Menschen mit Handicap beim „Marketing“ glatt vergessen
Lautloser Streit ums „Stille Örtchen“

Prominente Behinderte sind „Kult“, aber bei alltäglichen Themen werden Rollstuhlfahrer gerne vergessen, denn das Marketing orientiert sich an anderen Faktoren, so derzeit bei den jährlichen Felchen-Wochen. Wer den Flyer von Tourismus Untersee in die Hand nimmt, bekommt zwei wichtige Informationen per Sternchen geliefert: Ruhetage und Zahl der angebotenen Gänge. Mein Problem im dritten Jahr: Wie komme ich mit Rollstuhl, Rollator oder Oberarmstöcken sicher an den Tisch des Genusses? Viele der engagierten Restaurants kennt man natürlich in ihrer Gebäudestruktur. Treppen, Geländer, Hindernisse, Aufzug werden schnell im Kopf abgefragt. Im Notfall hilft ein Anruf, bei dem man schnell einen Behinderten-Bonus spüren kann. Da werden Plätze so reserviert, dass man sie leicht ansteuern kann. Ein Abend voller Genuss und Vergnügen ist gesichert.

Schwieriger wird es dann, wenn der Gast mit Handicap noch ein weiteres Handicap spürt, und ein „Stilles Örtchen“ aufsuchen will, soll, muss oder sogar kann. Da wurde die Lokalität bewusst so ausgewählt, weil es dort ein Behinderten-WC gibt. Klingt ja alles so logisch: Wenn dieses herrliche Restaurant auf der Mettnau schon zur dortigen Kur gehört, wird natürlich bestens für Menschen mit Handicap gesorgt sein! Die Erfahrung ist ganz anders: Umgebaut, zu eng gebaut, wieder einmal ein Alibi gebaut! Die Kombination von Behinderten-WC und Wickelraum ist schon gewöhnungsbedürftig. Da kommt man sich vor wie beim Migros-Detaillist Rupf in Ramsen, aber dort kann man sich noch besser drehen. Aber wer erwartet schon ein „Stilles Örtchen“ für Behinderte in einem Supermarkt? Da kommt wie draußen beim EKZ schlichtweg Freude auf.

Draußen auf der Mettnau gibt es dann noch ein anderes Problem, denn da stimmen die Höhen schlichtweg nicht. Jeder Mensch hat seinen eigenen „Hebel“, so wie er aus den Beinen heraus Kraft schöpft, um in den Stand zu kommen. Warum gibt es in den Behinderten-WCs diese Armbügel? Um sich daran hochzuziehen! Das ist eine gewohnte Prozedur. Doch plötzlich hänge ich gleichsam in den Seilen: Bei diesen Höhenverhältnissen stimmt kein Winkel, greift kein eigener Hebel! Und bei diesen engen Platzverhältnissen hätte auch kein Betreuer mehr helfen können. Und in den Armen meldet sich die Athrose . Da erinnert man sich an die Herausforderungen des Odysseus. Nur: Welche kommt dieser gleich?

Da schießen viele Gedanken durch den Kopf. Das Gebäude gehört doch der Stadt! Gut, im Rathaus habe ich auch noch nie eine behindertengerechte Toilette gefunden. Aber das soll ja saniert werden. Ist das aber nicht die Stadt, die stolz darauf ist, einen Behinderten-Kultur-Preis jährlich auszuschreiben? Warum gibt es hier keinen Krach um den Zustand des „Stillen Örtchens“? Alles so lautlos? Oder ticke etwa ich falsch? Könnte man nicht auch bei den „Felchen-Wochen“ mit behindertengerechten Lokalitäten werben? Falsche Zielgruppe? Oder zählt ein Behinderter erst dann wieder, wenn er weiter als die „Normalos“ springt?

Kein Vorwurf an die Radolfzeller! In den Singener Fußgängerzonen hat man ja schon Probleme, ein ganz normales WC zu finden. Das war früher auch schon leichter im Bürgerzentrum oder gegenüber hinter der früheren Stadt-Apotheke. Zum Glück gibt es freundliche Händler und ganz vorne Karstadt mit seinem Restaurant. Alles eine Frage der Zielgruppe? Als ich vor einem Jahr in der Pfalz unterwegs war, staunte ich über die dortige Behindertenfreundlichkeit. In Neustadt an der Weinstraße war die ganze Innenstadt mit Hinweisschilder auf Behinderten-Toiletten zugepflastert. Im Stadtplan waren die „Stillen Örtchen“ dokumentiert. Die neueste Luxus-Ausgabe befand sich in der Touri-Info. Ein Lift half dem Rollstuhl über die Treppen. Die Dame von Touri-Schalter half mir bei meiner Premiere und entschuldigte sich geradezu, dass keine bessere bauliche Lösung in dem Altbau zu finden gewesen wäre. Da fällt mir ein, dass in Bodman beim Neubau der repräsentativen Gemeindehalle mit eingebauter Touri-Info das Behinderten-WC „nachgebessert“ werden musste.

So ist das eben: Nicht bei jedem Neubau kann man an alles denken! Nicht alles, was man für behindertengerecht hält, muss es zudem sein. Die Probleme, die wie der berühmte Teufel im Detail liegen, spürt meistens nur der Betroffene selbst. Aber auch nicht jeder Betroffene ist deshalb schon ein Experte in Behindertenfragen. Da will ich mich leicht biblisch aus dem Text herausmogeln: Viele fühlen sich berufen, aber nur wenige sind auserwählt! Also nicht schimpfen, sondern loben: Die traumhafte Behinderten-Toilette weit und breit hat Möbel Braun in Singen. Da steht sogar ein Stuhl für eine betreuende Person bereit. Ein Raum so groß wie in ganzer Arbeitsraum in einer Neubau-Villa. Und absolut sauber, was wiederum auch keine Selbstverständlichkeit ist. Über das Thema breite ich aber endgültig den Mantel des Schweigens. Einfach über „Marketing“ nachdenken! Vielleicht nicht ganz lautlos . . .

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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