Kunst, um das Innere sichtbar zu machen

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Interview mit Elisa Noël

- Künstlerin und Zeichenschullehrerin -

 

Ihnen ist es wichtig mit Ihrer Kunst das innere Selbst zu festigen und aufzuzeigen, was Mensch ist. Inwiefern kann einem diese Herausbildung des Inneren helfen, persönliche Schicksale und Krisen zu bewältigen?

 

Meine Großmutter, die ich nie kennen lernte, weil sie viel zu jung an einer Überdosis Morphium verstarb, erschien mir als junge Frau im Traum und gab mir zwei kurze Anweisungen:

„Lerne zu Leben!“

„Lerne zu Lieben!“

Wenn ich aus der Perspektive als Künstlerin und Kunstlehrerin auf die derzeitige Lage blicke, so muss ich zwischen diesen zwei Berufungen differenzieren. Für mich besteht der Auftrag in der Kunst in erster Linie darin, Menschen in ihre Mitte zu begleiten, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Der „Fernsehapparat“ Kirche, egal welcher Religion, wurde mit seinen oft wunderbaren Altarbildern und Gegenständen in den letzten Jahren immer häufiger ausgeschaltet und ersetzt und seiner geistigen Substanz beraubt durch Kathedralen des Konsums oder des fliegenden Spaghetti-Monsters (FSM) und jetzt, wie es scheint, durch die Wissenschaft.

Die ersten zwei Beispiel-Kathedralen wurden geschlossen, die Wissenschaft scheint jetzt unser Dom zu werden. Ehrfürchtig und oft aus der Angst heraus, aber auch, weil uns das Denken abgewöhnt wurde, schauen viele Menschen wie hypnotisiert auf die neuen „Priester“ und „Kardinäle“, auf die Experten oder Möchtegern-Experten. Viele Menschen haben Angst, ihr materielles oder gar biologisches Leben zu verlieren. Das ist ein Nährboden, mit dem man viele von ihnen manipulieren kann. Das finde ich gefährlich. Im Chaos ihrer Gefühle müssen sie mit Abgrenzung und Einsamkeit zurechtkommen. Für Individualität scheint in diesem Moment kein Raum zu sein. Und doch, es ist wie bei der Büchse der Pandora, in dieser tiefsten Verzweiflung, so habe ich es in meinem Leben gelernt, erfahren wir oft Hoffnung. Wir verbinden die tiefste Verzweiflung diametral mit der Hoffnung, einer Kraft, die größer ist als wir selbst. In solchen Momenten, entsteht, so glaube ich, wahre Kunst - Kunst, die uns in unsere Mitte führt und uns heil/gesund werden lässt. Das ist in meinen Augen ein innerer Aspekt der momentanen Situation.

 

Innerhalb Ihrer Kunst- und Zeichenkurse möchten Sie Ihren Schülern ebenso diesen inneren Halt vermitteln. Was geben Sie ihnen in dieser schwierigen Situation durch Ihre Zeichenübungen mit auf den Weg?

Als Zeichenschullehrerin schaue ich in diesem Shut-Down mit Sorge und Freude gleichzeitig auf meine Schüler, die in erster Linie Kinder und Jugendliche sind. Am Freitag dem 13. März wurde die Schulschließung beschlossen, am Samstag kaufte ich mir ein Arbeits-Handy und seit Montag, dem 16. März wurden fast alle Schüler per WhatsApp unterrichtet. Nach der ersten Woche verkleinerte ich die Gruppenstärke von 8 auf 5 Teilnehmer. Trotzdem kommen pro Stunde mit 75 Minuten ca. 274 Bild-, Text- oder Sprachnachrichten bei mir an. Der bisherige Frontalunterricht wurde weitgehend zum Einzelunterricht. Und so beantworte ich z.B. montags allein in der Zeit von 14:00 bis 19:45 Uhr ca. 240 bis 400 Fragen per WhatsApp.

In der Abgeschiedenheit und Einsamkeit zu zeichnen ist für manche Schüler ein großes Problem. Sie erfahren Langeweile, die sie in der Gruppe nicht kannten. Doch diese Langeweile birgt auch das Potenzial, sie durch Selbstorganisation in die Freiheit der Kreativität zu führen. Eine Freiheit auf das Recht im eigenen Kopf, im eigenen Selbst, im Hier und Jetzt zu leben und zu denken. Freiheitlich denkend, ihre ganz eigenen Lieblings Themen behandelnd, achten sie trotzdem die Gesetze, die im Fall meiner Zeichenschule die Zeichentechniken sind. Um meine Schüler in diese künstlerische Freiheit zu führen, gibt es in meiner Schule eigentlich nur zwei Grundsätze. Der erste Grundsatz lautet: Sehen und Versehen lernen! Und der zweite Grundsatz lautet: Die Hauptaufgabe eines Schülers ist, besser zu werden als der Lehrer! Durch eine Anleitung zu selbständigem Denken und Fühlen, hoffe ich, ihr innerstes Selbst zu festigen, damit sie auch persönliche Schicksale und Krisen bewältigen können. Immer wieder gebe ich ihnen zu verstehen, dass sie auch meine Zeichnungen und Anleitungen hinterfragen sollen, weil auch ich Fehler mache!

Wir sind alle Menschen, fehlbar und keine Götter und trotzdem trägt jeder von uns einen heiligen Kern, das innere Selbst in sich, dass es zu schützen gilt.

Mit Sorge schaue ich aber insbesondere auf die Kinder, die mich als leibhaftige Person brauchen und nicht nur eine Aufgabe und meine Stimme am Handy. Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen oder Asperger Syndrom, um diese Kinder mache ich mir große Sorgen. Die abgesprungenen Schnupperschüler, die fehlenden Interessenten von neuen Schülern, die Abmeldungen aufgrund des Shut-Downs oder der erzwungenen Kurzzeitarbeit, das macht mir Sorgen, ob ich meinen Sohn und mich selbst wirtschaftlich betrachtet auf Dauer gesehen ernähren kann. Nach vier Jahren des Aufbaus der Schule in Singen mit eigenen Ersparnissen, hatte ich eigentlich das Gefühl gehabt, dass wir jetzt nicht mehr ganz so extrem sparsam leben müssen und vielleicht auch etwas Geld für ein Auto oder einen Urlaub abzweigen können. Ich habe so viele Visionen, mein Herzblut hängt an dieser Kunst & Zeichenschule. Eigentlich wollte ich die Schule wieder vergrößern und suche schon seit geraumer Zeit ein kleines baufälliges Haus, in dem ich mit den Kindern und Jugendlichen auch wieder bildhauen und modellieren kann oder kleine Tischlerarbeiten aus Wildholz durchführen kann. Vor ca. 20 Jahren hatte ich das Glück, ein Abriss-Haus kaufen zu können. Dieses hatte ich nicht abreißen lassen, sondern ich habe es mit viel Fleiß innerhalb von sieben Jahren in eine wunderbare Kunst & Zeichenschule verwandeln können. Das Haus stand leider am falschen Platz.

 

Mit welchen Veränderungen sind Sie in Bezug auf Ihre Kunst derzeit konfrontiert?

Äußerlich betrachtet mussten wir, zehn Künstler, unsere Ausstellung in der Sozialstation Hegau-West in Gottmadingen kurzfristig und gleich zu Beginn ganz schnell wieder abbauen, weil die Räumlichkeiten für die Kindernotbetreuung systemrelevanter Berufe benötigt wurden. In Bezug auf meine persönliche Kunst sehe ich mich abgesehen vom dem noch schwierigeren Verkauf in diesen Zeiten keinerlei Veränderungen konfrontiert. Schon immer habe ich meine Kunst von der Marktwirtschaft entkoppelt. In dieser Hinsicht will ich frei und unabhängig von der Meinung der Masse sein. In meiner Kunst möchte ich das Unsichtbare sichtbar machen und vielleicht hin und wieder im Gegenüber einen kleinen Kiesel ins Rollen bringen und dienend einige Menschen auf dem Weg in ihre ureigenste Mitte begleiten, so wie damals Herr Reinhold durch einen kleinen Satz einen Stein bei mir ins Rollen gebracht hat: „Erkenne dich selbst!“ Das macht mich glücklich. Vor einigen Jahren gab mir jemand in einem Gespräch zu bedenken, dass man die Inschrift doch erweitern könne zu einem: Erkenne Dich selbst und Du wirst Gott erkennen! Seitdem hat das Wort heilig, also heil sein, ganz sein, integer sein, gesund sein, eine gänzlich neue Bedeutung für mich erlangt.

 

 

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Wochenblatt @: Kim Kroll

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