Randnotizen zum real existierenden Spätkapitalismus
Berechtigungsschein wichtiger als Bargeld

Irgendwann erwischt es uns alle: Dann bestimmt der real existierende Kapitalismus unser Denken im Alltag. Bargeld abschaffen? Scheinbar abstruse Ideen verdichten sich plötzlich zu anscheinend realen Utopien. Mit auf dem Vorderwagen war einmal mehr der Singener Wirtschaftsprüfer und Firmenjongleur Georg Wengert. In seiner Wirtschaftswelt lebt niemand mehr vom Einsammeln des Flaschenpfands auf dem Fußballplatz. Und kein junger Mann läuft bei kaltem Wetter mehr um die Kicker-Arena und brüllt marktschreierisch: „Heißer Punsch“! Wofür braucht man Kleingeld? Pfennige gibt es nicht mehr für Köstliches aus der Eisdiele. An das Leben ohne Pfennig haben wir uns schnell gewöhnt! Warum dann nicht das Bargeld glatt voll und ganz abschaffen? In unserem Leben hat sich so vieles geändert, die heutigen Senioren haben wahre Wunder vollbringen müssen, um umzudenken und zu überleben. Wo ist die Schmerzgrenze, wenn es heißt, der und der Schritt seien nötig, um unseren Lebensstandard zu erhalten, die Arbeitslosigkeit einzudämmen, den Euro zu retten, ein besserer Mensch zu werden und, und, und . . .

Wer kennt nicht die Szene an der Supermarkt-Kasse? Das krampfhafte Suchen nach passendem Kleingeld beginnt. Ja, mit Brille wäre das nicht passiert. Mit der Kundenkarte, die zugleich auf den Namen Geldkarte hört, auch nicht! Zudem: Wer garantiert, dass die begehrte Ware auch nichtig eingescannt wurde? Haben die IT-Jongleure alle beworbenen Sonderangebote hier auch richtig eingepreist? Ist dann Bares auch Wahres? Hört man am Abend das Neueste aus dem Urland unserer Demokratie, Griechenland, dann scheint auch Unbares nur schwerlich wahr werden zu können. Auch wenn ein Tsipras keineswegs seine Anwartschaft auf den Titel eines Urvaters des real existierenden Eurokapitalismus mit Fug und Recht angemeldet haben dürfte. Und dann kommt die Meldung über die Umverteilung von reich und arm in unserer Gesellschaft. Der arme Dax ist auf dem besten Weg, ein Neugrieche zu werden. Immer mehr Menschen überschreiten die Armutsgrenze – oder besser: fallen unter sie. Reich ist plötzlich der, der sich im Tafel-Laden als Sozialretter fotografieren lassen kann. Da bin ich doch wieder bei meinem Lieblingsthema gelandet: Wichtig ist nur die eigene Performance. Wie fragte unserer früherer Gazprom-Kanzler am Abend daheim: „Wie war ich heute, Doris?“ Doris wird zum Gradmesser für Gutes und Böses in unserer Welt.

Es geht heute um Philosophie! Der eine fragte immer nach „Haben oder Sein?“ Der andere nach „Erkenntnis und Interesse.“ Ja, auf die richtige Fragestellung kommt es an – nicht unbedingt auf die richtige Antwort. Deshalb wurde auch Jürgen Habermas zur Brücke zwischen 68er-Studentenrevolte und Spätkapitalismus im Reformmäntelchen, das von Lustmolchen auch nach Hartz mit der Nummer IV benannt wird. Mit „Erkenntnis und Interesse“ gibt es viele Annäherungen zu gesellschaftlichen Widersprüchen. Braucht jemand, der mit seinem eigenen IBAN per Du ist, überhaupt noch Bargeld? Was ist aber mit dem, der seinen Überweisungsschein nicht mehr ausfüllen kann? Die hilfreichen Damen vom Bankschalter sind dort ja auch schon wegrationalisiert worden. Inzwischen lohnt sich in Dörfern angeblich nicht einmal der Automat von der Bank! Beim Tafelladen ist der Berechtigungsausweis eh das Wichtigste!

„Erkenntnis und Interesse“: Was ist wirklich wichtig im Leben? Der Größte zu sein? Wissen, wo es lang geht? Schauen, dass die Bilanz unter dem Strich steht – mit oder ohne Geldnoten! Leistung ist eben in der Physik Arbeit durch Zeit. Und somit zeigt sich der wirtschaftliche Erfolg an der Zeituhr. Unsere Welt wird pervers, wenn plötzlich im Sozialbereich die Stechuhr zumindest im Kopf mitläuft. Die Frage lautet: Wieviel Mitgefühl darf es sein? Oder: Was klingelt wann im eigenen Geldbeutel? Und welche Wahrheiten werden uns gleichzeitig medial vermittelt? Das Opfer ist immer der Fan! Stellen wir uns das vor: In der deutschen Fußballbundesliga kämpfen Vereine und Fans um den Klassenerhalt. Fiebern und bangen um die Existenzgrundlage. Es geht um die Zukunft von Aushängeschildern ganzer Regionen. Die Saison ist kaum vorüber, denn jagt ein Vereinswechsel den anderen. War etwa die Angst vor der Zweitklassigkeit und Leere im Geldbeutel so groß, dass neben dem Abstiegskampf fleißig um Ablösungssummen verhandelt wurde? Zwei Torhüter fallen auf: Burki geht für vier Jahre von Freiburg nach Dortmund – Ulreich ohne Abstieg von Stuttgart zu Bayern nach München, um nach 17 Jahren beim VfB beim Weltfußballer noch zu lernen. Ging es um Bargeld? Wohl kaum. Der Spielervermittler will ja auch noch verdienen. Schließlich regiert in seinem Geschäft auf jeden Fall das Geld. Dieses Gewerbe ist in den letzten Jahren ähnlich wie die FIFA ins Gerede gekommen. Ziel: Ein Talent entdecken, zweimal anschließend gewinnbringend weitervermitteln! Der Fluch des Geldes erwischt unser Denken irgendwann. Für kraftvolle Sprüche am Stammtisch reicht es allemal. Traurig, traurig, traurig . . . Dafür hatte Jürgen Habermas um „Erkenntnis und Interesse“ nicht geworben.

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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