Zwei Aufstiegsrunden machten den FC Singen vor 40 Jahren „reich“
Traum vom Superfussball im Hohentwielstadion

Mit dem Umbau des Hohentwielstadions verschwinden die Erinnerungen nicht. Hier spielten die großen Bayern und zwei Aufstiegsrunden machten den FC „reich“. Dann krachte es im Verein. Unvergessen ist vor 40 Jahre eine Generalversammlung im „Adler-Saal“, die unterbrochen werden musste, weil der Verein vor einem Chaos stand. Die FC-Gewaltigen hatten den Gewinn aus zwei Aufstiegsrunden zur damaligen 2. Liga Süd samt der Entscheidungsspiele ohne Wissen der Vereinsmitglieder und der Öffentlichkeit in eine Eigentumswohnung im Romulus und Remus am Berliner-Platz gesteckt. Geldanlage oder eine Spielerwohnung, wenn wieder ein großer Fisch hätte an Land gezogen werden können? Zu groß war die Hoffnung, wieder einmal einen großen Spielmacher an Land ziehen zu können wie Dieter Koulmann vom FC Bayern München, der traumhaften Fußball unter dem Hohentwiel zelebrierte. Der Mann aus Blumberg war ein Glücksfall für den Verein, der allerdings Zukunftsvisionen auslöste. Erfolgreich hatte man im Raum Duisburg mit Sport und Arbeitsplätzen geworben. Die Wohnung sollte zum weiteren Anwerbehit werden. Doch halten konnte sie der Verein nicht und musste mit Verlust wieder verkaufen.

Das Problem, das an diesem Abend bei der Generalversammlung überdeutlich wurde, war, dass es beim FC Singen mehrere Ebenen der Wahrheiten gab: absolute, relative, streng geheime, finanzielle, personelle und strategische. Sieht man den heutigen Umgang der Top-Vereine mit der Öffentlichkeit, dann waren die FC-Gewaltigen nur „ihrer Zeit“ voraus. Fußball ist eben ein Geschäft unter dem Deckmäntelchen der Ehrenamtlichkeit, bei dem der Zweck die Mittel heiligt. Und der Zweck heißt Erfolg! Der Erfolg hat viele Väter – und der Misserfolg ist ein Waisenkind. Wenn die Bayern gegen Dortmund spielen, dann nutzen die Sponsoren ihre VIP-Plätze auf der Tribüne, um Geschäftsfreunden eine Freude und sich einen vollen Geldbeutel zu machen. Das ist ein bißchen so wie früher in der Oper in Mailand, da kamen die Fürsten oft erst vor dem großen Solo der Diva. Heute heißt der Franck Ribéry. Da müssen dann die Dortmund-Fans das Sterne-Poulet gegessen haben, sonst bleibt ihnen ein Knöchelchen im Hals stecken.

Von Ähnlichem hatte man unterm Twiel immer wieder geträumt. Der Tribünenbau sollte Mitte der 60er Jahre zum Signal werden. Zur Einweihung kam Max Merkel mit den Münchner 60er als Deutscher Meister nach Singen. Die jungen und wilden Bayern mit den neuen Stars von Maier bis Beckenbauer folgten und siegten 3:2. Günter Wienhold wurde 1972 Olympia-Torhüter, ging dann nach Frankfurt. Singen hatte in Offenburg den Aufstieg im Entscheidungsspiel gegen Mannheim verpasst. Da war alles chaotisch: Hundestaffel an der Außenlinie, ein Singener Verteidiger von einem gebissen. Ein Singener Tor wegen angeblichen Stürmerfouls von Laumen nicht gegeben. Ich hatte die Szene am Montag in der Zeitung: Die Hand des gegnerischen Torwarts am Hals des Singener Spielers!

Ja, der Sport, der Fußball und die Medien! Ich gedenke in diesen Tagen Manfred Grimm, damals Berichterstatter des FC Singen 04. Wir wurden Freunde: Er schrieb die Vorberichte, ich verdiente mit Spielfotos mein Studium. Kritisches wurde nicht gerne gelesen, das übernahm ich dann immer mehr. Grimm war kaufmännischer Angestellter bei Haas&Kellhofer, Umstrukturierungen nutzte er für den Ruhestand und fand eine neue Heimat in Thailand, wohin er bald einen alternativen Tourismus für Freunde organisierte. Manchmal trafen wir uns bei einer Frage: „Was macht der FC Singen?“

Der hat natürlich seitdem vieles gemacht. Nachdem den Mitgliedern der Gewinn der Aufstiegsrunden nicht mehr zu verheimlichen war, sollte ein Vereinsheim für alle errichtet werden, gleichsam ein Scheck mit Zukunftsgarantie, in dem Frauen ebenso wie Männer Sport treiben könnten. Eine Gymnastik-Abteilung sollte in der eigenen Turnhalle ihren Platz finden. Für alles gegründet wurde ein Clubheim-Förderverein, der allerdings nie richtig auf die Beine kam. Es mangelte an Mitgliedern. Selbst Prominente, die bei der Gründungsveranstaltung unterschrieben hatten, wollten auf ein Anschreiben hin nicht zahlen, beschwerten sich sogar beim Präsidenten. Der sollte die Mitgliederliste liefern, um für den Förderverein werben zu können. Auch die kam nicht. Wo waren denn die angeblichen 1000 Mitglieder? Woher ich das weiß? Von keiner Pressekonferenz, aber ich saß selbst im klitzekleinen Vorstand. Mit eigenem Griff in den Geldbeutel realisierte Hans Schmidbauer dann seinen Traum für die Zukunft.

Träume gab es immer wieder. Die Stadt hatte eine Hass-Liebe zum FC entwickelt. Man schimpfte vom Süden herauf, doch bei Erfolg war das Stadion voll. Johan Neeskens wurde in den 90er Jahren als Trainer wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Die Präsentation im Hotel „Lamm“ war grandios. Alles, was Rang und Namen hatte und für Glamour hätte sorgen können, wollte sich im neuen Glanz sonnen. Als passender Sponsor wurde eine schweizer Baufirma mit Trikot-Werbung ausgemacht. Beides sollte Oberliga-Fußball dauerhaft sichern, zweimal reichte es in den DFB-Pokal, dann wurde der WM-Star von 1972 über Nacht Vizetrainer der holländischen Nationalmannschaft. Und Singen? Zum Lokalderby geht es jetzt nach Radolfzell oder Rielasingen. Ein angeworbener Spieler klagt, weil er nach seiner länger währenden Verletzung kein Kilometergeld mehr bekommt.

Finanzen waren beim FC Singen immer Chefsache besonderer Art. Vorsitzende wechselten häufiger. Einer warf als Beamter sehr bald das Handtuch, weil er mit den „Geschäftsmodellen“ nicht zurecht kam. Einem anderen Beamten hatte „man“ nach einigen Monaten im Amt immer noch nicht die Kasse gezeigt. Zwischendurch hatte ein beratender Banker still sein Handtuch geworfen. Natürlich sind wir in Singen nicht bei Bayern München. Vor den Singener Zweitliga-Träumen hatte der FC Villingen sogar schon an die Tür der ersten Bundesliga geklopft. Die dortigen Lokalredakteure hatten schon vorgewarnt: Sie hätten mindestens einen Redakteur den ganzen Tag für den Fußballgebraucht. Das kann man auch umdrehen: Was ist die ganzen Jahre über eben nicht über den FC Singen geschrieben worden!

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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