Was also macht ein Museumsleiter in Corona-Zeiten?

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Interview mit Christoph Bauer

- Museumsleiter Kunstmuseum Singen -

 

So lautete die Frage des Chefredakteurs des Singener Wochenblattes, Oliver Fiedler, zu Beginn der Pandemie. Heute nun darauf eine Antwort:

Was also macht ein Museumsleiter in Corona-Zeiten? Das Kunstmuseum Singen ist ja wie alle Museen und Kultureinrichtungen in Deutschland geschlossen.

Ich muss, lieber Oliver Fiedler, etwas schmunzeln, zielt die Frage zumindest indirekt auf die Annahme vieler Bürger, wir hätten doch nach dem Aufbau der jeweils aktuellen Ausstellung nichts zu tun. Übrigens gibt es genau dazu ein Angebot unserer Museumspädagogik mit dem schönen Titel: „Das Museum – Was machen die eigentlich den ganzen Tag?“

 

Dann also konkret: Was machen Sie jetzt den ganzen Tag?

Nun, die Arbeit hat sich weg vom Ausstellungsbetrieb hin zur Sammlung verlagert. Die sollte eigentlich immer im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen, aber im alltäglichen Kunstbetrieb hat man meist zu wenig Zeit, um sich der Sammlungspflege intensiv widmen zu können. In den letzten zwei Wochen habe ich also unsere grafische Sammlung neu auf die vorhandenen und zwei neu angeschaffte Graphikschränke verteilt. Das dient dem Schutz der Kunstwerke. Zugleich kontrolliert man dabei auch den Zustand der Blätter und sondert solche für eine spätere konservatorische oder restauratorische Bearbeitung aus. Zudem inventarisieren wir wie die Weltmeister! In den letzten Jahren und Monaten haben wir größere Schenkungen erhalten und nun endlich bin ich in der Lage, diese Blatt für Blatt zu bestimmen und zu erfassen. Konkret heißt das: Von welchem Künstler ist die Arbeit? Hat sie einen Titel? Wann ist sie entstanden? Und die Technik? Auch die Maße, der Zustand usw. sind zu erfassen... Stehen Informationen auf der Arbeit selbst: Gut. Ansonsten kann das aber auch zu mühevollen Recherchen führen. Zuletzt gehen all diese Informationen in die Kunstdatenbank des Museums ein.

 

Das hört sich fast ein wenig so an, als ob Sie geradezu froh wären, in Ruhe an einer Arbeit dran bleiben zu können? Können Sie unseren Lesern vermitteln, warum die Bearbeitung der Sammlung so wichtig sein soll?

Wir haben selbstverständlich ein Interesse daran, das Haus wieder öffnen und unserem Publikum unsere Jubiläumsausstellung >30 Jahre. Kunstmuseum Singen.< zeigen zu können. Sie wartet komplett aufgebaut auf Besucher. Aber Sie haben recht: Die Arbeit an und mit den Sammlungsbeständen ist zentral. In Singen sind Ausstellungs- und Sammlungskonzeption strikt aufeinander bezogen. Wir entwickeln unser Programm aus und mit der Sammlung. Die städtische Sammlung ist Basis und Zukunft der Museumsarbeit. Um aber Funken aus der Sammlung schlagen zu können, muss ich den Kontext jedes einzelnen Kunstwerks kennen. Viele Singener denken, alles zu den >Höri-Künstlern<, zu den >Singener Kunstausstellungen<, zu den Erwerbungen der letzten Jahrzehnte sei bekannt und die Sammlung sei abgeschlossen. Das ist nicht der Fall. In der Nachkriegszeit wurde nur wenig aufgeschrieben: Das alles weiß man doch, war die Haltung. Nicht alle Kunstwerke aber sind Altbestand. Viele Werke, ganz gleich ob Ankäufe oder Schenkungen, kamen erst in den letzten Jahren ins Haus. Mit dem Generationenwechsel ändern sich auch die kunsthistorischen Fragen. Zum Beispiel: Wie war das tatsächlich im >Dritten Reich< mit den >Höri-Künstlern<? Kurzum: Wir brauchen Forschung und Informationen zu den Singener Kunstwerken – und Recherche kostet Zeit.

 

Nun haben Sie die Bedeutung der Sammlung auch für die zeitgenössische Kunst behauptet. Wie ist das zu verstehen?

Wir setzen die Ursprungsidee der >Singener Kunstausstellungen< und die frühe Sammlungstätigkeit der Stadt Singen in die heutige Zeit fort. Dabei müssen wir die Realität des Kunstbetriebs heute im Blick behalten. D.h.: Wir beziehen die Sammlung und das Ausstellungsprogramm auf die ganze Vierländerregion Bodensee. Das Prinzip der Regionalität darf dabei das Prinzip der künstlerischen Qualität nicht aushebeln. Und tatsächlich beziehen sich alle professionell tätigen Künstler aus und in der Region nicht ausschließlich auf diese – schon aus rein praktisch-kommerziellen Gründen. Das Kunstmuseum Singen bietet eine Plattform für diese Kunst, zeigt Ausstellungen und sammelt Werke von diesen Künstlern. Es geht uns darum, das Potential dieser Region im Bereich der Kunst öffentlich zu machen! Singen ist eine junge Stadt; das Kunstmuseum dieser Stadt fördert auch zeitgenössische Positionen. Und wenn es klappt, dann bleiben Werke in der Sammlung, die, wie die >Höri-Künstler<, exemplarisch für unsere Zeit und eine Region stehen.

 

Apropos: Wie geht es denn den Künstlern in der Corona-Krise? Was hören Sie aus Kreisen der Künstler?

Meine Kollegen an anderen städtischen Museen und mich erreichen bereits die ersten Hilferufe. Die Not der Kulturschaffenden wächst, sie werden aktuell gern „vergessen“ und es gilt, in der Bevölkerung das Bewusstsein zu schärfen, dass die Folgen der Pandemie für die Kunstlandschaft dramatisch sein könnten. Ausstellungen werden reihenweise abgesagt und verschoben. Ankäufe finden nicht statt und die Museen können kaum helfen, da Haushaltssperren verhängt sind. So bleibt der Appell an die Solidarität der Bürger, bei den Künstlern und im Kunsthandel zu kaufen, sich kulturpolitisch einzusetzen und Foren der Präsenz, z.B. das eigene Kunstmuseum, zu unterstützen. Auch hier gilt: Die Menschen machen die Region.

 

Gibt es denn, abschließend gefragt, Planungen zur Wiedereröffnung?

Wir planen, ohne sicher zu sein, aktuell auf Anfang / Mitte Mai hin. Vielleicht kann das Kunstmuseum Singen für Einzelbesucher dann wieder, unter Einhaltung aller Vorgaben zur Sicherheit, geöffnet werden? Bis dahin gibt es einen Eindruck der Schau: >30 Jahre. Kunstmuseum Singen.< auf unserer Website zu sehen. Ich kann nur sagen: Wir freuen uns auf und über jeden Besucher!

 

 

 

Wochenblatt @: Oliver Fiedler

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