100. Jahrestag der Ermordung von Matthias Erzberger als Ausrufezeichen für die Region
Gedenken an einen Kämpfer für moderne Demokratie

Erzberger
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  • Foto: Dieter Stadtfeld und Hans-Peter Storz unter dem Straßenschild der Erzbergerstraße in Singen. Sie wurde zwei Mal, 1922 und 1945 nochmals, nach dem ermordeten Politiker der jungen Weimarer Republik benannt. swb-Bild: of
  • hochgeladen von Oliver Fiedler

Singen/Radolfzell. Der 26. August 1991 ist einer der markanten Tage in der jüngeren deutschen Geschichte, an diesem Tag wurde Matthias Erzberger in Bad Griesbach im Schwarzwald von Rechtsradikalen ermordet. Es war längst nicht der erste Anschlag auf den bedeutenden Politiker, der die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg prägte und der einmal sagte: „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen!“ Die Politikermorde in der Zeit der „Dolchstoßlegende“ ziehen freilich einen Kreis auch in unsere Region, wie anlässlich dieses Jahrestags der SPD-Landtagsabgeordnete Hans-Peter Storz aus Singen und Dieter Stadtfeld aus Radolfzell informierten. Denn am Ort des Attentats war damals auch der Radolfzeller Reichstagsabgeordnete Carl Diez zugegen, der im Kugelhagel ebenfalls schwer verletzt wurde, aber in seinem Kampf um die Demokratie weitermachen konnte, bis er 1993 durch die Ausschaltung aller Parteien seines Mandats für die Zentrums-Partei enthoben wurde und als ausdrücklicher Gegner der Nazi-Diktatur viele Repressalien und mehre Verhaftungen erleiden musste – und sogar beinahe im KZ Dachau landete.

Dieter Stadtfeld ist mit einer Enkelin von Carl Diez verheiratet und zog vor vier Jahren mit seiner Frau zurück in deren Heimat. Als Hobbyfilmer hat er sich der Geschichte seines Groß-Schwiegervaters in akribischer Kleinarbeit angenommen und aus vielen Archivquellen ein Portrait von Carl Diez geschaffen. Aus rechtlichen Gründen kann es allerdings nur über die Plattform „Vimeo“ unter https://vimeo.com/441469059 einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Öffentlichkeit wünschte sich Dieter Stadtfeld gerade für die Region etwas größer, denn Erzberger wie Carl Diez, der ja der Vater des früheren Singener OB Theopont Diez ist, sieht er als wichtige Vorkämpfer der heutigen Demokratie, waren sie doch beide Miterbauer der Weimarer Republik gewesen, Erzberger entwickelte im von Reparationsforderungen ungemein belasten Finanzsystem Deutschlands gar ein Steuermodell, das in großen Teilen heute noch Gültigkeit hat, indem die Starken die Schwächeren unterstützen sollen, um so Wirtschaftskraft besser zu verteilen.

Über die Aktion „Stolpersteine“ hat sich nun auch der Kreis in die Gegenwart geschlossen. In Radolfzell gibt es einen Stolperstein für Carl Diez, in Singen eine Erzbergerstraße, die bald nach dem Attentat nach Erzberger benannt, zwischenzeitlich eine Hindenburgstraße und bereits im Juni 1945 auf Druck der Besatzer wieder zur Erzbergerstraße wurde. Zum selben Zeitpunkt übrigens, als die Harsenstraße zur Max-Maddalena-Straße für allerdings nur 14 Jahre werden sollte. Peter Storz, der in Singen die Aktion „Stolpersteine" koordiniert, hörte den Ruf aus Radolfzell. Man könne sich vorstellen, die Männer des „Christlichen Idealismus“ zum Beispiel am Singener „Tag der Zivilcourage“ über den Film von Dieter Stadtfeld in die Schulen zu bringen, sagte Storz in dem zum Jahrestag anberaumten Mediengespräch. In Radolfzell könnte man mit der Aktion „Stolpersteine“ an diesen Jahrestag zum 8. oder 9. November erinnern. Denn: „Wir müssen den Menschen heute zeigen, dass es Vorbilder für eine lebendige Demokratie gibt“, schon weil aktuell das Demokratieverständnis beängstigend schwinde, um es gelinde zu sagen.

Autor:

Oliver Fiedler aus Gottmadingen

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