- Anzeige -

Zurück in der Stadt

Restart des Einzelhandels
Fast wie in »alten Zeiten« fühlt es sich derzeit beim Bummeln und Einkaufen in den Städten und Gemeinden der Region an. swb-Bild: Kim Kroll

Mit den Lockerungen blüht der Einzelhandel in Städten und Gemeinden auf

Landkreis Konstanz. Die Inzidenzzahlen sinken - das Stimmungsbarometer steigt: Kein Zweifel, der Einzelhandel blüht dank der verbesserten Möglichkeiten durch die ersten beiden Öffnungsstufen sichtlich auf und die Mehrzahl der Händler ist sich einig: Das pulsierende Leben kehrt langsam wieder zurück in die Innenstädte und Gemeinde.
Nach den vergangenen trüben Monaten ist ein Frühlingserwachen in Singen deutlich zu spüren. Die Kunden genießen die wiedergewonnene Freiheit beim Bummeln, Flanieren und Einkaufen und die Einzelhändler begrüßen ihre Kunden mit attraktiven Angeboten und bester Laune.

»Bei uns ist der Restart sehr gut angelaufen und man spürt, dass langsam das normale Leben wieder zurückkehrt«, freut sich Thomas Kornmayer, mit seiner Frau Bettina Geschäftsinhaber des Modegeschäfts Heikorn in Singens City. Positive Impulse, freundliche Kunden und aufmerksame Mitarbeiter, die froh sind, endlich wieder arbeiten und persönlich beraten zu können, sind für ihn klare Zeichen, dass es wieder aufwärts geht.»Die Stimmung in der Stadt ist super, die Menschen lachen, sind froh über Perspektiven und das tut allen gut« ist Kornmayer überzeugt.
Die schlimmen Monate, die hinter dem Einzelhandel liegen, hakt er ab: »Ich blicke lieber optimistisch nach vorne«. Denn darin bestätigen ihn die Zahlen: »Von diesen niedrigen Inzidenzwerten hätten wir vor einem Monat nicht zu träumen gewagt«, ist sich Kornmayer sicher.
Auch Alexander Kupprion, Geschäftsführer bei Sport Müller in der Scheffelstraße in Singen, sieht die positiven Effekte der ersten Öffnungsstufen in seinem Geschäft. »Wir sind einfach froh, dass wir wieder aufmachen dürfen und sind zufrieden mit den Umsätzen«. Seit die Testpflicht vor dem Einkauf wegfiel habe sich die Kundenzahlen und der Umsatz deutlich verbessert. Letzterer ist jetzt sogar etwas besser als im Vergleichsmonat des vergangenen Jahres. Auch von Seiten des City Rings, in dem er aktives Mitglied ist, sei diese Aufbruchstimmung deutlich spürbar. Die Kunden nutzen die neuen Einkaufsmöglichkeiten - mittlerweile auch ohne click & meet - und die Händler sind zufrieden. Kupprion erwartet bei weiter niedriger Inzidenz, dass der Singener Einzelhandel den »Cano-Effekt« zum ersten Mal richtig erleben wird. »Das wird spannend werden, wenn das neue Einkaufscenter voll geöffnet ist und die gesamte Innenstadthändler davon profitieren«, ist der Geschäftsführer überzeugt.
Rückblickend auf die langen Monate des Lockdowns ärgert ihn allerdings die Ungleichbehandlung von Fachhändlern und Grundversorgern, die öffnen und oft ein ähnliches Sortiment wie der Einzelhandel anbieten durften. Aber dieses Thema sei abgehakt, denn »als Sportler muss man Vergangenes schnell wegstecken«, so Kuprion, der es als ehemaliger Deutscher Meister im Snowboardcross und Olympia-Teilnehmer wissen muss.

»Jetzt atmen wir erst einmal durch und sind wieder ganz normal für unsere Kundschaft da - natürlich gemäß den Vorgaben«, freut sich auch Doris Buhl vom gleichnamigen Taschen- und Ledergeschäft in der Engener Altstadt. In den letzten Monaten musste sie »sehr flexibel« agieren und bot ihre Waren auf allen nur möglichen Kanälen an. Im Internet, über soziale Netzwerke und über click & meet und immer unter Berücksichtigung der vorgegeben Möglichkeiten. »Das war eine harte, anstrengende Zeit, deshalb sind wir froh und dankbar, dass wir jetzt wieder einen schönen Kundenverkehr in unserem Geschäft haben«, fasst Doris Buhl zusammen. Allerdings ist sie sich durchaus bewusst, dass es auch wieder ganz anders kommen kann.

Dieser lange Schatten der Pandemie, mit der monatelangen Schließung seines Reisebüros, kann auch Alexander Growe aus Gottmadingen nicht so schnell vertreiben. »Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es ist, wenn man keine Perspektive mehr hat. Das kann einen regelrecht zerfressen«, blickt er zurück. Doch mittlerweile hat der Vorsitzende des örtlichen Gewerbevereins wieder alle Hände voll zu tun. Kunden machen Termine, die Telefone klingeln und manchmal schauen Besucher nur vorbei um nach dem Befinden zu fragen. »Das ist positiver Stress, der motiviert und gibt Kraft«, meint der Reisefachmann.
Nach den beiden Öffnungsschritten sei es jetzt fast wieder wie in »alten Zeiten« - »die Reiselust ist wieder eingekehrt und das tut unglaublich gut«, fasst Growe zusammen.
Aufwärts ging es bereits, als die Schweizer Kundschaft wieder zum Einkaufen über die Grenze durfte. »Die Schweizer bringen einfach mehr Leben in unseren Ort und unsere Gewerbetreibenden profitieren von diesem Grenzverkehr«, betont er. Nach der harten Zeit während des Lockdowns, als er im Monat gerade einmal ein bis zwei Reisen vermitteln konnte, erlebe er derzeit viel Zuspruch und positives Feedback von seiner Kundschaft. Auch wenn nicht jeder Reisewunsch erfüllt werden könne seien die meisten Reisewilligen verständnisvoll und buchen einfach ein anderes Ziel.
Die Stimmung ist gut, der Umgang freundlich und die Kundschaft spüre, dass sie willkommen ist, fasst Growe zusammen. Dies bestätigen ihm auch andere Gewerbetreibende in Gottmadingen, mit denen er als Vorsitzender des Gewerbevereins in engem Kontakt steht um Informationen und Ratschläge auszutauschen. Erstaunlicherweise ist die Zahl der GV-Mitglieder während der Pandemie sogar leicht angestiegen. »Offensichtlich hat die Krise den Verein gestärkt«, staunt Alexander Growe. Erstes Signal des Vereins nach langer Zeit verordneter Untätigkeit werden hundert Geschenkgutschein sein, die einen Bonusbetrag beinhalten. Der Beschenkte kann damit in über 100 Unternehmen in Gottmadingen und den Ortsteilen einkaufen, unterstützt viele Einzelhändler, Dienstleister und Gastronomiebetriebe im Ort und trägt zu einem lebendigen Ortskern bei. »Wir stehen in den Startlöchern und hoffen, bald wieder richtig loslegen zu können«, verspricht der GV-Vorsitzende, hat aber weiterhin Respekt vor der Zukunft, wo neben florierenden Geschäften auch eine vierte Welle lauern kann.

Das familiengeführte Kaufhaus Kratt in Radolfzell hat in seiner über 100-jährigen Geschichte schon so manche Krise durchgemacht. Geschäftsführer Hermann Kratt ist daher erleichtert, dass nun auch der Weg aus der aktuellen Krise vorgezeichnet scheint. »Wir sind dankbar, dass die Kundinnen und Kundinnen nun wieder persönlich zu uns kommen dürfen und damit auch wieder eine Perspektive zurückgekommen ist«, betont er im Gespräch mit dem Wochenblatt.
Auch Eberhard Martin von Sport Martin in Stockach ist erleichtert über die Öffnungen. »Den Verlust werden wir nicht mehr reinholen können, aber wenn es jetzt so weitergeht, sind wir zufrieden«, erklärt er. Einzig die Testpflicht an den ersten Öffnungstagen habe einige Kunden abgehalten ins Geschäft zu kommen, aber ansonsten sei das Angebot gut angenommen worden. »Wir hatten auch nie das Problem, dass wir Kunden wegschicken mussten aufgrund der Zutrittsbeschränkungen. Es gab eigentlich immer spontan Termine«, berichtet Martin.
Da Augenoptiker als Systemrelevant eingestuft waren, musste Gudrun Siegmund, die Geschäftsführerin von »Blickfang« in Stockach den Laden nie komplett schließen. Doch auch sie bekam die Krise zu spüren. »Da wir gerade im modischen Bereich stark aufgestellt sind, haben wir deutlich gespürt, dass der Bedarf an Zweit- und Dritt-Brillen zurückgegangen ist«, sagt Siegmund. »Die Leute waren einfach zurückhaltender. Jetzt spürt man aber, dass die Lebensfreude zurückkehrt«, betont sie.
Schlechter sieht es aktuell noch bei den Reisebüros aus. »Im Moment werden noch immer viele Reisen abgesagt«, berichtet Rainer Schey vom »Best Reisecenter« in der Radolfzeller Seestraße. Von den Vorkrisen-Umsätzen ist er dementsprechend noch sehr weit entfernt, auch wenn er spürt, dass die Nachfrage wieder steigt. »Die Beratungszeit ist allerdings deutlich angestiegen. Allein in Deutschland sind ja die Regelungen von Region zu Region unterschiedlich. Wenn jemand ins Ausland reisen möchte, gibt es also mitunter viele unterschiedliche Regelungen zu beachten«, erklärt Schey, der sich hierfür ständig über alle aktuellen Änderungen auf dem Laufenden halten muss. Und auch wenn er noch immer auf Staatshilfen angewiesen ist, bleibt er optimistisch.

Wochenblatt @: Ute Mucha