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Wenn Pfleger die Familie ersetzen

| Graziella Verchio | Lifestyle
Der Kontakt zu den Pflegern ist für viele Senioren die einzige Verbindung zur Außenwelt. swb-Bild: Adobe Stock

Gemeinsam Sorge tragen für Senioren

Seit fast einem Jahr begleitet uns das Coronavirus und schränkt unser alltägliches Leben maßgeblich ein. Viele Menschen haben dabei Angst vor einer Erkrankung bei sich selbst und den Familienmitgliedern und schränken ihre Kontakte weitgehend ein. Gerade für Senioren ist dieser Umstand besonders belastend, auch weil sie meist in Pflegeheimen sind und keinen oder nur eingeschränkt Besuch empfangen können. Viele ältere Menschen sind zuhause häufig allein. Gruppenaktivitäten wie Ehrenamt, Singen im Chor oder Seniorensport finden nicht statt.

Welchen Ausmaß diese Situation für die Senioren hat, weiß auch Ulrike Jänicke, Pflegedienstleitung des Pflege- und Betreuungsdienstes St. Elisabeth der Caritas Singen. »Gerade der seelsorgerische Aspekt nimmt seit einem Dreivierteljahr mehr und mehr Raum ein, denn unsere Klienten zuhause haben große Ängste«. ihnen fehle der Kontakt zu den Angehörigen, die nun aufgrund der Pandemie nicht mehr vorbeischauen würden, was starke Traurigkeit auslösen kann. Dadurch seien gerade die älteren Klienten von Einsamkeit geplagt. Der Einsatz von technischen Geräten, um Kontakt zu den Angehörigen zu halten, ist eine gute Ergänzung, ersetzt aber das persönliche Zusammenfinden nicht. Auch aufgrund der fehlenden Aktivitäten außerhalb des Hauses können Antriebslosigkeit und Stimmungstiefs zunehmen.

Gerade im ersten Lockdown wurden die Pflegekräfte besonders herzlich empfangen. »Danke, dass ihr kommt. - Diesen Satz haben wir immer wieder zu hören bekommen«, so Jänicke. Der intensivere Austausch sei für Mitarbeiter wie für Klienten eine Wohltat. Allerdings: »Dadurch wird unsere Arbeit aufwendiger, die Belastung für die Pfleger ist deutlich höher als vor der Krise«.

Dass der soziale Aspekt immer mehr in den Hintergrund rückt, fällt auch Ulrike Jänicke auf. »Wir haben uns untereinander, aber auch mit unseren Klienten, immer mit einem Handschlag begrüßt. Das fällt jetzt natürlich weg und das merkt man. Dass mit den FFP2-Masken die Mimik eingeschränkt wird, sorgt dafür, dass alles etwas unpersönlicher wird. Da wird uns wieder bewusst, wie wichtig es ist, jemandem ins Gesicht zu schauen und die Emotionen zu sehen. So leidet aber die ganze Einrichtungsstruktur darunter«.

Besuchsdienst als Alternative

Es kann aber auch anders gehen. »Einsamkeit war bei unseren Klienten eigentlich kein Thema«, sagt Tobias Volz, Leiter der aktiven Lebensgestaltung mit Senioren in Allensbach. Die aktive Lebensgestaltung bietet etwa einen individuellen Besuchsdienst im Bereich der hauswirtschaftlichen Versorgung und Begleitdienste an, das auch in Coronazeiten von den Betreuern angeboten wurde. Unterhaltungen führen, Spiele spielen, gemeinsame Tätigkeiten im Haus oder Garten erledigen und Spaziergänge sorgen dafür, dass die Senioren sich weniger allein fühlen. Zudem finden in den Räumen auch immer wieder Betreuungsgruppen zusammen, die unter anderem aufgrund der Lüftungsanlage möglich waren. »Wir arbeiten mit Handschuhen und FFP2-Masken, seit November testen wir zweimal die Woche unsere Mitarbeiter - das gibt uns und unseren Klienten eine gewisse Sicherheit und wird auf beiden Seiten positiv aufgenommen.«
Es brennt in der Pflege

Dass die Gesellschaft nun deutlicher die wichtige Arbeit in der Pflege wahrnimmt, sei positiv, befindet die Pflegedienstleiterin Jänicke, jedoch bringe Klatschen aus den Fenstern oder auf den Balkonen nichts. »In der Pflege brennt es und das nicht erst seit Corona«. Das Pflegepersonal in der Sozialstation St. Elisabeth reiche zwar, aber durch die aktuelle Situation sei es nicht mehr möglich, jeden Klienten aufzunehmen. »Jetzt müssen wir abwägen, wie aufwendig die Leistungen sind und es mit der Qualifikation unserer Mitarbeiter abstimmen. Wir können nicht mehr alles auffangen und müssen teilweise leider Klienten auf andere Häuser verweisen«.
Ähnlich sieht es auch Tobias Volz. »Der Fachkräftebedarf ist riesig. Dafür gibt es mehrere Gründe - zum einen ist das Berufsbild mehr und mehr unattraktiv geworden, zum anderen sind aber auch die Pflegekräfte selbst daran Schuld, weil sie sich oft schlecht darstellen. Andererseits ist der Generationswechsel da und wir schaffen es prozentual nicht, genug Nachwuchs auszubilden«.

Generalistische Pflegeausbildung

Seit dem 1. Januar 2020 gilt das neue Pflegeberufegesetz der generalistischen Pflegeausbildung. Dadurch werden die bisher getrennt gehaltenen drei Ausbildungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie der Altenpflege zu einem einheitlichen Berufsbild zusammengeführt. »Das heißt, sie enthält Praxisbausteine aus dem gesamten Pflegespektrum, also vom Krankenhaus über die ambulante Pflegedienste bis hin zu stationären Pflegeeinrichtungen«, so Tobias Volz. Entsprechend breit gefächert sind die beruflichen Tätigkeitsfelder für die neuen Pflegefachkräfte.

»Die generalistische Pflegeausbildung soll auf einen Einsatz in allen Arbeitsfeldern der Pflege vorbereiten und den Pflegekräften zusätzliche Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen«, ergänzt Verena Höflacher, stellvertretende Pflegedienstleiterin der Sozialstation St. Elisabeth. »Es war uns wichtig, eine neutrale und zentrale Anlaufstelle für diese Ausbildung anzubieten, das ist mit Carolin Rheinberger vom Landratsamt Konstanz gegeben«, sagt Volz. Drei Pflegeschulen stehen für die Ausbildung zur Auswahl: Die Mettnau-Schule in Radolfzell, Deutsche-Angestellten-Akademie (DAA) in Singen sowie die Akademie für Gesundheitsberufe des Gesundheitsverbundes Konstanz, fügt Höflacher hinzu.

In den ersten beiden Schuljahren wird generalistisches Wissen vermittelt, im dritten Jahr erfolgt die Spezialisierung. »Die Ausbildung bei uns im Landkreis ist sehr gut angelaufen, wir bei der aktiven Lebensgestaltung haben aktuell acht Anleiter im Team, die die Azubis einen guten Einblick in unsere Arbeit geben können. Es ist toll, dass es nun möglich ist, eine Ausbildung genießen zu können, die auch europaweit anerkannt ist«, freut sich Tobias Volz.

Wochenblatt @: Graziella Verchio

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Stichworte:
Pflege | Senioren | Einsamkeit | Caritas