Der lautlose Abschied von einem „Enfant terrible“
Als hilflose Person in Damaskus aufgefunden

Der frühere Singener Galerist Günter Heiß ist tot. Länger schon. Die näheren Umstände blieben mysteriös. Seine Domain im Internet war zum Kauf angeboten. Geblieben sind aber seine Medizin-Vorwürfe im Netz: Aussitzen und totschweigen? Wahrheit hat im Internet-Zeitalter eine neue Dimension gewonnen. Da weist der Fall Günter Heiß weit über sich hinaus.

Zum Jahresende ziehen die Menschen gerne Bilanz. Man erinnert sich. Aber was ist eigentlich aus Günter Heiß geworden, dem Singener „Enfant terrible“ früherer Jahrzehnte? Als einsamer Demonstrant hatte er vor dem Singener Klinikum restliche Seriosität verloren. Die von ihm zuletzt oft beschimpften Medien schwiegen, bisher auch über seinen Tod. Doch seine Vorwürfe und Beschuldigungen anderer leben nicht nur im „Netz“ weiter, denn Produkte der „Buchagentur Günter Heiß“ sind als Bücher weiter unterwegs. Seine Sicht der regionalen Welt veröffentlichte er 2008 von einem Autor, den es nicht gibt: Cenio von Meyenburg. So wirkt Günter Heiß weiter. Der Titel hätte zum Aufschrei in der Gesundheitsszene führen müssen: „Der meineidige Arzt – wenn medizinische Behandlung gefährdet oder tötet“. Wenige Wochen vor Weihnachten bin ich über den Titel im Internet gleichsam „gestolpert“. Klar war, worum es geht: Günter Heiß hatte den Tod seiner Frau Dr. Ingeborg Gebert nicht überwunden, das Singener Klinikum mit Vorwürfen überzogen, eine Stiftung ins Leben gerufen, um kollektives Schweigen angesichts mancher Krebsdiagnosen zu durchbrechen. Doch dann brach die letzte Allianz des Protests Stück für Stück zusammen.

Das Buch schildert die Problematik, die Wahrheit aus der Sicht von Günter Heiß. Andere mögen damit schweigend weiterleben können, ich nicht. Namentlich hat er mich nie erwähnt, aus meinen Funktionen heraus aber erkennbar gemacht. Bei der Gründung der Dr. Ingeborg-Gebert-Heiß-Stiftung wurde ich Stiftungsratsvorsitzender, letztlich derjenige, der dem Finanzamt gegenüber nach dem nagelneuen deutschen Stiftungsrechts für die korrekte Abwicklung verantwortlich war. Und bei der Gründung saßen die Verantwortlichen des Finanzamts mit am Tisch. Ob Günter Heiß die Rechtsmaterie je begriffen hat, entzieht sich meiner Wahrnehmung. Ihm oblag „nur“ die Geschäftsführung der Stiftung. Nachdem ich vom Amt zurückgetreten war, las ich nur auf der Homepage der Stiftung, dass Heiß nun selbst als Stiftungsratsvorsitzender firmierte.

Vieles änderte sich in der Zielrichtung der Stiftung. Nur eines hatte sich nicht geändert: Günter Heiß brachte keine Ordnung in seine Finanzen. Die inzwischen verstorbenen Rechtsanwälte Klaus-Peter Schrade und Harald Höpfner hatten ihm Wege gewiesen, mit dem Erbe seiner Frau in einen abgesicherten Ruhestand zu gelangen. Genau das hatte seine Ehefrau durch die Heirat trotz sichtbarer Krebserkrankung erreichen wollen. Der Radolfzeller Oberbürgermeister Günter Neurohr hatte die Funktion des Standesbeamten übernommen, zum späteren Empfang wurden die alten Freunde zusammengerufen. Zu einem Vermächtnis? Ein Fundament für die Stiftung? Doch auch nach der Gründung kamen weiter Mahnbescheide aus früherer Geschäftstätigkeit. Selbst die Zwangsversteigerung des Wohnhauses war nur eine Zwischenstation!

Ich hatte längst meinen Vorsitz niedergelegt. Mit Negativ-Parolen und einem Altschuldenbuckel kann man niemanden zum Stiften motivieren! Im Buch wirft mir Günter Heiß vor, ich hätte mich dem Druck bösmeinender Leute ergeben. Dabei war er auch inhaltlich zum Spielball fremder Interessen geworden, was bei der Gesundheitsmesse in Radolfzell für mich bei der Moderation zweier Foren erstmals spürbar wurde. Professor Dr. Ronald Grossart-Maticek wurde zum Super-Guru, Stiftungsrat und erstem Träger eines von Heiß ausgelobten Europäischen Medizinpreises. Rüdiger Dahlke wurde zum Alternativ-Prediger, konnte aber seine Friedrichshafener Thermen-Träume trotz Luigi Colani nicht realisieren. Dann kamen die Wunderheiler an die Reihe: Licht ins Dunkel der Krankheiten brachte Dr. Michael Werner, mit Ryk Geerd Hamer handelte sich Heiß einen ausgewiesenen Antisemiten ein. Grossart-Maticek entlarvte die Stuttgarter Zeitung später als wackeligen Arzt aus Bukarester Schmiede.

Die Szenerie war grotesk: Der frühere Singener Kulturamtsleiter Dr. Herbert Berner hatte bei Heiß immer „Hintermänner“ vermutet, die es so nie gab. Doch jetzt beim Gesundheitsthema waren sie wirklich da! Andere missbrauchten seinen Schmerz nach dem Tod seiner Frau, um ein Forum für ihre zum Teil hasserfüllten Kampagnen zu erhalten. Im Buch über den angeblich „meineidigen Arzt“ rechnet Heiß noch einmal mit allen Beteiligten am Verkauf oder der Weiterverpachtung der Praxis seiner verstorbenen Frau ab. Und wieder stimmen seine Behauptungen nicht! Hätte nämlich Dr. Ingeborg Gebert ihrer Mitarbeiterin Frau Dr. S. nicht die Praxis in Aussicht gestellt gehabt, hätte diese zwei Jahre zuvor schon die Nachfolge einer Ärztin in Radolfzell antreten können. Die hatte eine Frau gesucht, aber „nur“ einen Mann gefunden, was sie erst zum Jahresende ihren Patientinnen zu gestehen traute!

Schockierend ist bei der Lektüre des Herrn von Mayenburg wie ein Leben regelrecht zerbröckelt. Heiß saß im Hungerstreik vor dem Krankenhaus. Von den Medien wurde er nicht mehr wahrgenommen, seine Botschaften griffen längst nicht mehr. Dabei waren seine Ansätze zum mitmenschlichen Umgang mit der Krebserkrankung und den davon betroffenen Personen Signale der Hoffnung gewesen. Heiß zog in die Burgstraße samt seiner Plakate vor der Haustür um. Er verschwand aus der Öffentlichkeit. Dann erzählte mir Rechtsanwalt Klaus-Peter Schrade die ultimative Geschichte: Das Auswärtige Amt hatte bei ihm angerufen. Ein Singener sei als hilflose Person von der deutschen Botschaft in Damaskus aufgefunden worden. Ob er seine Interessen vertreten würde? Schrade antwortete: Wenn der Mann seinen Namen erfahre, werde er nur noch verwirrter! Auf dem „kurzen Dienstweg“ wurde der „Fundort“ bestätigt; Rückflug nach Berlin; Psychiatrische Klinik. Dort ist Heiß irgendwann vor rund drei Jahren gestorben.

Was Günter Heiß in Damaskus wollte, bleibt offen. Er habe Terroristen für einen Anschlag auf das Singener Krankenhaus dort anwerben wollen, ist eine Vermutung. Den Hinweis liefert Heiß selbst im Buch. Da gab es einmal eine Bombendrohung gegen die Klinik mit einem Verdacht gegen Günter Heiß. Über den angestrebten „Stimmenabgleich“ stand damals eine Meldung im Singener Wochenblatt. Heiß wehrte sich massiv gegen die Verdächtigung. Geblieben war sein Hass, der selbstzerstörende Hass.

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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