1945 Jahre nach Christus II
Deportation mit Ziel Singen - Frucht der Versöhnung

Zu dieser Gruppe gehörten auch tausende deutscher Landsleute, die ab 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee aus den deutschen Ostgebieten vertrieben wurden und die in Singen eine Bleibe fanden. Darüberhinaus hatten sich viele auch durch Flucht vor der Rache der sowjetischen Besatzer auf den Weg nach Westen gemacht und kamen dann per Zufall in die Stadt am Hohentwiel.

Diese Flüchtlinge und Heimatvertriebenen wurden auch in Singen und Umgebung selten mit offenen Armen aufgenommen: Ihre Lebensgewohnheiten, ihre Dialekte, ja sogar ihre Zugehörigkeit zu Konfessionen, die von der hier etablierten Konfessionsmajorität abwich, führten dazu, daß diese "Fremden" oft mit Argwohn betrachtet und behandelt wurden. Das Schicksal dieser Deutschen ist bedauerlicherweise in den letzten 50 Jahren fast unbeachtet geblieben, ihre Vergangenheit ist - aus der Sicht des Autors - weder für diese Menschen selbst noch zur Dokumentation dieses traurigen Kapitels der deutschen Geschichte gebührend aufgearbeitet und dokumentiert worden.

Dies sollte, ja dies muß noch getan werden, solange die betroffene Generation selbst noch darüber reden kann. Dagegen ist der schicksalhafte Weg einer anderen Gruppe von Deportierten im Detail erarbeitet und dokumentiert worden: Die Geschichte der Zwangsarbeiter, die durch die NS-Diktatur nach der Besetzung ihrer Heimat aus ganz Europa zwangsdeportiert wurden, um in Deutschland als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und in der Rüstungsindustrie die deutschen Männer zu ersetzen, welche zu den Waffen gerufen wurden.

Ihre Arbeitsplätze waren vor allem bei MAGGI, Georg Fischer und bei Alusingen. So waren denn ab 1942 bis zum Ende des 2. Weltkriegs fast 3000 Zwangsarbeiter in Singen, d.h. jeder sechste Singener war ein solcher Deportierter. Unter ihnen waren auch Kinder im Alter von 11 Jahren, die ohne ihre Eltern deportiert wurden. Vor allem die Menschen aus Osteuropa - die meisten stammten aus der Ukraine - hatten unter den strengen Anordnungen der braunen Diktatur zu leiden.Sie wurden in Lagern hinter Stacheldraht gefangengehalten, ihre Behandlung, ihre Ernährung war zum Teil menschenunwürdig. Das persönliche Gespräch mit ihnen war verboten, jede Hilfe war strafbar, und immer wieder geschahen in dieser Zeit auch Übergriffe: Einweisungen in Konzentrationslager, Erschießungen und Erhängungen. Erfreulicherweise gab es aber trotz der schlimmen Vorgaben der NS-Diktatur auch in Singen und Umgebung Menschen, die diese Deportierten als Mitmenschen betrachteten und ihnen im Rahmen der geringen Möglichkeiten dringend erforderliche Hilfe angedeihen ließen: Ein Lichtstrahl in diese Schatten am Hohentwiel.

Info:
Mehrfach in diesem - nun bald zu Ende gehenden - Jahrhundert war die Stadt am Hohentwiel auch das Ziel von Menschengruppen aus ganz Europa, die in ihrer Heimat entrechtet, entwurzelt und vertrieben wurden. Solche Menschen sind zum jeweiligen Zeitpunkt ihrer Deportation hilflos, und sie genießen nicht den Schutz irgendeiner Lobby. Sie müssen sich von liebgewordenen Dingen trennen, sind angewiesen, sich eine neue Existenz und ein neues Umfeld zu schaffen. Sie büßen - selbst meist unschuldig - für Verbrechen, die menschenverachtende Diktaturen zuvor begangen hatten. Am Zielort erwartet sie dann im allgemeinen Ablehnung und Isolierung.

Die Aufarbeitung dieses Teils der jüngeren Geschichte unserer Stadt und ihrer Umgebung hat letztendlich dazu geführt, daß in jener Gegend in Osteuropa, aus welcher die meisten Zwangsarbeiter stammten, durch mühsame Kleinarbeit mehr als 40 Jahre nach Kriegsende viele dieser ehemaligen Singener Zwangsarbeiter wiedergefunden wurden. Ihre Befragung brachte es an den Tag, daß sie bedauerlicherweise nach ihrer überwiegend schlimmen Zwangsarbeiterzeit unterm Hohentwiel und nach der sehnsüchtig erwarteten Befreiung durch die französische Armee im April 1945 noch nicht das Ende ihres Martyriums erreicht hatten:

Die menschenverachtende Diktatur Stalins belegte sie völlig zu Unrecht mit dem Kainsmal der Kollaboration und sie waren nach ihrer Rückkehr in die Heimat in ihrer Gesellschaft, ja sogar in ihren Familien häufig - und dies bis vor wenigen Jahren - wie Aussätzige behandelt worden. Nicht wenige von ihnen wurden erneut deportiert. Aus dieser Suche nach den ehemaligen Zwangsarbeitern ist eine erfreuliche Aktion entstanden: Seit 1988 gibt es konkrete Kontakte zum Gebiet Poltava in der Ukraine. Dort liegt auch die Stadt Kobeljaki und diese Stadt am Dnjepr wurde 1993 die vierte Partnerstadt Singens. Außergewöhnliche menschliche Beziehungen sind entstanden, gegenseitige Besuche und Treffen mit den ehemaligen Zwangsarbeitern haben erreicht, daß ohne jeden Haß alte Vorurteile abgebaut werden konnten. Der Weg vom Hohentwiel zum Dnjepr war schwierig und aufwendig zu gehen, aber er hat sich gelohnt: Aus ehemaligen Feinden sind Freunde geworden !

Wilhelm J. Waibel

Autor:

Redaktion aus Singen

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