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Harald F. Müller mit "Mondia" zwischen Singen und der Kartause Ittingen

Musique
Das Werk "musique non stop" das Harald F. Müller für den Kanton Thurgau schuf, ist der zentrale Punkt der Ausstellung in der Kartause Ittingen. swb-Bild: Guido Kasper

Ausstellung auf drei Ebenen ab dem 3. Oktober

Singen/ Warth. Ab dem 3. Oktober ist im Kunstmuseum Thurgau die Ausstellung "MONDIA" von Harald F. Müller zu sehen. Die Eröffnung der Ausstellung findet in der Kartause Ittingen, und im zweiten Teil im Singener Atelier "Stratozero" des Künstlers statt. Zusätzlich startet dann auch ein virtuelles Projekt zur der Ausstellung unter stratozero.net/mondia/

Der in Singen wohnhafte Künstler arbeitet mit Bild- und Textzitaten, mit denen er zu einer anregenden Reise durch Farb- und Bildwelten einlädt. Die in der Kartause Ittingen gezeigte Auswahl von Werken demonstriert modellhaft die Funktionsweise der zeitgenössischen Kunst und skizziert in Verbindung mit Aktivitäten in seinem Arbeitsraum "stratozero" sowie Arbeiten im öffentlichen Raum eine innovative Vorstellung davon, was eine Kunstausstellung heute sein kann.

Den Kern der Ausstellung MONDIA bildet die grossformatige Fotografie "musique non stop", die Harald F. Müller 2020 für das Kunstmuseum Thurgau geschaffen hat. In dieser neusten Arbeit des Künstlers bilden ein Schallplattencover der deutschen Musikgruppe "Kraftwerk", zwei amerikanische Glühbirnen und der barocke Kirchenraum der Kartause Ittingen ein komplexes Vexierbild, in dem die Erfindung des elektrischen Lichts, die Digitalisierung der Bilderwelt und die Raumerfahrung als prägende Einflüsse auf die Wahrnehmung der Welt thematisiert werden.

In "musique non stop" verschmelzen Schärfe und Unschärfe, Spiegelung und Wirklichkeit sowie Objekt und Zitat zu einem schillernden, ambivalenten Ganzen, in dem sich das Kunstwerk als Katalysator des ausufernden Schauens und Denkens erweist. Die Verführung zum Schauen und Denken beginnt in der Ausstellung schon beim Titel MONDIA, der gleich im Eingangsbereich in grossen, blau gefassten Holzbuchstaben vor einer orange roten Wand im Raum zu schweben scheint.

Das Wort MONDIA ist ein Fundstück, das Harald F. Müller bei Recherchen im heute nicht mehr existierenden Archiv der Aluminium-Walzwerke Singen (Alusingen) auf einer Fotografie einer Transportfirma aufgespürt hat. Dort prangt der Begriff auf der Blache eines Lastwagens. MONDIA ist aber auch der Markenname von Fahrrädern oder Uhren, lässt sich als "Mon Dia" – also "Mein Diapositiv", meine Fotografie – lesen, und auf Rumänisch meint das Wort schlichtweg "Welt".

Der Künstler beschwört mit dem gefundenen Begriff also die ganze visuelle Welt und formuliert einen Anspruch: Seine Kunst beschäftigt sich mit universellen Fragen und Bildern. Wie umfassend sein Interesse an Bildern ist, zeigen die sogenannten "Cuts", die "Ausschnitte", die unterschiedliche Formen annehmen können. Bei den "Ciba Noir" handelt es sich zum Beispiel um quadratische, nicht entwickelte Cibachromfotopapiere, die auf einer voluminösen Kartonkonstruktion vor farbigen Wänden montiert sind. Dieses spezielle Fotopapier, das heute kaum mehr benutzt wird, diente der Vergrösserung von Dias und zeichnet sich durch besondere Brillanz und Farbechtheit aus, weil die Farbpigmente direkt in die Fotoschicht eingelagert sind.

Bevor es entwickelt wird, zeigt das Papier aber eine unspektakuläre braune Oberfläche. Jedes dieser blinden Quadrate enthält aber das Potenzial aller möglichen Bilder. Ähnliches gilt für die "Spiegelcuts", die wie bei Spiegeln üblich, alles Sichtbare abbilden können.

Die technologisch neueste Version des Spiels mit allen möglichen Bildern ist in der Ausstellung durch einen "Elektrocut" präsent. Auf dem quadratischen Bildschirm werden, gesteuert durch ein Computerprogramm, ausgewählte Bildelemente neu zusammengesetzt in den Ausstellungsraum eingespielt. Alle in der Ausstellung vertretenen "Cuts" thematisieren das unerschöpfliche Potential, das die massenhaft vorhandenen Bilder in der heutigen Welt enthalten.

Eine gegenteilige Strategie im Umgang mit der Massenhaftigkeit der Bilder verfolgt Harald F. Müller bei seinen Reproduktionen, die in der Ausstellung mit den Werken "Japan II" und "Prater" vertreten sind. Jedes dieser Bilder ist das Resultat der Sichtung von tausenden Illustrationen in Magazinen, Drucksachen oder Büchern. Die einmal ausgewählten Einzelstücke vergrössert er hundertfach und inszeniert sie mit einer aufwendigen Hängekonstruktion wie schwebend vor der Wand.

Harald F. Müller nutzt die riesige Bilder- und Sinnproduktionsmaschine der massenmedialen Welt als Materialquelle. Die Herausforderung im Umgang mit der Situation besteht vielmehr darin, jene Ideen und Bilder auszuwählen und sichtbar zu machen, die mehr Potential enthalten. Bedeutung wird nicht mehr durch die Erfindung von Inhalten und Bildern erzeugt, sondern durch deren Auswahl und künstlerische Verarbeitung.

Obwohl sich Harald F. Müller nicht als Maler versteht, nimmt die Auseinandersetzung mit der Farbe in seinem Schaffen eine wichtige Stellung ein. und reflektiert Werke der frühen Farbmagier wie Tizian, Cézanne, Matisse, Le Corbusier oder Mark Rothko, in MONDIA inszeniert er darüber hinaus seine Fotografie- und Textarbeiten auf Farbwänden und schafft Suggestivräume, in denen sich Besucherinnen und Besucher immer wieder die grundsätzlichen Fragen zu Bild, Raum und Wahrnehmung stellen.

Der grossflächige Farbeinsatz verbindet die Ausstellung mit Harald F. Müllers Arbeiten im öffentlichen Raum. Einer seiner atemberaubenden Farbräume kann nur wenige Schritte von der Ausstellung entfernt im Treppenhaus des unteren Gästehauses der Kartause Ittingen begangen werden. Hier zeigt sich eindrücklich, wie sich eine aktuelle Vorstellung von Malerei als räumliche Erfahrung realisieren lässt.

Weitere Farbräume des Künstlers sind in der Ausstellung in einer Präsentation des Konstanzer Fotografen Guido Kasper zu sehen. Mit ihm wie mit dem Informatiker Patrick Jungk aus Stuttgart oder Fabian Winkler, Professor für Medienkunst an der Purdue University in den USA, pflegt Harald F. Müller regelmässige Kollaborationen. In solchen Projekten löst sich eine traditionelle Vorstellung von Autorschaft auf. Das Kunstwerk wird zu einem dynamischen Prozess, in dem Austausch und Erkenntnisgewinn wichtiger sind als die Herstellung eines Produkts.

So versteht denn Harald F. Müller sein Arbeitsraum stratozero in Singen schon lange nicht mehr nur als Atelier, sondern als Bereich des gesellschaftlichen Austauschs, der Bildung und Forschung. Die Halle ist ebenso wie seine Arbeiten im öffentlichen Raum, zu einem integraler Teil der Ausstellung MONDIA, wodurch diese weit über den Museumsraum hinausgreift über die Internetseite www.stratozero.net/MONDIA , die anstelle eines Katalogs eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Werken von Harald F. Müller ermöglicht.

Harald F. Müller, geboren 1950 in Karlsruhe, lebt und arbeitet zwischen Zürich und Stuttgart in Singen und gehört zu den profiliertesten Künstlern der Region. Er konnte europaweit mehrere Dutzend Kunstwerke im öffentlichen Raum realisieren – etwa in Kreuzlingen, im Prime Tower in Zürich oder auf dem Campus der Universität Stuttgart. Seit einigen Jahren nutzt der Künstler sein Atelier stratozero als Ort für eine grenzüberschreitende Auseinandersetzung von Kultur, Politik und Wissenschaft.

Die Ausstellung wird begleitet von einem Veranstaltungsprogramm. Informationen zu Führungen und anderen Vermittlungsangeboten finden sich auf unserer Homepage www.kunstmuseum.ch  

Wochenblatt @: Oliver Fiedler