungen für das Ehrenamt sind nicht einfacher geworden?

 

Dieses Ehrenamt braucht Zeit für Menschen


Raible: Das ist so. Es machen Leute Ehrenämter, die erstens in unserer Gesellschaft keine festen Arbeitszeiten  haben, die zweitens nicht voll beschäftigt sind, die anderen haben wenig Ressourcen zur Verfügung. Bei uns sind oft Menschen gefragt, die Erfahrung als zum Beispiel Pädagogen und Polizisten haben. Die ehrenamtliche Arbeit machen also oft Pensionäre, die haben Zeit. Und das ist wichtig, weil: Wer bei uns hilft, braucht Zeit für längere Gespräche.


Wochenblatt: Das heißt, es geht um den Aufbau einer tragfähigen Beziehung für die Aufgabe, die für die Menschen gelöst wird, die zu Ihnen kommen?

Raible: Ja. Ohne vertrauensbildende Maßnahmen kommen Sie nicht weiter in dieser Arbeit. Es muss zwischenmenschlich stimmen. Vor Kurzem hatte ich einen Fall, da ging es um Streitigkeiten im Haus, da habe ich gemerkt, ich hatte keine Belege, und musste dann sagen, dass sich da jemand anders darum kümmern muss. Das hat nicht funktioniert. Das kommt selten vor, aber das gibt es.


Wochenblatt: Was war Ihr schwierigster Fall?

Raible: Lassen Sie mich überlegen. Vielleicht als eine Frau sich wegen eines Tötungsdeliktes an den Weißen Ring gewandt hat, mit zwei Kindern, der Getötete war Vater eines der Kinder. Der Mann war in einer Unterkunft untergebracht, in der es Streitereien gab, und der Mann wurde nachts abgestochen nach einem Streit. Die Frau wusste nicht, wie sie damit umgehen soll. Die Staatsanwaltschaft wollte damals nicht anklagen, weil man dem Getöteten unterstellt hat, dass er das ein Stück weit provoziert hat. Mit Hilfe eines Anwaltes hat man Einspruch eingelegt und die Sache ist doch zur Anklage gekommen. Es kam dann zur  Berurteilung des Täters. In der Nebenklage hat dann das Kind, darum ging es, eine entsprechende  Entschädigung bekommen. Da haben wir einiges erreichen können. So etwas geht dann auch persönlich an die Nieren.


Wochenblatt: Was machen Sie zum Ausgleich für sich?

Raible: Ich kann gut abschalten, das musste ich als Lehrer auch können. Ich treibe Sport, mache Musik, besuche auch mal eine Veranstaltung mit meiner Frau ….


Wochenblatt: … Sie haben gesagt, Sie haben viel weniger Menschen als Sie bräuchten für die Arbeit im Landkreis. Drei statt wie früher 14. Zeit für einen Werbeblock: Was erfüllt Sie an dieser Arbeit?

Raible: Der Umgang mit Menschen und die Möglichkeit, meine personalen Kompetenzen einzubringen und jemand anders zu helfen. Ich war ja vorher Lehrer, da konnte ich das auch erfüllen, man wird ja nicht umsonst Lehrer. Ich habe 40 Jahre Erfahrung gesammelt, die mir jetzt zu Gute kommen. Die Zuwendung zum Menschen ist zentral. Ich hatte beispielsweise einen Stalkingfall, bei dem ich geholfen habe, dass eine junge Frau ein Annäherungsverbot erwirken konnte vor Gericht.


Wochenblatt: Wenn ich in Ruhestand bin und ich habe endlich Zeit für so eine menschliche Tätigkeit, für die  ich mir wirklich Zeit nehmen kann, dann stelle ich mir das toll vor. Warum finden sich heute so schwer  Menschen die das machen?

Raible: Einige machen es ja. In meinem Bekanntenkreis machen viele solche Arbeit, als Flüchtlingshelfer, als Vorstände und so weiter. In der Kirche sind viele engagiert. Aber das muss man auch ein bisschen angebahnt  bekommen durch die eigene Sozialisierung. Ich habe als Kind Ferienlager mitgemacht als Teilnehmer, später als Betreuer. Habe also Kontakt damit bekommen in jungen Jahren. Darum geht es, in jungen Jahren Kontakt zu bekommen mit solcher Arbeit.


Wochenblatt: Wohin wendet sich jemand, der bei Ihnen mitmachen will?

Raible: An die Landesgeschäftsstelle des Weißen Rings in Stuttgart oder direkt an mich. Telefon: 07731 / 74546.


Wochenblatt: Ich bedanke mich bei Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview führte Anatol Hennid

Wochenblatt @: Anatol Hennig


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