Jahrhundert-Hochwasser vor 20 Jahren
1999: Als die große Flut kam

Spurensuche - Jahrhunderthochwasser, Höri, Iznang
  • Spurensuche - Jahrhunderthochwasser, Höri, Iznang
  • Foto: Unterwegs auf der Mooser Allee: Uli Billi mit Tochter Sandra in ihrer Gundel.
    swb-Bild: privat
  • hochgeladen von Ute Mucha

Höri. Trotz wenig einladender Regentage grünt und blüht es auf der Höri, die Uferanlagen sind gepflegt und die Gemüsefelder gut bestellt. Ganz anders war das Bild vor zwanzig Jahren, als es rund um den Bodensee »Land unter« hieß. Weite Gebiete von Bregenz bis Radolfzell waren überflutet. Damals breitete sich der See nach starken Regenfällen und einsetzender Schneeschmelze unaufhörlich aus, überflutete Wiesen, Felder, Straßen und Häuser und erreichte am 26. Mai 1999 den legendären Rekordpegel von 5,65 Meter. Derzeit beträgt der Wasserstand am Untersee knapp dreieinhalb Meter.

Das »Jahrhundert Hochwasser« von 1999 ließ eine ganze Region im Wasser versinken und hat bis heute den Blick der seenahen Anlieger geschärft. Besonders schlimm traf es damals Radolfzell und die Höri-Gemeinden Moos und Iznang, wo sich zahlreiche Anwohner an überflutete Keller und Gärten erinnern und Gemüsebauern mit Grauen an versunkene Äcker und spätere Ernteausfälle denken. In höchster Alarmbereitschaft befanden sich zu Pfingsten 1999 natürlich die Freiwilligen Feuerwehren und das Technische Hilfswerk, die rund um die Uhr im Einsatz waren. Tausende Sandsäcke wurden gefüllt und verteilt, um die Häuser vor dem Wasser zu schützen. Mit Pumpen, Folien und Schläuchen versuchte man der Lage Herr zu werden. Doch die Naturgewalt des Wassers war kaum zu stoppen.

Oberste Priorität hatte die Sicherung der Kläranlagen in Moos und Radolfzell. Der Schiffsverkehr wurde teilweise eingestellt oder auf einen Hochwasser-Sonderfahrplan beschränkt.
Das Kuriose: Im Vorjahr 1998 konnte die Höri-Fähre wegen Niedrigwasser nur eingeschränkt verkehren. Schlimm betroffen waren auch die Reichenauer. Sie waren fast vollständig vom Festland abgeschnitten, denn der Damm zur Insel war ebenso überflutet wie die Strandbadstraße zur Mettnau und die Allee zwischen Radolfzell und Moos. Dort tummelten sich über Wochen Entenpärchen und andere Wassertiere in einem erweiterten Revier.

Prekär wurde die Lage auch für zahlreiche Camper. In Iznang wurden die Wohnwagen in direkter Seenähe evakuiert. Auch der Landungssteg war gefährdet und musste mit Tonnen von Backsteinen stabilisiert werden. Die Schiffseigner prüften und sicherten ihre Boote und die Wasserschutzpolizei bat die Freizeitkapitäne langsam zu fahren um Welleschläge so gut es ging zu vermeiden. Der Reitstall in Radolfzell stand komplett unter Wasser, er war nur noch mit Anglerstiefeln zu erreichen, 40 Pferde mussten evakuiert werden. Auch das Tierheim musste geräumt werden und die Strandbäder waren trotz sommerlicher Temperaturen leer - die Liegewiesen versanken im Wasser und Schlamm.

Anfangs hatten die Kinder in den überschwemmten Gebieten noch Riesenspaß, im See vor der Haustüre zu planschen und mit Schlauchbooten durch die überfluteten Straßen zu fahren. Doch schnell war das Hochwasser-Vergnügen vorbei als es aus hygienischen Gründen hieß »Baden verboten«. Auch die Versorgung der Haushalte wurde mit zunehmender Dauer immer schwieriger.
Schnell hatte die Gemeinde für Holzstege in den unzugänglichen Wohngebieten gesorgt, doch Großeinkäufe und die Müllentsorgung waren eine mühevolle Plagerei für die Anwohner. Die Ansichten der Holzkonstrukte entlang der Wasserstraßen hatten etwas Skurriles und erinnerten an das Acqua Alta in Venedig.
Seltsame Blüten trieb im Hochwasser-Jahr auch der Tourismus am Untersee. Zahlreiche Feriengäste verließen über Pfingsten das »sinkende Schiff« Höri. Buchungen wurden storniert und die seenahen Gasthöfe klagten über leere Tische, da Massen an neugierigen Katastrophen-Touristen nur staunend über die Stege wanderten und in die überschwemmten Gebiete pilgerten.

Auch wenn heute nichts mehr an das Hochwasser vor zwei Jahrzehnten erinnert, bleibt der Blick der seenahen Bewohner sorgenvoll kritisch, wenn im Frühjahr Starkregen, Schneeschmelze und Gewitter einsetzen. Denn auf diese Art des direkten Seezugangs können die Anrainer wirklich verzichten.

»Das Wasser kam schnell«
Peter Kessler war erst wenige Monate im Amt als Bürgermeister der Höri-Gemeinde Moos als er schon Katastrophenhilfe organisieren musste. Er erinnert sich: »Das Wasser kam schnell. Quasi über Nacht stieg es um 65 Zentimeter. Ein Anwohner rief mich morgens um 7 Uhr an und sagte: ’Das Wasser steht vor meiner Tür!’ Dem voraus gingen lange Regenfälle, dann kam die Schneeschmelze hinzu und es begann wieder zu regnen. Die Böden konnten kein Wasser mehr aufnehmen. Wir organisierten Sandsäcke, die vom Bauhof mit einem eigens konstruierten Filter mit Hilfe von zahlreichen Freiwilligen gefüllt und verteilt wurden. Doch bald wurden die knapp. Als nächstes galt es Holzbretter für Stege zu organisieren und den Bootssteg mit einigen Tonnen zu beschweren, der Hafenmeister informierte die Schiffseigner und sicherte Boote. Am wichtigsten war die Sicherung der Kläranlage und die Abdichtung von Kanaldeckeln. Damals war die Organisation im Vergleich zu heute schwierig - wir hatten nur ein Handy! Die gesamten Aufwendungen während des Hochwassers beliefen sich auf Kosten in sechsstelligem Bereich. Entschädigung gab es dann für die Neugestaltung der Uferanlage, die vollständig unter Wasser stand. Das Hochwasser von damals hat bis heute den Blick verändert. So wurden zum Beispiel die neuen Strandbadgebäude in Moos und Iznang erhöht gebaut und es liegen Maßnahmenkataloge für den Fall der Fälle vor, die regelmäßig aktualisiert werden. Doch präventiv kann viel mehr nicht gemacht werden, denn wenn der See kommt, dann geht er flächig über die Ufer.«

Demütig vor der
Naturgewalt

Vergangenes Jahr, als nach heftigen Regenfällen der Wasserpegel im Untersee wieder bedenklich stieg, dachte sich Friedbert Hügle: »Hoffentlich gibt es nicht wieder Hochwasser«. Doch die Sorge war unbegründet. Anders als vor 20 Jahren, als das Jahrhunderthochwasser auch seinen Gasthof »Adler« in Iznang und den dazu gehörigen Campingplatz arg zusetzte. Friedbert Hügle erinnert sich: »Das Wasser stieg schnell an und reichte bis ans alte Rathaus. Nach dem Höchststand am Pfingstsonntag war der »Adler« nur noch über schmale Holzstege erreichbar. Es kamen unzählige Katastrophentouristen zum Schauen aber keine Gäste ins Lokal - bis sich die Lage normalisierte, war die Saison gelaufen. Auf dem Campingplatz mussten die vorderen Reihen evakuiert werden. Da halfen alle mit. Insgesamt sind wir noch glimpflich davon gekommen, wir hatten im Keller, in der Scheune und in den Toiletten Wasser - da waren andere viel schlimmer dran und konnten ihre Häuser monatelang nicht bewohnen. Solch eine Katastrophe lässt einen demütig werden vor der Gewalt der Natur und ich hoffe, dass wir künftig davon verschont bleiben.«

Autor:

Ute Mucha aus Moos

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