»Auf ein Wort!«

Sie engagieren sich ehrenamtlich: Marion Czajor, Stefan Dunaiski, Hanr-Peter Storz, Dorothea Wehinger (von links n. r.)

9. Sonntags-Talk auf der Färbebühne

»Erfolgsmodell Ehrenamt, wie weiter«


mit Moderator Walter Studer

 

Das Ehrenamt ist ein Erfolgsmodell. Die Menschen strömen ins Ehrenamt, sagt die Statistik. Gleichzeitig aber rufen die Freiwilligen Feuerwehren um Hilfe, weil ihnen der Nachwuchs fehlt. Vereine finden keine Leute, die Führungsfunktionen übernehmen. Ein Erfolgsmodell zeigt Risse. Dieses Spannungsfeld ist Thema des nächsten Sonntags-Talks in der »Färbe« in Singen.


ws. Die Menschen drängen ins Ehrenamt.  Die Zahlen, die das Bundesfamilienministerium regelmäßig erhebt, sprechen eine klare Sprache: Die Zahl  der ehrenamtlich Tätigen ist in den letzten fünfzehn Jahren um rund zehn Prozent gestiegen, mehr als 30 Millionen Menschen sind es total, oder knapp weniger als die Hälfte der Bevölkerung über vierzehn Jahren. Das Ehrenamt hat seine Anziehungskraft nicht eingebüßt. Vordergründig. Denn auf den zweiten Blick sieht die Situation weniger rosig aus: Vereine stellen ihren Betrieb ein, weil sie keine Leute finden, die Leitungsfunktionen übernehmen. Die Funktionsträger klagen über wuchernde Bürokratie.

Das Ehrenamt befindet sich augenscheinlich in einem Umbruch. Die Leute lassen sich nur ungern langfristig binden. Starre Strukturen und regelmäßige Einsätze werden gemieden. Gleichzeitig sind sie bereit, intensiv in klar definierten und befristeten Projekten mitzuwirken. Diese Entwicklung stellt Strukturen, die auf gemeinschaftliches Engagement ausgerichtet sind, als zum Beispiel die Feuerwehren, vor immense Probleme.

Was ist zu tun, damit das Erfolgsmodell »Ehrenamt« fortbesteht? Darüber diskutiert eine illustre Runde beim nächsten Sonntags-Talk in der »Färbe« in Singen. Aus breiter Erfahrung können berichten Marion Czajor, Vorsitzende des Tierschutzvereins Singen-Hegau und gleichzeitig Politikerin im Singener Gemeinderat, wie auch Hans-Peter Storz, ebenfalls Gemeinderat und Vorsitzender des Stadtturnvereins Singen und Stefan Dunaiski, Vorstand des SV Bohlingen. Dorothea Wehinger schliesslich, Mitglied des Landtages, engagiert sich für die Sache des Ehrenamtes und ist selbst in Vereinen aktiv.

Eine spannende Debatte erwartet uns am 27. Mai in der »Färbe«.

 

Sonntags-Talk in der Färbe am 23. September 2018
Beginn: 11.00 Uhr, Türöffnung: 10:30 Uhr in der »Färbe« in Singen.
Eintritt ist frei!


Um eine Spende für den Verein »Menschen helfen« wird gebeten.

 

 


Zwiegespräche mit Außenwirkung

Walter Studer (Mitte), hier bei einer Talkrunde im April zum Thema Digitalisierung mit Gerhard Fischer, Guido H. Baltes, und Marian Schreier. swb-Bild: of

Walter Studer moderiert WOCHENBLATT-Talk »Auf ein Wort« zum Thema Ehrenamt am 23. September

Am Sonntag, 23. September, geht die Wochenblatt-Talkserie »Auf ein Wort« nach der Sommerpause weiter - und das gleich mit einem Thema, das aktuell aus vielen Richtungen kontrovers diskutiert wird - dem Ehrenamt als wichtigste Stütze unserer Gesellschaft, das aber dringend Stützen durch die Gesellschaft benötigt. Dabei werden wieder sehr interessante Gesprächspartner auf dem Podium sitzen - mit Moderator Walter Studer (68), der »Auf ein Wort« nun schon seit über einem Jahr für die Region zum spannenden Format gemacht hat. Der Mann der Interviews wird hier in einem kleinen Interview selbst vorgestellt. Die Fragen stellte Chefredakteur Oliver Fiedler.

WOCHENBLATT:
Sie haben über 30Jahre für »Radio Munot« viele Interviews geführt für unzählige topaktuelle Sendungen, was macht den Reiz für sie aus?

Walter Studer:
Das ist das Gespräch mit einen direkten Gegenüber was auch nur richtig funktioniert, wenn man sich ins Gesicht schauen kann. Meine Kunst ist es ja, neben den Informationen für die Zuhörer hier auch den persönlichen Moment dieses Gegenübers zu vermitteln. Das macht dieses Genre sehr spannend.

WOCHENBLATT:
Gibt es dabei so richtig tolle Begegnungen, an die man sich ein Leben lang erinnert?

Walter Studer:
Da waren in den Jahrennatürlich jede Menge Top-Politiker dabei. Sehr tief haben mich allerdings die Interviews mit den damaligen Gemeindepräsidenten aus dem Reiat vor bald 10 Jahren beeindruckt, die doch sehr emotional waren angesichts der anstehenden Fusion mit der Gemeinde Thayngen. Das war schon denkwürdig.

WOCHENBLATT:
Sie hatten die Moderation des Talk-Formats »Auf ein Wort« des WOCHENBLATTs vor über einem Jahr übernommen und damit als »Pensionär« doch nochmals Neuland betreten. Wie ist es ihnen damit gegangen?

Walter Studer:
Politische Veranstaltungen, zum Beispiel zu Wahlen und Abstimmungen hatte ich natürlich immer wieder moderiert und dabei ist es durchaus schon heiß hergegangen. Diese Talkrunde hat für mich als Schweizer natürlich bedeutet, sich erst mal auf deutsche Begebenheiten einzuarbeiten weil doch Vieles hier anders ist. Jetzt bin ich da gut drin und es hat wirklich schon eine ganze Menge spannender Begegnungen und Gespräche gegeben, vom Konstanzer Intendanten Prof. Nix angefangen bis zum smarten Digitalbürgermeister Marian Schreier oder dem Schweizer Anti-Lobby-Lobbyisten Thomas Minder oder den ganzen Bundestags- und Landtagsabgeordneten, die hier schon auf dem Podium saßen.

WOCHENBLATT:
was macht diese Talkrunde so besonders?

Walter Studer:
das ist zum einen das Publikum. Obwohl es ja jedes mal einanderes ist, habe ich das Gefühl, dass hier sehr aufmerksam unsere Gespräche auf der Bühne verfolgt werden - das spürt man auch bei den Fragen am Schluss weil sie auch meist ganz persönlich sind. Und es ist der Saal. Die »Färbe« ist als Raum für so etwas einfach eine Perle.

WOCHENBLATT:
Da können wir uns auf spannende Diskurse freuen zum Thema Ehrenamt am 23. September, unter anderem mit Hans Peter Storz als Vorsitzendem des Singener Stadtturnvereins, mit Marion Czajor als langjährige Kämpferin für den Tierschutzverein Singen-Hegau, mit dem Bohlinger Ortsvorsteher und SV Vorsitzenden Stefan Dunaiski und MdL Dorothea Wehinger, die hoffentlich viel davon in die Politik transportieren kann.

 


Wieso engagieren Sie sich ehrenamtlich?

Die Antworten der Podiumsteilnehmer:

Stefan Dunaiski, Vorstand SV Bohlingen, Ortsvorsteher Bohlingen
Mein ehrenamtliches Engagement im Sportverein Bohlingen ist vor allem darauf zurückzuführen, dass ich selbst in meiner Kindheit im Verein Menschen vorfand, welche sich ehrenamtlich für mich und andere engagiert haben. Ich möchte mit meinem Engagement vor allem unseren Kindern und Jugendlichen im Verein einen Teil hiervon zurückgeben. Zum anderen macht ehrenamtliches Engagement im Verein Spaß, es stärkt die Gemeinschaft und Freundschaft, vermittelt Werte und Traditionen, bildet Kinder und Jugendliche aus, bietet Erwachsenen sportliche Aktivitäten und trägt u.a. auch zu einem lebenswerten Umfeld in unserer Gemeinde bei.

Marion Czajor, Vorsitzende Tierschutzverein Singen-Hegau, Gemeinderätin
Es ist meine Bürgerpflicht, sich zu engagieren. Verantwortung zu übernehmen, ist erfüllend und Motivation zugleich. Ehrenamt hat eine Vorbildfunktion, bietet Gestaltungsmöglichkeiten und ist der Kitt unserer Gesellschaft. Als Multiplikator Mitbürger für das ehrenamtliche Engagement zu gewinnen, ist eine prickelnde Herausforderung, die mich bereits seit über 50 Lebensjahren - von der Jugendarbeit über die Kommunalpolitik bis hin zum Tierschutz – stets begeistert und fordert.

Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete, Mitglied Kreistag, Gemeinderätin
Ohne Ehrenamt wäre unsere Gesellschaft wesentlich ärmer an Angeboten. Demographischer Wandel, Auflösung von Familienstrukturen etc. erfordert mehr Gemeinschaftssinn: z.B. Pflege der Älteren, Betreuung der Kinder. Bürgerschaftliches Engagement ist ein Gewinn für die Gesellschaft – jede/jeder kann seine Potentiale einbringen. Die großen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit sind ohne die Tatkraft der aller vor Ort nicht zu meistern: Integration, Bildung, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Armut etc. Etwas für die Gemeinschaft und in der Gemeinschaft zu tun macht glücklich: Bereicherung durch persönliche Kontakte und Gefühl, gebraucht zu werden.

Hans-Peter Storz, Vorsitzender Stadtturnverein Singen, Gemeinderat
»Damit die Welt ein bischen lebenswerter und besser wird« – »mit Menschen für Menschen« – »wenn’s niemand macht, was dann« – das sind einige Gedanken, die mir spontan auf die Frage in den Kopf kommen. Hintergrund für das Engagement ist sicher meine christliche Erziehung und dass ich schon früh in der Jugendarbeit Verantwortung übernommen habe. Dabei hat das Team und die Gemeinschaft oft eine große Rolle gespielt. Dadurch sind auch intensive Freundschaften entstanden. Und dann ist da auch die Dankbarkeit oder positive Reaktion der Menschen oder man hat ein Ergebnis dessen, was man geschafft hat und daraus die Gewissheit: es hat sich gelohnt.


Warnendes Beispiel: Singener Halbmarathon

Letzte Woche wurde bekannt, dass die ehrenamtlichen Organisatoren des Singener Halbmarathons die Veranstaltung nicht mehr zu stemmen vermögen. Diese überraschende Wendung zeigt, wie aktuell das Thema »Ehrenamt« ist. Unter dem Titel »Erfolgsmodell Ehrenamt, wie weiter?« diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Vereinen am Sonntag in der »Färbe« Fragen des freiwilligen Engagements.

ws. Eine ehrenamtliche Tätigkeit wird aus unterschiedlichen Gründen übernommen. Drei Grundmotivationen lassen sich erkennen: ein Engagement, um eigene Interessen zu verfolgen, ein Engagement für die Interessen Dritter und schließlich das Engagement für die Interessen aller. In erster Linie wird ein Ehrenamt angenommen, um eigene Interessen wahrnehmen zu können. Jemand tritt einem Verein bei, um sein Hobby zu pflegen. Aus der Mitgliedschaft  entstehen Verpflichtungen, die zu Einsätzen im Dienste des Vereins führen.

Jüngste Entwicklungen zeigen, dass der freiwillige Einsatz für die Interessen Dritter wichtiger wird. Die Erkenntnis, dass aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen bestimmten Gruppen existentielle Bedürfnisse nicht zugänglich sind, motiviert viele Leute, ehrenamtlich solche Manki zu beheben.

In den beiden Bereichen Engagement für eigene Interessen und Einsatz für die Interessen Dritter nimmt die Zahl der ehrenamtlich Tätigen zu. Anders sieht es beim freiwilligen Einsatz im Dienste aller aus. Die Suche nach Leuten, die Verantwortung in Vereinen übernehmen, gestaltet sich mühsam. Gleiche Probleme bekunden Organisationen, die Einsätze im Dienste der Gesellschaft leisten. Feuerwehren suchen teilweise händeringend nach Nachwuchs. Was sind die Ursachen für diese ungleiche Entwicklung? Kann diePolitik das Problem entschärfen? Das sind Fragen, die beim Talk amkommenden Sonntag diskutiertwerden. In der Runde sitzen Leute,die das Ehrenamt aus der täglichen Praxis kennen: Marion Cza-jor, Vorsitzende des Tierschutzvereins Singen-Hegau und Gemeinderätin, Stefan Dunaiski, Vorstand des SV Bohlingen und  Ortsvorsteher, Hans-Peter Storz,  Vorsitzender des Stadtturnvereins Singen und Gemeinderat, sowie Dorothea Wehinger, Mitglied des Landtags, Mitglied des Kreisrates und Gemeinderätin.


Wieso übernehmen immer weniger Leute Verantwortung in Vereinen?

Die Antworten der Podiumsteilnehmer auf die Frage:

Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete, Mitglied Kreistag, Gemeinderätin
Leute wollen sich immer weniger festlegen – Sorge bei z.B. spontanen Reisevorhaben angebunden zu sein. Zunehmende Individualisierung und Anonymisierung in unserer Gesellschaft. Traditionen gehen verloren.  Religion/Kirche verlieren an Stellenwert (die gute Tat bringt nichts mehr). Fehlende Wertschätzung. Gesellschaftlicher Wandel: z.B. im Arbeitsleben wird Mobilität gefordert – häufige Wohnortswechsel machen Engagement schwierig. Zunehmende Bürokratisierung: Steuer, Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis etc. Verändertes Freizeitverhalten.

Marion Czajor, Vorsitzende Tierschutzverein Singen-Hegau, Gemeinderätin

Die Gesellschaft ist im Umbruch und die verbleibende Zeit für das Ehrenamt ist knapp. Kurz gesagt, Ehrenamt ist fordernd: hohes zeitliches Engagement, Fachwissen, Kontinuität und es bedarf der Akzeptanz in der Familie. Weitere Einflussfaktoren sind: Leistungsdruck am Arbeitsplatz, Zwangsmobilität durch befristete Arbeitsverträge und geändertes Freizeitverhalten durch Fortbildungsstress und Auszeitphasen. Es fehlt nicht zuletzt an Verständnis, Wertschätzung und Förderung, oftmals auch am Arbeitsplatz. Alles Faktoren, die es dem Ehrenamt schwer machen.

Stefan Dunaiski, Vorstand SV Bohlingen, Ortsvorsteher Bohlingen
Es gibt immer noch viele Leute,welche sich ehrenamtlich in Vereinen engagieren. Leider sind für die Posten Vorstand oder Kassierer immer weniger Leute zu finden. Auf Nachfrage spielt immer wieder die berufliche Belastung eine große Rolle. Zum anderen wird der Zeitfaktor angegeben. Die höchste Hürde bilden die stetig steigenden bürokratischen und gesetzlichen Anforderungen, Verpflichtungen und Vorschriften, welche von Politik und Finanzamt gefordert werden. Um alle Dinge erfüllen zu können, benötigen die ehrenamtlich Tätigen umfassendes Wissen zu Finanzen und Vereinsführung, damit keine Fehler begangen werden.

Hans-Peter Storz, Vorsitzender Stadtturnverein Singen, Gemeinderat
»Ich bin nicht überzeugt, ob es soviele weniger sind: Wenn wir die Vereinslandschaft anschauen, sind eine Vielzahl von Fördervereinen, aber auch neuen Gruppierungen im Sport etc. entstanden, die ja alle Verantwortliche brauchen. Auf der anderen Seite ist es bei großen Sport- oder Musikvereinen sicher so, dass die Vielfalt der Aufgaben, vor allem die rechtlichen Bestimmungen (Datenschutz, Finanzamt), die heute von der Vereinsführung beachtet werden müssen, viel abverlangen und viele abschrecken. Das ist mit Freude an der Sache alleine nicht mehr zu meistern. Da braucht es Fortbildungen und fachliche Unterstützung, denn man will diesen Dienst ja für die Menschen machen und nicht für die Bürokratie.