Welche Auswirkungen der nasskalte Sommer auf die Ernte hat
Wetterkapriolen machen Landwirten zu schaffen

Landwirtschaft, Ernte 2021
  • Landwirtschaft, Ernte 2021
  • Foto: Ewald Fürst aus Iznang steht knietief in seinen überschwemmten Feldern. swb-Bild: Fürst
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Landkreis Konstanz. Nach drei Hitze-Jahren in Folge hatten die Landwirte in der Region heuer mit Unwettern, Überschwemmungen und Hagel zu kämpfen. Die Sonne ließ sich verhältnismäßig selten blicken und ließ die Bauern zu oft im Regen stehen. Wie die Ernte in diesem Sommer ausfiel, ob sie verhagelt war oder doch noch ordentlich eingebracht werden kann, darüber sprach das Wochenblatt mit Gemüsebauer Ewald Fürst aus Iznang auf der Höri, Bianca Duventester, Imkerin aus dem Stockacher Raum, und den Winzern Lorenz Keller und Julian Moser von Schloss Rheinburg in Gailingen. Sie erzählen vom unberechenbaren Sommer 2021 und seinen Folgen. Dazu nimmt der Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes, Werner Räpple, Stellung und zeigt auf, welche Auswirkungen dieser Erntesommer auf Verbraucher hat und wie die Politik bei Zunahme der Wetterextreme die Landwirtschaft unterstützen sollte.

Für Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes e. V. mit Sitz in Freiburg, war das bisherige Jahr 2021 ein äußerst herausforderndes. Es steht mit viel Regen und Kälte im krassen Gegensatz zu den zurückliegenden drei Jahren, die von Trockenheit und Hitze geprägt waren. »2021 war es schwierig, Qualität ins Regal zu bringen«, fasst der 65-Jährige zusammen. Dabei erforderte die überwiegend feuchte, kühle Witterung mit hohem Pilzdruck eine besonders sorgfältige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, sowohl im konventionellen wie biologischen Bereich. »Gerade die Biobauern mussten erhebliche Einbußen hinnehmen«, so Räpple, deshalb seine Botschaft: »Pflanzenschutz muss immer wieder neu bewertet werden.« Dies auch im Hinblick auf die Konkurrenz im europäischen Raum, die günstigere Ware importiert und damit regionale Produkte verdränge. Deshalb sei es für die Wettbewerbsgleichheit wichtig, dass einheitliche europäische Standards gerade beim Pflanzenschutz geschaffen werden, so seine Forderung an die Politik. Unterschiede gibt es auch bei den Lohnkosten innerhalb der Union die von rund zehn Euro in Deutschland über vier Euro in Spanien bis zu zwei Euro in Osteuropa reichen. Damit hängen auch die Verbraucherpreise zusammen. Werner Räpple: »Unseren Landwirten laufen die Kosten davon. Besonders arbeitsintensiv sind die Bereiche Gemüse, Obst und Wein. Hinzu kommt, verlässliche und ausreichend Erntehelfer zu finden, und die CO2-Steuer belastet die Bauern, die auf ihre Landmaschinen angewiesen sind, zusätzlich«, weiß der Winzer und Obstbauer aus Oberrotweil im Kaiserstuhl aus eigener Erfahrung. Er rät den Erzeugern, angesichts der Wetterextreme auf resistente Züchtungen, Ernteversicherungen und eine gute Bodenstruktur mit hohem Humusgehalt zu setzen, um Stabilität in die Betriebe zu bekommen. Zudem befürwortet er, die Selbstversorgungsquote in Deutschland bei Gemüse und Obst von derzeit knapp 50 Prozent zu steigern, um eine gewisse Unabhängigkeit zu wahren. Am Ende soll es sowohl für Erzeuger als auch Verbraucher stimmen – soll heißen: angemessener Lohn für die Landwirte und bezahlbares, gesundes Essen für die Verbraucher.

Wetterkapriolen

»So etwas wie in 2021 habe ich in den vergangenen 40 Jahren nicht erlebt«, resümiert Ewald Fürst, der gemeinsam mit seiner Tochter Andrea in Iznang einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb führt und auf gut 50 Hektar Land auf der Höri Obst, Gemüse und Getreide anbaut. »Es war sehr schwierig, kräfteraubend und nervenaufreibend«, fasst er zusammen und blickt auf Monate mit extremen Wetterkapriolen zurück. Im Januar brachen die Folientunnel auf den Feldern unter der schweren Schneelast zusammen und der Ackersalat gefror unter den dicken Schneemassen. Im Februar erfroren Himbeeren und Brombeeren bei Eiseskälte und im März tobten orkanartige Stürme mit Regen und Hagel und machten Teile der Ernte zunichte. Im April wurden dem Spargel über 20 Frostnächte zum Verhängnis und im Mai und Juni fielen Freilufterdbeeren und Gemüse den Regenmassen zum Opfer. »Zwiebelfelder standen unter Wasser«, erinnert sich der 62-Jährige an die jüngsten Überschwemmungen, als er Felder abpumpen musste, die in den vergangenen drei Sommern unter Hitze und Trockenheit gelitten hatten. Die Wetterkapriolen mit all ihren Unwägbarkeiten machten Planungen fast unmöglich, vor unliebsamen Überraschungen war man keinen Tag sicher, so Ewald Fürst. Doch abgerechnet werde erst Ende des Jahres, zeigt er sich weiter optimistisch und hofft auf einen goldenen Herbst, damit Kohl, Salate, Fenchel und Co wachsen, reifen und geerntet werden können. Doch er weiß genau: »Gegen das Wetter sind wir machtlos.«

Widrige Umstände

Über so manche Auszeichnungen für ihre Weine konnten sich Lorenz Keller und Julian Moser vom Weingut Schloss Rheinburg in Gailingen in der Vergangenheit schon freuen, doch in diesem Jahr hatten auch sie mit widrigen Umständen zu kämpfen. »Es war bisher ein schwieriges Jahr für uns. Die vielen Niederschläge haben für einen hohen Pilzdruck gesorgt, der zum Teil nicht nur die Blätter, sondern auch die Trauben angegriffen hat«, erklärt Julian Moser im Gespräch mit dem Wochenblatt. Im konventionellen Anbau, wie er auf Schloss Rheinburg praktiziert wird, sind die Ausfälle voraussichtlich nicht so gravierend. »Wir sind insgesamt mit einem blauen Auge davongekommen. Manche Kolleginnen und Kollegen im Bodenseeraum haben deutlich stärkere Schäden durch den starken Pilzbefall zu beklagen«, berichtet Moser. Für diese Weingüter ist 2021 ein echtes Katastrophenjahr, denn gegen Pilzbefall gibt es keine Risikoversicherung. Dabei hat das Jahr schon schwierig angefangen. Durch Frost und Hagel haben die Reben schon im Frühjahr stark gelitten. Die Ernte wird sich indes voraussichtlich um zwei Wochen nach hinten verschieben im Vergleich zu den letzten Jahren. »Wir peilen Ende September an«, sagt Moser. Doch wer nun befürchtet, dass der Jahrgang 2021 aufgrund all dessen ein schlechter wird, kann erst mal noch ruhig bleiben. »Wir stehen gerade am Beginn der Reife und hoffen jetzt auf trockenes Wetter und viele Sonnenstunden. Wenn das Wetter bis zur Ernte noch konstant schön bleibt, dann haben wir gute Chancen auf einen guten Jahrgang. Auch weil die Erträge insgesamt geringer ausfallen«, erklärt Moser und fügt hinzu: »Wir bleiben auf jeden Fall zuversichtlich.« Auch was die Preise anbelangt, rechnet er nicht mit einem großen Sprung nach oben. Der Weinpreis reagiere im Allgemeinen sehr träge. Extreme Preisunterschiede zu den vergangenen Jahren seien daher nicht zu erwarten.

Bienen durchgefüttert

Auch für die Imker war das kalte und feuchte Jahr schwierig, berichtet Bianca Duventäster, die Vorsitzende des Imkervereins Stockach im Gespräch mit dem Wochenblatt. Da dieses Jahr so kalt und nass war, haben viele Pflanzen keinen Nektar produziert. »Dieses Jahr mussten wir fast alle durchfüttern«, erklärt Duventäster. Bis zur Sommersonnenwende wachsen die Bienenvölker in der Regel. »Anfang April habe ich noch gedacht, es könnte ein gutes Jahr werden, aber als ich Ende April wieder eine Kontrolle bei meinen Bienenvölkern gemacht habe, war schon abzusehen, dass es ein sehr problematisches Jahr wird«, erklärt die Imkerin. Konkret bedeutet das: Die Honig-Ernte fällt bei ihr und vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen in diesem Jahr buchstäblich ins Wasser. »So etwas habe ich in den zwölf Jahren, die ich als Imkerin tätig bin, noch nie erlebt«, sagt Duventäster. Zusätzlich hat das Wetter den Sommer über dafür gesorgt, dass sich die Varroamilbe in den Bienenvölkern gut verbreiten konnte. Diese gilt als der bedeutsamste Bienenschädling weltweit und kann schweren Schaden in den Bienenvölkern anrichten, erläutert Bianca Duventäster. Doch was bedeutet das für den Verbraucher? »Die Verbraucher sollten bereit sein, mehr für heimischen Honig auszugeben«, erklärt Duventäster. Rund 80.000 Tonnen Honig werden in Deutschland pro Jahr verzehrt. Auch in guten Honig-Jahren kommen lediglich 20.000 Tonnen davon aus heimischer Produktion. »Der heimische Honig ist auf jeden Fall der gesündeste«, erklärt Duventäster. Ein Großteil des Honigs, der in Deutschland verbraucht wird, komme aus China oder den USA, und dieser muss vor dem Versand speziell verarbeitet werden, wodurch viele wichtige Bestandteile verloren gehen. Doch nicht nur die Honigbienen haben unter dem Wetter gelitten. Viel Schlimmer hat es die Wildbienen getroffen, die nicht von einem Imker versorgt und gegebenenfalls zugefüttert werden. Ohnehin seien schon zwei Drittel der heimischen Wildbienenarten vom Aussterben bedroht. Das nasskalte Wetter 2021 habe ihre Lage noch zusätzlich verschärft, macht Duventäster deutlich.

Autor:

Ute Mucha aus Moos

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