Festivalorchester trotz Abstandsgebot?

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Interview mit Hilde von Massow

- Organisationsteam Höri Musiktage -

 

 

Mich würde es sehr interessieren, aus welcher Perspektive Sie, als Teil des Organisationsteams der Höri Musiktage, auf die derzeitige Lage blicken. Mit welchen Veränderungen sind Sie in Bezug auf die Umsetzung ihres Musikfestivals derzeit konfrontiert?

Zunächst: Natürlich greift das Virus auch bei uns tiefgreifend in ein- bis zweijährige hochkomplexe Vorbereitungen ein und zwingt zum Umdenken. Unsere Festivalplanung 2020 enthält zwei große Orchesterkonzerte, sommerliche und außergewöhnliche Open-Air-Konzerte am Seeufer oder im Öhninger Klosterhof, meisterhafte Kammerkonzerte mit Weltklasse-Ensembles, z.B. dem Aris Streich Quartett, Familienkonzerte, Jazz ... Es ist – oder muss ich schon sagen wäre? – wirklich für jeden Musikfreund etwas dabei. Wir haben jetzt in ausgiebigen Beratungen im Vorstand beschlossen, dass wir grundsätzlich an unseren Konzerten festhalten: Ob und welche der Konzerte für 2020 erhalten bleiben, entscheiden wir sukzessive nach Maßgabe der Möglichkeiten und politischen Entscheidungen. Wenn Konzerte abgesagt werden müssen, so integrieren wir sie ins Programm der Höri Musiktage 2021. Das ist mit den Ensembles abgesprochen, alle sind in dieser Situation äußerst kooperativ und flexibel.

 

Ihr Festival Orchester besteht aus 45 internationalen Künstlern. Inwiefern kann Musik in diesen Zeiten verbinden?

Ja, und das ist die ganz bittere Entscheidung, die wir treffen mussten: Die Orchesterkonzerte können 2020 nicht stattfinden. Großveranstaltungen sind bis Ende August nicht machbar. Notwendige Abstandsgebote sind weder im Orchester und Chor, noch im Publikum, einzuhalten. Den Gastfamilien, die großzügig unsere Orchestermusiker beherbergen, ist in dieser unsicheren Lage nicht zumutbar, Gäste aus allen Teilen Europas aufzunehmen. Last but not least tragen ja auch die Gemeinde und Kirchengemeinde Verantwortung dafür, dass alle gesundheitlich relevanten Maßnahmen beachtet werden. Das alles schmerzt uns sehr! Wir hatten in diesem Jubiläumsjahr Jahr das Programm der Orchesterkonzerte Ludwig van Beethoven gewidmet, mit dem selten gespielten Tripelkonzert op. 56, dem geliebten Violinkonzert op. 61 oder der Chorphantasie op. 80. Das schmerzt aber auch, weil ja gerade das Festivalorchester der Kern der Höri Musiktage ist: Junge hervorragende Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa (in diesem Jahr haben sich rund 120 beworben) kommen zu einer Arbeit- und Konzertwoche mit Akademiecharakter nach Öhningen und durchfluten 8 Tage lang den Ort mit Leben und Musik. Das werden wir im August sehr vermissen. An dieser Stelle aber gebührt ein Dank auch noch einmal unseren Gastgebern für Ihre Bereitschaft, immer wieder Musiker bei sich aufzunehmen. Das ist eine großartige praktische, aber auch ideelle Unterstützung der Höri Musiktage! 

 

Welche Möglichkeiten eröffnen sich Ihnen trotz oder vielleicht gerade wegen der Covid-19 Pandemie? Welche neuen Wege mussten gegangen werden?

Ja, die Höri Musiktage sind auch in Corona Zeiten kreativ und produktiv! Wir wollen auf unser Festivalorchester ganz und gar nicht verzichten. Deshalb haben wir uns sehr schnell entschlossen, einen virtuellen Weg zu suchen und sind nun online gegangen. Die 6. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, die "Pastorale", sollte eigentlich ganz im Sinne Beethovens, in schönster Natur in der Scheune des Oberbühlhofs auf dem Schiener Berg aufgeführt werden. Mit dem Beethoven Pastoral Projekt setzen Künstler international ein Zeichen zum Schutz von Natur und Umwelt. Das Covid-19-Virus hat die Planung durchkreuzt. Aber elf Musikerinnen und Musiker des Festivalorchesters und der Dirigent Eckart Manke haben die notwendige Kontaktsperre genutzt und mit größtmöglichem Abstand kurzerhand den 3. Satz der "Pastorale" eingespielt – Ton und Bild mit dem Smartphone zu Hause aufgenommen, jeder für sich allein! Aus zwölf Handyfilmen hat ein Tonmeister das virtuelle Orchester gebildet, die Tonspuren extrahiert und zusammengeführt, die Videos darübergelegt und das virtuelle Orchester war on stage. Diese Aufnahme ist wie sonst üblich kein Playback mit darüber gelegten Filmaufnahmen: Alle Stimmen sind wirklich so gespielt, neben dem Schreibtisch, in der Küche, im Wohnraum der WG.

In diese Richtung haben wir weitere Ideen: Wenn in diesem Jahr das Festivalorchester nicht anwesend sein kann, so wollen wir es doch schon mal bekannt machen. Deshalb sind jetzt alle 45 Musikerinnen und Musiker des Orchesters gebeten, ein kleines Portrait von sich und ihrer Musik per Smartphone aufzunehmen. Diese Portraits werden wir veröffentlichen, auf der Homepage, bei YouTube, als Abo oder als Gesamtportrait des Orchesters.

Die Höri Musiktage bleiben also präsent, aktiv und gehen kreativ mit dieser Situation um! Wir freuen uns auf alle Konzerte, die wir in diesem Jahr erhalten können. Und wir freuen uns auf tolle Höri Musiktage mit Festivalorchester im August 2021.

 

Hier kommen Sie zur "Pastorale" der Höri Musiktage

 

 

 

Wochenblatt @: Kim Kroll

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