Diese Woche im Wochenblatt: die »Arbeitswelt« – Alexandra Thoss von der IHK zur aktuellen Situation
Einsteigen in die Ausbildung ist noch immer möglich

Arbeitswelt

Singen. In dieser Woche im Wochenblatt: die Beilage »Arbeitswelt« zum Thema Ausbildung mit vielen Tipps und Anregungen. Über die aktuelle Lage kommunizierte das WOCHENBLATT mit Alexandra Thoß, Zuständig für das Thema Ausbildung bei der IHK Hochrhein-Bodensee:
Wochenblatt: Gibt es Zahlen, wie sich die Zahl von Ausbildungsverträgen im Kreis Konstanz in diesem Jahr entwickelt haben?
Alexandra Thoss: Die Zahl an Ausbildungsverträgen im IHK-Bezirk Hochrhein-Bodensee ist merklich zurückgegangen, besonders im Jahr 2020 erlebten wir bei den Eintragungen einen Einbruch.
August 2018 waren es noch 2.586 Ausbildingsverträge, 2019 2.470, dann im August 2020 2.077 und dieses Jahr bis jetzt 1.949.
Auch in diesem Jahr verzeichnen wir einen leichten Rückgang bei den Eintragungen. Wir glauben aber, dass es Nachholeffekte geben wird. Es gibt aktuell eine größere Anzahl an Jugendlichen, die weder auf eine weiterführende Schule gehen, noch ein Studium oder eine Ausbildung beginnen. Aufgrund der Unsicherheiten durch die Corona-Krise könnte es sein, dass viele ein Jahr pausieren und wir im kommenden Jahr mit einem »doppelten« Jahrgang rechnen müssen.
In einigen Branchen bleibt es weiter unsicher, wie es mit dem Ausbildungsengagement weitergeht. Dazu gehören die Reise- und Eventbranche. Dort könnte es mit einem Ausbildungsplatz schwieriger werden, da die Unternehmen bis heute mit den Folgen der Pandemie kämpfen und jungen Menschen keinen sicheren Ausbildungsplatz anbieten können.
Wo fehlen die Azubis? Die Gastronomie, der stationäre Einzelhandel, das Transportgewerbe und Unternehmen, die in Lagerberufen ausbilden, berichten uns, dass es schwer ist, Auszubildende zu finden. Das ist kein neues Problem, aber in manchen Bereichen sicherlich verschärft durch die Corona-Krise. Kaum Probleme haben dagegen Industrieunternehmen. Sie können in der Regel schon sehr früh freie Ausbildungsplätze besetzen. Das liegt natürlich auch daran, dass die Industrie ihren Auszubildenden deutlich mehr zahlen kann. Allerdings gehen dort auch viel weniger Bewerbungen pro Ausbildungsplatz ein als früher. Wir haben seit Jahren die Situation, dass das Angebot an Ausbildungsplätzen größer ist, als es potenzielle Bewerber gibt.
Viele junge Menschen entscheiden sich schnell gegen eine Ausbildung. Das hat viel mit der Stellung der Berufsausbildung in unserer Gesellschaft zu tun. Seit Jahren wird das Studium von der Politik aktiv beworben, leider zu Lasten der Ausbildung. Junge Menschen fürchten um ihre soziale Stellung, wenn sie sich für eine Ausbildung entscheiden. Hinzu kommt, dass viele Schulabgänger*innen kaum etwas über die Möglichkeiten mit einer Berufsausbildung wissen. Die Ausbildung ist keine Endstation, sondern kann die Basis für einen sehr vielseitigen Bildungsweg und eine spannende Karriere sein. Zum einen gibt es zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten, zum anderen die Option eines späteren Studiums.
Wochenblatt: Hat das mit der Bereitschaft der Unternehmen zu tun, auszubilden, oder wurde auch das Angebot reduziert in Folge der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise?
Alexandra Thoss: In der Industrie wird unvermindert ausgebildet. Die Eintragungszahlen sprechen eindeutig dafür. Auch in der Gastronomie liegen die Eintragungen kaum unter Vorjahresniveau, obwohl die Unternehmen überwiegend geschlossen waren. In der Reise- oder Veranstaltungsbranche sieht es weniger gut aus, was nur verständlich ist, da nicht absehbar ist, wann die Unternehmen in einen zuverlässigen »Normalbetrieb« zurückkehren werden. Die Unternehmen haben den Anspruch, ihre Auszubildenden gut auszubilden, doch aufgrund der immer noch anhaltenden Unsicherheit ist die Zurückhaltung nachvollziehbar. Auch im Handel liegen weniger Verträge vor. Wir gehen aber stark davon aus, dass sich das ändert, wenn die Corona-Krise überwunden ist.
Wochenblatt: Gibt es noch Möglichkeiten für Späteinsteiger, die sich erst jetzt entscheiden?
Alexandra Thoss: Es werden noch Auszubildende gesucht, auch für das laufende Ausbildungsjahr. Egal, ob Industrie, Handwerk, Gesundheits- oder freie Berufe – zahlreiche Wirtschaftszweige suchen noch nach guten Nachwuchskräften. Vielleicht ist nicht mehr der Traumberuf dabei, aber die Auswahl ist dennoch groß. Es kann sich lohnen, bei dem Wunschbetrieb direkt anzurufen. Da Unternehmen nicht verpflichtet sind, freie Ausbildungsplätze zu melden, könnte sich eine Nachfrage durchaus lohnen.
Wochenblatt: Die IHK Hochrhein Bodensee hat im August das Projekt AzubiCard gestartet – soll damit das Thema betriebliche Ausbildung weiter gestärkt werden?
Alexandra Thoss: Unser Ziel ist, bei jungen Menschen Interesse für die duale Ausbildung zu wecken und für die berufliche Bildung als Alternative zum Studium zu werben. Ausbildung und Studium sollen vergleichbar sein. So bieten wir jetzt, wie bereits mehr als 30 andere Regionen, als Alternative zum Studentenausweis die AzubiCard an.
Hier in der Region sind wir ab sofort zusammen mit der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, der IHK Südlicher Oberrhein, der HWK Freiburg und der Steuerberaterkammer Südbaden unter www.azubicard.de/suedbaden aktiv.
Die Karte erhält jeder Auszubildende, der bei den beteiligten Kammern ein registriertes Ausbildungsverhältnis hat. Sie gilt für die Dauer seines Ausbildungsverhältnisses. Wer ein passendes Angebot auf der Website entdeckt hat, kann beim entsprechenden Partner seine Karte vorzeigen und von den exklusiven Rabatten profitieren.
Jetzt werben wir darum, dass die Unternehmen aus der Region Südbaden Partner werden und ihre Angebote auf www.azubicard.de/suedbaden/ den Azubis präsentieren.
Der Benefit: Die Auszubildenden werden auf die Unternehmen aufmerksam, welche somit von der relevanten Kundengruppe der 14– bis 24-Jährigen wahrgenommen werden.

Autor:

Oliver Fiedler aus Gottmadingen

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