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Zwischen Schule und Beruf

| Graziella Verchio | Lifestyle
FSJ Die Färbe
Der derzeitige FSJler Frank Großjohannn (links) im Theater Die Färbe hat sich als schauspielerisches Naturtalent erwiesen und wurde verschiedentlich in kleinen Rollen eingesetzt. swb-Bild: Die Färbe

Freiwilliges Soziales Jahr

Region. Viele junge Menschen entscheiden sich nach dem Schulabschluss dazu, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren, um neue Erfahrungen zu sammeln oder zur Überbrückung zu Studium oder Ausbildung. Dabei wird der Freiwilligendienst oftmals in sozialen Einrichtungen geleistet. Einige Beispiele werden sind auf den folgenden Seiten zusammengefasst.

Menschen mit Persönlichkeiten

Jonas Bläsing, Jannis Liebscher und Benjamin Tot leisten ihr FSJ im Pflegezentrum St. Verena in Rielasingen-Worblingen. Jonas und Jannis nutzen ihren Freiwilligendienst als Überbrückung zum Studium, Benjamin möchte im Anschluss eine Ausbildung als Zimmermann machen.

Für die jungen Männer war das FSJ anders als für die FSJler davor, denn ihnen kam die Corona-Pandemie dazwischen. »Das hat uns vor völlig neuen Herausforderungen gestellt«, sagt Einrichtungsleiterin Gisela Meßmer. Jonas, der für die Beschäftigung eingeteilt ist, musste sich nun einiges einfallen lassen, um mit den Bewohnern die Zeit im Hause rumzukriegen. »Das Ziel ist es , jeden Tag Spazieren zu gehen. Das fiel während des Lockdowns erstmal weg. Es fand keine Krankengymnastik, Gottesdienste oder Veranstaltungen statt. Stattdessen haben wir Spiele gespielt und uns viel Unterhalten.«

Jannis war ursprünglich in der Tagespflege eingeteilt. »Meine Augaben waren hauswirtschaftliche Tätigkeiten, im Café oder der Fahrdienst. Dies fiel dann im Zuge des Lockdowns weg und ich wurde dann im stationären Bereich eingesetzt«, erzählt er. Benjamin wurde dem Wohnbereich 2 zugeteilt, wo er hauptsächlich für hauswirtschaftliche Aufgaben zuständig ist.

»Leider sind auch einige Seminare ausgefallen, die Teil des FSJ sind. Diese werden auch nicht nachgeholt«, erzählen die Jungs. Alle drei haben während dieser besonderen Zeit viel gelernt, auch was das Zwischenmenschliche betrifft. »Jeder FSJler ist wertvoll, denn alle profitieren von der gegenseitigen Wertschätzung«, so Pflegedienstleiterin Beate Maier. »Und gerade in dieser Zeit haben die drei ihre Aufgaben sehr verlässlich gemacht. Sie sind eine Bereicherung für das Haus.«

»Sie bringen frischen Wind rein«, ergänzt Meßmer. »Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die jungen Menschen reifen und realisieren, dass die Bewohner hier Menschen mit Persönlichkeiten sind. Auch die Vereine haben sich in dieser Zeit mächtig ins Zeug gelegt«, lobt Meßmer.

»Wenn gutes Wetter war fand draußen Programm statt und unsere Bewohner konnten von den Fenstern aus unterhalten werden. Manchmal waren auch Clowns da. Das war gut in dieser anstrengenden Zeit«, gesteht sie. Zusätzlich wurden im Zuge der Lockerung draußen drei Besucherplätze eingerichtet, um eine schrittweise Annäherung zu den Angehörigen zu ermöglichen. »Je länger der Kontakt fehlt, desto belastender wird es. Unsere FSJler waren das i-Tüpfelchen in dieser schwierigen Zeit«, so Meßmer und Maier.

Verantwortung übernehmen

Auch die Realschule des Marianums in Hegne bietet jährlich eine FSJ-Stelle für junge Menschen an. Dabei begleiten die FSJler die 5.- und 6. Klässler vor allem im Freizeitbereich. »Wichtig ist in jedem Fall, dass man Kinder mag und sich auch gerne mit ihnen beschäftigt«, so Schulleiterin Elke Wichmann im Gespräch mit dem WOCHENBLATT.

Dabei übernehmen diese jungen Menschen mehr und mehr Verantwortung für die zehn bis zwölfjährigen Kinder. »Anfangs begleiten unsere FSJler den Unterricht und schauen zu, später dürfen sie sich dann auch einbringen. So bieten wir etwa Themen-Projekte, die auf zehn Wochen ausgelegt sind, an, für die sich unsere Schülerinnen und Schüler verpflichtend anmelden.

Auch hier können sich die FSJler mit eigenen Ideen gerne einbringen«, erzählt Wichmann. Dabei ist ihrer Meinung nach ein FSJ eine gute Sache, denn man bekommt dabei eine berufliche Orientierung sowie ein Gespür dafür, was einem liegt und was was nicht. »Die FSJler sind ein Gewinn für uns, denn die Kinder lieben sie heiß und innig. Beide Seiten können dabei viel voneinander lernen«, so Wichmann.

Begegnungsstätten und Orte kultureller Vielfalt

Auch die Verrechnungsstelle für katholische Kirchengemeinden bietet FSJ- und BFD-Plätze an, unter anderem im Kinderhaus Heilige Dreifaltigkeit, eine Ganztagseinrichtung, im Herzen der Altstadt von Konstanz. Neben drei Kindergartengruppen gibt es hier auch eine Krippegruppe. Die Begleitung der Kinder zur Selbständigkeit, Gemeinschaftsfähigkeit und ihre Unterstützung beim Erwerben von Handlungskompetenzen stehen im Mittelpunkt. »Der christlicher Glaube und die gegenseitige Wertschätzung bilden die Grundlage für unsere Arbeit«, so Leiter Timo Vendeley im Gespräch mit dem WOCHENBLATT.

WOCHENBLATT: Welche persönlichen »Voraussetzungen« muss ein FSJ-ler/BFD-ler mitbringen, wenn er im Kinderhaus seinen Dienst leisten möchte?
Timo Venedey: Neben dem Interesse am Berufsbild des Erziehers, sollte der/die Freiwillige sich für die Arbeit mit Menschen begeistern. Darüber hinaus sollte er/sie Einfühlungsvermögen und ein gutes Maß an Toleranz mitbringen. Neugier und Einsatzbereitschaft helfen natürlich sehr und sorgen dafür, dass das Jahr für alle Beteiligten zum Erfolg wird.

WOCHENBLATT: Was sind die Aufgaben? Welche Stärken kann ein junger Mensch mit dieser Erfahrung (weiter-)entwickeln?
Timo Venedey: Bei der Arbeit mit den Freiwilligen ist uns eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe sehr wichtig. Wir bieten unseren Freiwilligen deshalb vielfältige Erfahrungen im pädagogischen Alltag. Als festes Teammitglied dürfen sie sich, im Einklang mit unserer Konzeption, auch nachhaltig einbringen, Talente entdecken, Stärken weiterentwickeln und sich selbst erproben. Kinder sind begeisterte Zuhörer und nicht verlegen, um ein persönliches Feedback. Ich denke Kinderhäuser sind Begegnungsstätten, Orte kultureller Vielfalt und damit Häuser voller individueller Geschichten. Es ist das Miteinander, der gegenseitige respektvolle Umgang untereinander, der uns alle reifen lässt.

WOCHENBLATT: Stellen FSJ-ler eine Bereicherung für Personal und Kinder dar und warum?
Timo Venedey: Bereits seit 2013 bieten wir neben dem klassischen FSJ auch die Möglichkeit an, einen Bundesfreiwilligendienst International bei uns zu leisten. In Kooperation mit der Fachstelle Internationale Freiwilligendienste der Erzdiözese Freiburg haben wir schon mehrfach Freiwillige aus Peru für unsere Arbeit gewinnen können. Wir empfinden alle Freiwilligen als große Bereicherung! Neben der individuellen Persönlichkeit und den ganz eigenen Stärken, schätzen wir deren gesellschaftlichen Beitrag sehr. Es ist das Engagement der Freiwilligen, welches nicht selten mit leuchtenden Kinderaugen belohnt wird.

WOCHENBLATT: Welche Herausforderungen gab/gibt es durch die Corona-Krise?
Timo Venedey: Zu unseren größten Herausforderungen zählen, neben der Umsetzung der äußerst personalintensiven Auflagen des Landes, die erneute Eingewöhnung der Kinder sowie unser pädagogischer Anspruch auf eine kindgerechten Umsetzung.

Das Aussetzen der gruppenübergreifenden Arbeit erschwert es sehr, einrichtungsbezogene Ressourcen zu nutzen und den vollen Leistungsumfang (Förderangebote, Kooperationen, Erziehungspartnerschaft, Öffnungszeiten, etc.) auch weiterhin anbieten zu können. Wir hoffen sehr, gerade im Interesse der Kinder, dass hier eine zeitnahe Lösung gefunden wird.

Bereicherung fürs Leben

Auch der Malteser Hilfsdienst im Kreis Konstanz hat noch einige Stellen im Bundesfreiwilligendienst (BFD) und FSJ zu besetzen. Gesucht werden junge Erwachsene, die sich im Fahrdienst, dem Hausnotruf oder der Seniorenbetreuung engagieren, beruflich orientieren oder auch erste praktische Erfahrungen sammeln möchten. Dieses Angebot gilt nicht nur für junge Erwachsene, es ist auch die Generation über 27 Jahre gefragt.

Das bedeutet, dass auch die ältere Generation im BFD tätig werden kann. Dieser ist sehr beliebt bei Früh- oder Altersrentnern, die eine sinnvolle Aufgabe suchen. Auch diese sind bei den Maltesern im Landkreis Konstanz herzlich willkommen.

Die Freiwilligen erhalten für ihr Engagement, welches in der Regel zwölf Monate dauert, ein monatliches Taschengeld sowie umfangreiche Sozialleistungen. Studienbewerbern kann die Zeit als Wartesemester gutgeschrieben werden.

»Die Erfahrungen, die unsere Freiwilligen machen, beschreiben viele als Bereicherung für ihr weiteres Leben und ihre Berufswahl«, berichtet Jürgen Raupp, der Bezirksgeschäftsführer der Malteser im Bodenseeraum. »Auch bei der Stellensuche erweist sich ein BFD oder FSJ als sinnvoll. So gilt es als Zeichen der sozialen Kompetenz und dient der Stärkung der eigenen Persönlichkeit.«

Aufgeschlossenheit und Motivation

Bei Elif fing alles mit ihrem Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein an. »Ich fand den Kurs richtig toll und dachte mir ›das kann ich auch‹. Also habe ich mich für ein FSJ bei den Johanniter beworben, den Platz bekommen und den Rettungslehrgang absolviert, damit ich auch ausbilden kann«, erzählt sie im Gespräch mit dem WOCHENBLATT. »Klar, am Anfang hat nicht alles sofort richtig gut geklappt - ich hatte eine zittrige Stimme, war nervös und bin rot angelaufen«, gesteht Elif. »Aber dank meiner Mentoren konnte ich das schnell in den Griff bekommen.«

Kurse zu geben machen der jungen Frau richtig Spaß. »Es ist faszinierend, wie man die Menschen mitnehmen und begeistern kann. Mein Ziel ist es die Kursteilnehmer mit einem Lachen hier rauslaufen zu lassen.« Dabei gibt sie Erste-Hilfe-Kurse nicht nur im Johanniter-Gebäude selbst, sondern auch auf Außenterminen, zum Beispiel in Firmen. Allerdings: Durch die Corona-Krise lagen die Kurse erstmal auf Eis. »In der Zeit bin ich auf andere Bereiche ausgewichen, wie Pflege oder Menü-Service. Mien Alltag ist weiterhin sehr abwechslungsreich.«

Mittlerweile sind Kurse wieder möglich, allerdings mit begrenzter Teilnehmerzahl und unter Einhaltung von Sicherheits- und Hygienemaßnahmen. »Das Konzept musste umgestellt werden. Bevor ich die Teilnehmer ins Gebäude lasse überprüfe ich ob sie Symptome haben.«, berichtet Elif. Ein Kurs besteht aus neun Einheiten á 45 Minuten. »Im Kurs muss auf den nötigen Abstand geachtet werden, die Teilnehmer dürfen sich nicht anfassen. Die stabile Seitenlage zum Beispiel muss der Liegende selbst durchführen, der Partner leitet im Stehen an. Natürlich werden alle Masken und Puppen davor und danach gründlich desinfiziert und gereinigt. Eine weitere Aufgabe ist die Ausstellung der Bescheinigungen.«

»Ich habe die Freiheit, den Kurs so zu gestalten, wie ich möchte. Die Atmosphäre ist echt toll und es herrschen flache Hierarchien auf Augenhöhe.« »Auf jeden Fall sollte man als Ausbilder Aufgeschlossenheit und Motivation mitbringen sowie offen und energiegeladen sein«, so die 19-Jährige. »Auch die Stimme spielt eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung von INhalten.« Trotz Corona kann Elif viel aus dieser Erfahrung mitnehmen. »Ich darf erleben, wie sich verschiedene Menschen kennenlernen und sogar neue Freundschaften entstehen. Wir haben alle voneinander viel gelernt und ich durfte neue Erfahrungen sammeln. es war eine schöne Zeit.«

Künstlerische Muse

Das Singener Theater »Die Färbe« bietet FSJ-Stellen der besonderen Art: Im Rahmen eines »Freiwilligen Kulturellen Jahres« haben Jugendliche und junge Erwachsene die Möglichkeit, alle Bereiche und Abläufe des Theaterbetriebs kennen zu lernen und aktiv mitzugestalten. In der familiären Atmosphäre des Privattheaters herrscht Kollegialität und Zusammenhalt. Die Anforderungen an den FSJler sind Interesse am Theater, Teamfähigkeit und Flexibilität. Das Mindestalter sollte 18 Jahre sein, ein Führerschein für PKW ist von Vorteil, aber nicht zwingend notwendig. Bewerber sollten handwerkliches Geschick und Interesse im technischen Bereich mitbringen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, der FSJler kann je nach Begabung in allen Bereichen eingelernt werden.

Große Bandbreite an Möglichkeiten

Der Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz (GLKN) ist mit rund 3.600 Mitarbeitern in Einrichtungen an sechs Standorten nicht nur einer der größten Arbeitsgeber in der Bodenseeregion – er ist auch einer der größten Ausbilder. Jedes Jahr sind hier über 200 junge Menschen in einem der vielen Berufe, die es im Gesundheitsverbund gibt, in Ausbildung. In diese Berufe lässt sich auch hinein schnuppern – mit einem Praktikum oder im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ).
Das WOCHENBLATT wollte von Tobias Müller, Gesamtpersonalleiter des GLKN, wissen, was potentielle FSJ-ler im Gesundheitsverbund zu erwarten haben.

WOCHENBLATT: Im GLKN können Interessierte auch ein FSJ absolvieren. In welchen Bereichen und an welchen Standorten ist das denn möglich?
Tobias Müller: Im Gesundheitsverbund gibt es gleich mehrere Einsatzbereiche und Einsatzorte. Im Klinikum Singen bieten wir Einsätze in den Bereichen Technik/Bau, Warenannahme und in der Pflege an. Im Pflegeheim Engen in der Pflege, im Klinikum Radolfzell im Hausmeisterdienst und in der Pflege, im Klinikum Konstanz im Zentrallager und in der Pflege und in unserem Rehazentrum Hegau-Jugendwerk in Gailingen in der Pflege. Sie sehen: Als potentieller FSJ-ler hat man bei uns die Qual der Wahl!

WOCHENBLATT:
Was erwartet einen FSJ-ler im GLKN und wie wird er eingesetzt?
Tobias Müller: Er oder sie arbeitet in den oben genannten Bereichen einfach mit. Wir wollen das eigenverantwortliche Arbeiten fördern. Nach einer ersten Einführung werden also Aufgaben zur selbstständigen Erledigung übertragen. Doch keiner muss Angst haben, alleine gelassen zu werden – unsere Mitarbeiter stehen als Ansprechpartner immer zur Seite.

WOCHENBLATT: Was spricht für ein FSJ und warum sollte er/sie sich für den GLKN entscheiden?
Tobias Müller: Mit einem FSJ kann man sich sozial engagieren und Gutes tun. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit einer persönlichen Weiterentwicklung durch die Übernahme von Verantwortlichkeiten. Durch die praktischen Erfahrungen kann auch eine berufliche Orientierung oder eine Anrechnung der Zeit für die Fachhochschulreife oder das Anerkennungsjahr erfolgen. Der GLKN ist einer der größten Ausbildungsbetriebe und Arbeitgeber in der Region – und das im spannenden Umfeld der Medizin. Wir können weitreichende Einblicke in zukunftsfähige Berufsfelder bieten!

Wochenblatt @: Graziella Verchio

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