2. Politischer Aschermittwoch 2012

Politischer Aschermittwoch: Wieviel Kind verträgt die Bildungspolitik

Zum bemerkenswerten und spannenden Bildungsgipfel wurde der zweite Politische Aschermittwoch in Singen, der vom WOCHENBLATT als erfolgreiches Forum für die Region eingeführt wurde. Die Zukunft der regionalen Bildungslandschaften beidseits der Grenze stand unter der Moderation von Chefredakteur i. R., Hans-Paul Lichtwald, dabei in der noch von der Fastnacht dekorierten Scheffelhalle im Mittelpunkt. Auf dem Podium boten sich Helga Wittenmeier (Schulamtsdirektorin i.R.), Lothar Fischer (Schulamtsdirektor i. R.), Christian Amsler (Regierungsrat Kanton Schaffhausen), Siegfried Lehmann (MdL der Grünen), Michael Vollmer (Leiter des Nellenburg Gymnasium Stockach) und Christof Stadler (Radolfzeller Stadtrat und Lehrer in Schaffhausen) eine zweieinhalbstündige spannende Debatte, die von einem sehr interessierten Publikum verfolgt wurde. Mit der Veranstaltung wurde der Reigen zum 45. Geburtstag der leserstärksten Wochenzeitung im Kreis Konstanz eröffnet. Die Schlussfrage machte deutlich, welche Kontroversen die aktuelle Diskussion um die »richtige« Bildungspolitik noch viele weitere Jahren prägen dürfte: Denn wie lange wird es gehen, bis es in Deutschland und auch in der Schweiz jeweils einheitliche Bildungsstandards gibt: Helga Wittenmeier meinte wie Lothar Fischer, dass sie das wohl nicht mehr erleben würden. Christian Amsler gab sich forscher und sieht für 2025 eine zumindest 80-Prozentige Übereinstimmung in der Schweiz. Der Grüne Landtagsabgeordnete Siegfried Lehmann hofft, dass man bis in für bis sechs Jahren wenigstens eine flächendeckende Zweizügigkeit umgesetzt hat, was zumindest ein Schritt wäre. Welch hart umkämpftes Feld die Bildungspolitik mit ihren vielen Experimentierfeldern ist, zeigte die Einschätzung zum Pisa-Schock vor 12 Jahren: »Man hat uns damals gesagt, was wir nicht können«, so Helga Wittenmeier. »Ein heilsamer Schock«, befand Siegfried Lehmann, der allerdings auch eine »Erbsenzählerei« damit verbindet bei der nicht auf die wirklichen Probleme vor allem der Bildungsvermittlung hier im Land eingegangen worden sei. Michael Vollmer verband damit einen »hektischen Aktionismus«, denn so schlecht sei die Schule damals nicht gewesen. Pisa sage nichts darüber, ob Kinder einen Aufsatz schreiben könnten, und das wäre im viel lieber: »Schule besteht aus Menschen«, unterstreicht er. Die Schaffhauser schauen entspannter über die Grenze: denn der Kanton lag im Schweizer Ranking vorn. »Wir sind Pisa-Weltmeister« sagt er stolz. Auf die von der neuen Landesregierung geplante Gemeinschaftsschule, bei der Steißlingen eines der Pilotprojekte ist, kommt die Diskussion immer wieder. Siegfried Lehmann räumt ein, dass dafür mehr Fortbildung bei den Lehrern nötig ist. Insgesamt wird immer wieder ausgesprochen, dass das Land eigentlich noch viel mehr in die Ausstattung mit Lehrern und Lehrerstunden investieren müsse. Auch aus dem Publikum, wie etwa durch den Vorsitzenden des Singener Stadtmarketings, Dr. Gerd Springe, wird die Forderung nach mehr Investitionen in die Bildung ausgesprochen. Lothar Fischer hat die Zahlen parat: 4,8 Prozent hat der Bildungshaushalt in Deutschland, das ist viel weniger als in vielen anderen Europäischen Staaten. Das Thema G8 darf nicht fehlen: Gegner ist Michael Vollmer: »Das ist ein Stück gestohlener Kindheit«, meint er und hat sich mit seinem Gymnasium für die Rückkehr zum G9 beworben. Lehmann dämpft die Hoffnung ob das gut ist, denn das damit wird das einheitliche Bildungssystem wieder noch schwerer. »Eigentlich haben wir ein G7, weil so viel Unterricht ausfällt«, sagt eine Frau aus den Zuhörereihen und damit ist man wieder beim Geld. Denn in Baden-Württemberg gibt es die niedrigsten Lehrerreserven, so dass auch eine Schwangerschaft der Lehrerin für die Schüler Stundenausfall bedeutet, gesteht Lehmann ein. Auch dafür bräuchte man mehr Geld. Der Schweizer Christian Amsler kennt die Diskussion auch aus seinem Land: »Wir sitzen am Tisch und jeder zieht an der Tischdecke« ist sein Bild. Den aktuellen Umbruch sieht er als Chance sich jetzt die Schule neu auszudenken. Und das tut gerade in der Schweiz not: Das Land steht vor einem gravierenden Lehrernotstand und muss auch kräftig für den Arbeitsplatz Schule werben. »Was brauchen Kinder« ist eine andere Frage, die Hans-Paul Lichtwald in die Runde stellt. »Sie brauchen mehr Zeit«, bringt es Christof Stadler auf den Punkt, der das auch zur Bitte für den Aschermittwoch macht: Eine Schulreform brauche gewiss länger als eine Legislaturperiode. Viele weitere Fragen werden aufgeworfen. Welche Zukunft haben die Zwergschulen? Soll es doch eine Grundschule mit sechs Jahren geben, wie sich das Alt-Stadtrat Dietmar Johann in der Publikumsrunde wünscht. Wie meistert die Bildungspolitik den immer höheren Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, wo daheim kein Deutsch gesprochen wird? Wie kann das Schulsystem auf den Elternwunsch nach einem möglichst hohen Bildungsabschluss reagieren, wenn es doch um das Wohl des Kindes gehen soll, dass nach seinen Begabungen gefördert werden sollte? Wie viel Ganztagesschule ist möglich? Eine wirklich spannende Diskussion, die das WOCHENBLATT hier mit seinem politischen Aschermittwoch ermöglicht hat.


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