1996 Jahre nach Christus
Nach 50 Jahren: Ein unverhofftes Wiedersehen

Miletij Kastriza gehörte zu jenen russischen Zwangsarbeitern, die die Willkürherrschaft des Hitlerregimes mitten im Krieg weg vom eigenen Feld hin zum Arbeitseinsatz bei deutschen Bauern beorderte.

Den jungen Weißrussen verschlug es nach Bankholzen, hier blieb er vom Juni 1942 bis zum September 1945, fand beim Bauern Gnädinger gute Aufnahme und schließlich in der Tochter des Nachbarn, Theresia Pfeifer, seine erste große Liebe. Unmittelbar nach Kriegsende entstand aus dieser Liebesbeziehung ein Kind, von dessen Wachsen im Mutterleib der Vater vor seiner erzwungenen Heimkehr nach Weißrussland noch erfuhr. Alle Bemühungen, zu seiner schwangeren Freundin zurückzukehren, blieben angesichts des hermetisch geschlossenen eisernen Vorhangs hingegen vergeblich. In seinem ersten Brief an die ferne Tochter vom März 1996 rekapituliert Miletij Kastriza dieses unbarmherzige Geschick mit wenigen Worten: "Das Schicksal war so grausam zu deiner Mutter und zu mir, so lagen die Verhältnisse, wir mußten uns mit Bitternis trennen. Du bist, Johanna, ohne Hilfe und Liebe des Vaters gewachsen. Das geschah wider Willen. Fünf Jahre lang heiratete ich nicht, jeden Tag dachte ich nur an meine Theresia." Von der Geburt seiner Tochter Johanna im Februar 1946 erfuhr Miletij Kastriza schließlich erst fünfzig Jahre nach dem glücklichen Ereignis. Einer seiner Briefe an den Sohn des ehemaligen Arbeitgebers Gnädinger landete auf Vermittlung eines Nachbarn just am 50. Geburtstag Johannas als "schönstes Geschenk" bei der Tochter, die die Sehnsucht nach ihrem fernen, unbekannten Vater immer wach im Herzen getragen hatte.

Auf diesen Tag datiert der Beginn einer zarten, nie mehr abreißenden Briefbeziehung zwischen Vater und Tochter, in die sich die Stimmen der fernen Halbgeschwister Tanja, Lida und Pjotr bald zum Familienkonzert mischten. Die Reaktion seiner drei jüngeren Kinder auf die neugewonnene große Schwester in Deutschland faßt Vater Miletij anrührend in (deutsche) Worte: "Sie sind jetzt reicher geworden, weil sie noch eine Schwester und einen Schwager bekamen, sie freuen sich über dieses Glück, das in unsere Herzen nach fünfzig Jahren kam." Selbstverständlich wird der Briefwechsel über zweieinhalb-tausend Kilometer durch gegenseitige Besuche regelmäßig unterbrochen und belebt. 1997 kam Miletij mit seinem Sohn Pjotr zum ersten Mal nach Iznang. Bei einem festlichen Dankgottesdienst in der Bankholzer Kirche teilte die wiedervereinte Familie damals ihre Freude mit all jenen Bankholzern, die sich noch an die dunkle Zeit vor über fünfzig Jahren zurückerinnern konnten.

Info:
Dass ein Vater die ersten Atemzüge seiner Tochter im Kreißsaal miterlebt, gehört am Ende des 20. Jahrhunderts zu den schönen Selbstverständlichkeiten. Wenn hingegen ein Vater die Stimme seiner inzwischen über fünfzigjährigen Tochter zum ersten Mal an seinem 75. Geburtstag hören darf, so spiegelt sich darin nur bruchstückhaft die über weite Strecken unheilvolle Geschichte dieses Jahrhunderts.

Der Gegenbesuch von Johanna und Adolf Reichers-dörfer im Juni 1998 geriet zum vierzehntägigen innigen Familienfest, das die beiden Iznanger beglückt über die Herzlichkeit ihrer neugewonnenen weißrussischen Verwandtschaft wie im Rausch durchlebten. Inzwischen ist, wie Johanna Reichersdörfer voller Freude bemerkt, eine enge emotionale Beziehung zu ihrer neuen Familie gewachsen. Von der ersten Begegnung an habe sie die innere Verwandtschaft zu ihren Geschwistern gespürt. Und daß man, vorläufig noch, Übersetzer für jeden Brief und bei jeder Begegnung braucht, tut der Innigkeit der Begegnungen keinen Abbruch.

Anne Overlack

Autor:

Redaktion aus Singen

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