Erinnerungen an die Baden-Abstimmung 1971
Wo ist das Herz für Europa geblieben?

Gravierender kann ein Widerspruch nicht sein: Am Samstag bejubelt Europa mit dem österreichischen Grand-Prix-Sieg die nahezu grenzenlose Freiheit auf unserem Kontinent, doch zwei Tage zuvor musste sich das ZDF fast schon schämen, das Duell der beiden Spitzenkandidaten zur Europa-Wahl überhaupt zur besten Sendezeit angedacht zu haben! Keine zwei Millionen Menschen wollten das in unserem Lande sehen. Zugegeben, eine Spaßveranstaltung war das nicht. Bitterer Ernst sogar, wenn man in die Ukraine blickt. Dort wird mit Waffengewalt gestritten, wer wann über was abstimmen darf. Ob in Baden-Württemberg die zeitgleiche Kommunalwahl für eine bessere Wahlbeteiligung sorgen wird, ist zudem mehr als offen. Eine Frage stellt sich mir die ganze Zeit: Wo ist unser Herz für Europa geblieben? Irgendwann waren wir stolz darauf dazuzugehören! ? Aber das waren offenbar andere „wir“.

Bei mir kommen Erinnerungen an die Baden-Abstimmung am 23.7.1971 hoch. Das war für die Menschen im Ländle auch eine weltbewegende Geschichte, doch hingehen wollte nur eine klitzekleine Minderheit. 16 Prozent Wahlbeteiligung, nur ein Sechste der nötigen Bürger stimmte für die angestrebte Landtagsauflösungl Dabei ging es um entscheidende Dinge: Das Land Baden-Württemberg war seit der Gründung 1952 eine Erfolgsgeschichte. Dazu sollte die Bevölkerung jetzt beim Urnengang stehen. Zugleich sollte dem Anspruch der Altbadener Rechnung getragen werden, dass das Volk dazu gehört wird. Das verlangten zum Schluss die Verfassungsrichter. Vielleicht war alles zu spät, der Pulverdampf auf dem Schlachtfeld längst verflogen. Umso wichtiger war ein Votum der jungen Generation zu dieser Zukunftsfrage. War? Wäre gewesen!

Ein anderer Vergleich drängt ich auf: Es sind die etablierten Parteien, die für das Ja zu Baden-Württemberg wie heute zu Europa stehen. Aber dringen sie mit ihrem Votum bis zur Basis durch? Mir kommt ein alter Spruch immer wieder in Erinnerung: Der Erfolg hat viele Väter, doch der Misserfolg ist ein Waisenkind. Baden-Württemberg war damals ähnlich wie heute Europa eine Erfolgsgeschichte. Kritik ist sicherlich immer wieder berechtigt, doch einen Urnengang sollte es uns immer wieder Wert sein. Damals hatte sich ein Komitee „Vereintes Baden-Württemberg“ gegründet mit Verleger Senator Franz Burda an der Spitze. Ja, die Werbelinie kam aus Offenburg. Es bildeten sich Kreis-Komitees, wobei Singen als Schwerpunkt angesehen wurde, denn hier war jener Sprecher der Altbadener daheim, den sogar Kanzler Konrad Adenauer einst empfangen hatte: Dr. Karl Glunk, Direktor am Hegau-Gymnasium und Exponent der „jungen“ Altbadener. Wir wollen nicht Asterix und Obelix spielen: Aber den „Alten“ in Bonn hat schon bewegt, ob da nicht schlimme Separatisten im Süden in Alpennähe unterwegs wären. „Separatisten“ ist heute ein vielfach gebrauchtes Wort. Aber deren Erfolg war an ein Quorum gebunden. Das aber erreichten auch die Konstanzer nicht, von denen 84 Prozent für ein eigenständiges Baden, letztlich eine Alpenrepublik stimmten.

Zurück zum Kreiskomitee: Hier spielten Parteigrenzen keine Rolle. Vorsitzender wurde Theopont Diez (CDU), Stellvertreter Friedhelm Möhrle (SPD), der gerade zwei Jahre zuvor Diez als OB abgelöst hatte. Und Rolf Wannig vertrat die FDP. Zum ehrenamtlichen Geschäftsführer hatte mich damals Theopont Diez berufen. So saß ich dann im Burda-Haus inmitten der politischen Ländle-Größen. Den Keller hatte ich danach zwar voll mit Wahlplakaten und Transparenten, doch von einem Helferkreis an der Basis war keine Spur. Zwischenfrage: Wo ist heute die Europa-Union zum Beispiel?

Der Disput zur Baden-Frage wurde kultiviert geführt. Unvergessen ist die zentrale Veranstaltung im dicht gefüllten Singener Bürgersaal mit Dr. Karl Glunk als Widerpart. Helfer gefunden hatte ich im Umkreis der politischen Jugendorganisationen. In Allensbach lieferten wir uns mit Altbaden-Anhängern fast schon eine Diskussionsschlacht. Mit meinem Studienfreund Dieter Britz hatte ich Plakate geklebt, fast den ganzen Kreis bereist. Dann kam der Wahlsonntag. Stille im Wahllokal in den Räumen der Waldeckschule in Singen. Im Hohentwielstadion schoss der FC Singen derweil ein Tor nach dem anderen. Den Jubel hörten wir und zählten mit. Bei der Auszählung der Stimmen war ein Votum für ungültig zu erklären, denn beim Kreuz für Altbaden stand der Zusatz in Steno „endlich“!

Baden-Württemberg blieb bestehen, heute erinnert sich kaum noch jemand an den Traum von der „Alpenrepublik“. Europa wird auch bestehen bleiben. Ohne unser Zutun? Dabei gäbe es viele Gründe, sich einzumischen. Mir stinkt immer wieder, dass Recht in Deutschland vom Bundestag geändert wird, weil europäische Richtlinien umgesetzt werden müssten! Zuvor hat mich niemand gefragt, was ich will. Europa im Regulierungswahn! Das erinnert mich an manches aus der Baden-Frage: Lassen wir uns zu sehr von Stuttgart dominieren? Oder heute zu sehr von Brüssel? Eines ist sicher: Die Entscheidung über unsere Zukunft dürfen wir nicht aus der Hand geben. Bei Baden kam die Abstimmungschance zu spät, bei Europa sind wir alle fünf Jahre am Zug. Darüber diskutieren sollten wir allerdings ständig.

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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