Wie kann man das Lebewesen Mensch zur Besinnung bringen?

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Interview mit Gaby Hauptmann

- Schriftstellerin und Journalistin -

 

Das Buch Letters of Note von Shaun Usher beinhaltet Briefe und Notizen, die durch ihre Einfachheit, ihre Direktheit, gerade durch ihre Unverschämtheit oder ihre Liebenswürdigkeit kulturelle Umbrüche, Misstände, Gedanken oder Empfindungen ausdrücken.

Daraus ein Auszug eines Bewerbungsbriefes von Robert Pirosh aus dem Jahr 1934:

"Sehr geehrter Herr: Ich liebe Worte. Ich liebe fette, buttrige Worte wie träufeln, Sündenphul, schmuddelig, schaurig. Ich liebe althergebrachte, eckige, sperrige Worte wie bockbeinig, kommod, Quacksalber piesacken. […] Ich liebe das Wort Drehbuchautor mehr als das Wort Werbetexter. Daher habe ich beschlossen, meinen Job in einer New Yorker Werbeagentur an den Nagel zu hängen und mein Glück in Hollywood zu versuchen. […] Ich bin gerade von dort zurückgekehrt und liebe nach wie vor Worte. Darf ich ein paar mit Ihnen wechseln?"

 

Aus Ihrer Perspektive: Wie kann Literatur kulturelle Veränderungen, Standpunkte oder Misstände greifbar machen? Was braucht es dazu?

Zunächst einmal braucht es die Leser, die das auch interessiert. Wenn alle in Problemen stecken, mag das keiner lesen, denn jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Die, die die literarischen Standpunkte anderer lesen und sich auch dafür interessieren, sind sowieso schon offen. An denen, die sich lieber mit Verschwörungstheorien beschäftigen, geht jeder anderer Ansatz vorbei – egal, wie untermauert er ist, egal, wie viele Menschen um einen herum sterben. Mit Literatur erreicht man nur die, die sowieso schon der Meinung des Schreibenden sind – oder zumindest willens, sich damit zu beschäftigen. Ich befürchte, das sind nicht viele. Also verändert Literatur leider nichts.

 

Was wäre Ihr Brief zu Zeiten der Covid-19 Pandemie?

Mein Brief an eine imaginäre Dame – keine Bewerbung, sondern nur ein Abend mit philosophischem Austausch … und  hoffentlich mit greifbaren Ergebnissen.


Sehr geehrte Dame,

wir schauen nach vorn, denn ohne Optimismus wäre die Menschheit schon nicht mehr da. Viele Literaten haben sich mit ihrer Zeit, den Menschen und den Auswirkungen beschäftigt, sei es „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf oder „Le Rhinocéros“ von Ionesco. 

Bei Gotthelf wird die Kollektivschuld schnell vergessen und das Schicksal von Außenseitern beschrieben, die von der Gemeinschaft schnell zu Sündenböcken gemacht werden. Siehe AfD in Deutschland – Sündenböcke sind die Ausländer und Juden. Bei Ionesco marschieren die Nashörner – und irgendwann wollen auch die anderen ein Horn haben – siehe der rechte Aufmarsch. Bei „Big Brother ist watching you“ hatte Orwell die Jahreszahl 1984 gewählt, den Roman aber 1948 geschrieben. Vorausblickend, wie sich ein Überwachungsstaat entwickelt, wenn jeder Nachbar jeden bespitzelt. 

Trotz allem leben wir weiter und sehen nach vorn. Wo ist die Perspektive, wo die Vision, wo der Wille, die Erde wieder zu einer Erde zu machen? Wo ist der Hebel, die Geldgiermaschine Mensch aus Regenwäldern fern zu halten? Wie können wir das Bewusstsein der Menschen stärken, dass Überbevölkerung zum Kollaps führt? Wie können wir vermitteln, dass Tiere in erbärmlichen, vom Mensch gemachten Situationen, genauso leiden, wie ein Mensch auch?

Vielleicht bringt uns die Ruhepause durch Covid-19 zum Nachdenken. Vielleicht bringt uns die Pause aber auch nur dazu, anschließend alles mit noch brutaleren Mitteln nachzuholen.

Wohin werden all die Millionen Einweg-Plastikhandschuhe aus Plastik und Einweg-Mundschutze entsorgt?

Wenn ich mit Ihnen, verehrte Dame, einen Abend verbringen möchte, dann möchte ich nicht über Worte reden, sondern über Taten: Wie kann man das Lebewesen Mensch zur Besinnung bringen?

 

 

 

 

Wochenblatt @: Kim Kroll

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