Vor 14 Millionen Jahren
Die Tropen bei Öhningen

Feuchtschwül steht die Luft selbst auf der Lichtung an dem kleinen See beim heutigen Öhningen. Ein junger Fuchs streunt durchs Gehölz, das schon fast an einen vietnamesischen Dschungel erinnert, und begegnet einem knapp einen Meter großen schwarzen Riesensalamander, der sich seelenruhig zwischen zwei Fächerpalmen den Weg in Richtung Wasser bahnt.

Zwei rund zwanzig Zentimeter große Frösche sitzen auf einem Felsen im Wasser und lassen ihre Zungen nach Insekten schnellen. Plötzlich hört man es knacken im Unterholz, erst leiser, dann immer lauter.

Das Gehölz am See teilt sich: Ein Mastodon, Vorfahre der Mammuts und der heutigen Elefanten, mit einer Schulterhöhe von immerhin vier Metern und damit das größte Landsäugetier, das jemals existierte, betritt die Szenerie. Es sucht nach einem Wasserloch und hat den See gefunden. Nein, in Öhningen auf der Höri soll nicht bald ein Museum entstehen, wenngleich ein weiteres Museum dort seine Berechtigung hätte, sondern: So oder so ähnlich ging es dort vor rund 14 Millionen Jahren zu. Dass Öhningen vor über zweihundert Jahren einer der bedeutendsten Fundorte von Fossilien (erhaltene Überreste von ehemals lebenden Tieren und Pflanzen) war, das weiss heute kaum noch jemand. Es war aber so.

Info:
Vor dem Jahr 1723 mussten Steinbrucharbeiter beim heutigen Öhningen auf sonderbare Formen in Steinen gestossen sein: Es handelte sich um Überreste - größtenteils versteinerte Knochen - von Tieren, die vor über 14 Millionen Jahren dort gelebt hatten. 1723 dann fand Johann Jakob Schweizer, Züricher Stadtarzt, in Öhningen ein versteinertes Skelett, das von damaligen Experten schnell identifiziert war: Es handelte sich, so glaubte man, um einen Menschen, einen Sünder, der von der Sintflut heimgesucht wurde. Es sollte einhundert Jahre dauern, bis man heraus fand, was das über ein Meter große Skelett wirklich ist: Ein Riesensalamander, der sich im subtropischen bis tropischen Regenwald bei Öhningen schon damals von Fischen, Würmern und Insekten ernährt haben muss.

Im Konstanzer Bodenseenaturmuseum (im selben Gebäude wie das Sealife-Center) finden sich heute die versteinerten Überreste der alten Welt. Sie stammen aus einer Zeit, als in unserer Region, die damals noch woanders auf dem Erdball auf den Magmamassen schwamm, tropisches bis subtropisches Klima herrschte und sich eine Tier- und Pflanzenwelt entwickelte, die nach den Worten von Museumsleiter Dr. Ingo Schulz-Wedding ähnlich der gewesen sein muss, die heute in Korea oder im Vietnam existiert. Später dann nach und zwischen den Eiszeiten, die alles unter sich begruben, war das Gebiet zwishcen dem heutigen Hohenfels und den schweizerischen Voralpen und ähnlich der Tundra im hohen Norden: Nach der letzten Eiszeit, der sogenannten Würmeiszeit, in der auch der Rheinfall entstanden ist, bahnten sich Birken und Kiefern, später dann auch weitere Nadelbäume, den Weg durch den sich langsam erwärmenden Boden. Bisons lebten im Hegau und Rentiere. Höhlenbären jagten den ersten Menschen in der Region Schrecken ein.

Anatol Hennig

Autor:

Redaktion aus Singen

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