Begegnungen mit bedeutenden Politikern der Gegenwart
Wer schützt Lothar Späth vor seinen Beschützern?

Wie geht man als Journalist mit Politikern um? Lebendig oder posthum? Bedeutende Politiker sind in den letzten Tagen verstorben. Verneigen muss vom sich vor Guido Westerwelle, der gezeigt hat, wie man mit Krebs mit Anstand Abschied vom Leben nehmen kann! Bei Günter Jauch hatte ich ihn nochmals gesehen. Es war ein durchaus auch bewegender Abschied! Erlebt hatte ich ihn als Vizekanzler erstmals in den 90er Jahren in Birnau im Kreise seiner Liberale im Landtagswahlkampf. Ein junger Mann voller Hoffnungen und Zukunftsperspektiven, ein Vorbild für eine ganze Generation. Ihn wollte ich am Dienstagabend zur Produktionszeit noch einmal zur Produktionszeit erleben, einen charismatischen Leitwolf der deutschen Liberalen. Umringt war er von liberalen Juristen, die den liberalen Nimbus ihrer Kanzleien vor sich hertrugen. Das waren die Vertreter 18-prozentiger Wirtschaftsführer, vor allem jene, die davon träumten! Das waren zumindest die Möllemännchen ihrer Generation.

Die Abende lagen eng beieinander! Die Liberalen waren bei den Landtagswahlen zweimal zurückgekehrt, jetzt war Guido Westerwelle von uns gegangen. Alles ohne Wiederkehr! Ich erinnere mich an Dietrich Genscher, der als Außenminister und Vizekanzler zurückkehrte – und das in der gleichen Partei! Gegangen waren damals 1982 die anderen Parteimitglieder!. Die FDP, seine Partei, hatte damals überlebt. Jetzt ein zweites Mal. Zwei bedeutende Vorsitzende, hatten jetzt die neuerliche Rolle rückwärts überlebt. Dietrich Genscher hatte eben ein Gespür für den realen deutschen Osten! Lassen wir es einfach so stehen!

Dietrich Genscher habe ich persönlich erst als Kohls Vizekanzler kennengelernt. Und die lokale FDP hatte ihm ein tolles Problem im Singener „Lamm“ vorzutragen, die Büsinger „Doppel-Staatszugehörigkeit“. „Diplomat“ Genscher ging mit dem Thema professionell um. Das motivierte mich zum Wiedersehen! Wie würde er mit den neuen Problemen der gewendeten FDP umgehen? In der Aula des Singener Gymnasiums ging es mir überaus gut in der ersten Reihe, denn selbst meine Kamera hatte neben wir einen reservierten Sitzplatz! Es wurde ein inhaltlich geprägter Wohlfühlabend! Farbenwechsel: Rainer Maria Barzel stand an. Ihn hatte ich noch nie live erlebt. So sollte es auch bleiben. In der ersten Reihe war rechts ein Platz frei! Ich steuerte ihn begeistert an und setzte mich hin. Da stürzte plötzlich Dr. Herbert Berner auf mich zu: Das sei sein freier Platz, ich solle auf die Bühnenplätze gehen! Ich bestand auf einen Presseplatz und weigerte mich, für Barzel Bühnenbild zu spielen. Dr. Berner verwehrte dies – und ich ging!

Pressemäßig war dies am Tag darauf ein mittelmäßiger Eklat. Mein „schwarzer“ Lokalchef hatte zu schlucken. Doch das sollte längst nicht mein Höhepunkt als stellvertretender Lokalchef sein. Ministerpräsident Lothar Späth kam nach Stockach. Ihn kannte ich von früheren Terminen und freute mich darauf. Der journalistische „Zugriff“ auf Fraktionschef Lothar Späth war leichter gewesen. Bei ihm am Tisch wurde locker kommuniziert. Wir hatten wieder einmal eine Aktion „Landtagsfraktion vor Ort“. Lothar Späth nahm sich eine Telefonpause in der Rielasinger Ortshalle. Es ging um die Entführung von Hans-Martin Schleyer. Späth war gleichsam am Boden zerstört. Ich gehörte längst zur Runde. Bei einer früheren Diskussion hatte Dr. Robert Maus Entwarnung gegeben: „Es ist einer von uns“!

Dann kam Stockach. Lothar Späth kam verspätet in den Saal der Adler-Post. Ich saß neben Bürgermeister Franz Ziwey. Ich stand auf, um ihn beim glorreichen Einzug zu fotografieren. Als ich zurückkehrte, saß ein Hilfssheriff auf meinem Platz. Ich bat ihn aufzustehen. Er weiterte sich. Ich wies ihn demonstrativ darauf hin, dass dies mein Arbeitsplatz sein. Ich bat Ziwey um Unterstützung. Die kam aber von niemandem aus der Umgebung. So ging ich halt! Am übernächsten Tag schrieb ich im „Schwarzwälder Boten“: Wer schützt Lothar Späth vor seinen Beschützern? Für mich hatte es in der überfüllten „Adler-Post“ keinen Sitz-oder Schreibplatz mehr gegeben!“ Mein angefangenes Manuskript lag neben meiner Kaffee-Kanne! Ich nahm es mit. Das war die Achtung vor dem Arbeitsplatz des Journalisten! Ich war kein investigativer Redakteur! Die notierte Recherche war überfällig; flüssig, überflüssig! An Lothar Späth schrieb ich am Tag darauf. Ja, wer schützt ihn vor seinen Beschützern? Als er seinen Aufstand gegen Helmuth Kohl probte, hielt ich meinen Schnabel! Bei seinem Nachruf zögerte ich an dieser Stelle. Ja, das war eine Schiffsreise zuviel! Lothar Späth war ein guter Mann, aber er hatte zumindest einen superguten Freund zuviel!

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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