Invasive Pflanzen im Landkreis Konstanz
Sie sehen harmlos aus, sind aber gefährlich für die Natur und teils sogar Menschen
- Invasive Arten im Zuchtgarten und einmal in der Natur. Links zeigt der Leiter des Botanischen Gartens der Universität Konstanz, Gregor Schmitz, den dort angelegten Lehrpfad zu invasiven Pflanzenarten. Rechts zeigt der Kreisvorsitzende des BUND, Eberhard Koch, die riesige Ausbreitung der invasiven Riesen-Goldrute kurz vor Gottmadingen.
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Landkreis Konstanz. Der Kampf gegen die Riesen-Goldrute ist für den BUND-Kreisvorsitzenden Eberhard Koch teils ein Kampf gegen Windmühlen. Die Pflanze gehört zu den problematischen invasiven Arten im Landkreis Konstanz. Darunter können auch Pflanzen sein, die gefährlich für den Menschen sind. Es lohnt sich also für die Naturschützer wichtige Gebiete vor den Pflanzen zu bewahren. Welche sind das aber und was empfehlen die Experten?
441 gebietsfremde Pflanzen in Deutschland
Für den Laien sieht es von weitem vielleicht wie ein Rapsfeld aus - durchaus schön, wenn sich die Riesen-Goldrute auf einer Wiese ausbreitet. Für die Natur kann das aber fatal sein. Die knapp zwei Meter große Pflanze aus Nordamerika verdrängt nämlich massiv die heimischen Pflanzen- und damit auch Insektenarten, indem sie Sonnenlicht abfängt und selbst nur für rund 40 pflanzenfressenden Insekten Nahrung bietet. Zum Vergleich: In ihrer amerikanischen Heimat bietet sie für 180 Insekten Nahrung. "Auf Flächen, wo es keine zu schützenden Arten gibt, wäre es ein Kampf gegen Windmühlen", sagt Eberhard Koch, denn die Riesen-Goldrute verbreitet sich schnell.
- An der Universität Konstanz wird aktuell untersucht, wie die Riesengoldrute einheimischen Arten Sonnenlicht stiehlt durch verschiedene Feldbestückungen, die teils extra beleuchtet werden.
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Viele invasive Pflanzenarten führen zu ähnlichen Problemen. Sie gefährden die Vielfalt einheimischer Pflanzen und der Tierwelt und damit auch die Stabilität der zum Teil hochkomplexen Ökosysteme. "Wir wissen teils nicht, wie entscheidend eine einzelne Art ist und welche Rolle sie in der Lebensgemeinschaft spielt und was ihr Verlust in der Fläche bedeuten würde", sagt der Leiter des botanischen Gartens an der Universität Konstanz, Gregor Schmitz. Laut dem Bundesamt für Naturschutz gibt es 441 sogenannte eingebürgerte Neophyten, gebietsfremde Pflanzenarten, die nach 1492 nach Deutschland kamen. Laut Schmitz haben Neophyten einen dreimal geringeren Besatz von pflanzenfressenden Insekten als einheimische Pflanzen. Insgesamt gibt es mehrere tausend kultivierte oder eingeschleppte fremdländische Pflanzenarten bei uns. Laut Schmitz gibt es eine sogenannte Zehner-Regel, die besagt, dass sich etwa zehn Prozent von diesen in unserer Flora etablieren und wiederum zehn Prozent davon bekämpfungswürdig seien.
Giftig und aggressiv – diese Arten sorgen für Ärger in der Region
Dort kommen Eberhard Koch und der BUND sowie die Untere Naturschutzbehörde für den Kreis Konstanz und der Landschaftsfterhaltungsverband Konstanz. Die BUND-Ortsvereine sind unter anderem Augen und Ohren für die Behörden. Auf Exkursion schauen sich die Mitglieder der Ortsvereine schützenswerte Biotope an und bekommen auch Hinweise auf invasive Arten. Koch ist vor allem im Hegau und Gottmadingen unterwegs.
- DIe Ambrosie an der Station der krankmachenenden Neophyten im Botanischen Garten der Universität Konstanz.
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Das ist nicht nur für die Naturvielfalt wichtig, denn einzelne Neophyten können auch gefährlich für den Menschen sein. Darunter fallen im Landkreis Konstanz der Riesenbärenklau und die Ambrosia. Die sind hier weniger verbreitet als die Riesen-Goldrute, dafür ist der Riesenbärenklau aber giftig und die Ambrosia setzt am Ende der Pollensaison aggressive Pollen frei. Der Riesenbärenklau enthält Pflanzensaft, der in Verbindung mit Sonnenlicht Verbrennungen bei Menschen verursachen kann. Laut Eberhard Koch ist er bei Gottmadingen weitgehend durch den BUND beseitigt worden, aber beim Schloss Langenstein gebe es noch große Bestände. Auch die Ambrosia hat der BUND in Gottmadingen ausgemerzt. Von ihr gebe es aber auch noch große Bestände bei der Kiesgrube in Überlingen am Ried.
Diese Arten sorgen ebenfalls für Ärger
Eine weitere invasive Art ist der Staudenknöterich. Der Japanische Staudenknöterich taucht laut Koch zwar eher im Schwarzwald auf, doch er sei auch punktuell im Landkreis Konstanz zu finden, wie beispielsweise im Wald beim Katzental in Singen. Das Besondere an diesem Eindringling ist, dass er einen hartnäckigen bis zu zwei Meter langen Wurzelstock ausbilden kann, die sogar Bauwerke durchbrechen können. Zu den bisher zu wenig beachteten Neophyten zählt laut Schmitz die Mohrenhirse, die einmal etabliert dauerhafte Dominanzbestände bilden kann. Hier gilt: „Wehret den Anfängen“, so Schmitz.
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Der botanische Garten der Universität Konstanz hat im „Invasionsbiologischen Lehrpfad“ 13 der problematischen invasiven Pflanzenarten ausgestellt. Laut Schmitz sei ihre Verbreitung und Problematik von Region zu Region anders "getönt". Doch wie er ergänzt, gibt es auch einheimische Arten, die sich quasi invasiv verhalten. So profitieren beispielsweise Brombeeren und Brennnesseln von Stickstoff, der seit der Industrialisierung vermehrt in der Umwelt auftaucht und nährstoffliebende Pflanzen in der Vegetation fördert. Ein weiteres Beispiel für eine bedrohliche einheimische Art ist das Jakobs-Greiskraut, wie Eberhard Koch sagt. Die Pflanze aus Norddeutschland komme laut ihm in den letzten 20 Jahren auch vermehrt im Landkreis Konstanz vor. Das Problem: das Kraut ist giftig für Weidetiere und stellt demnach eine besondere Herausforderung für Landwirte dar, weil Wiesen, auf dem das Kraut wächst, weder als Weide noch als Futterwiese genutzt werden können.
So wird gegen die Eindringlinge vorgegangen
Um Artenvielfalt zu unterstützen, arbeiten Landwirte, Naturschützer und die untere Naturschutzbehörde im Landkreis Konstanz zusammen. Der BUND beobachtet insbesondere schützenswerte Biotope, da eine ganze Überwachung des Landkreises die Ressourcen der Institutionen sprengen würde, wie Koch erklärt. Unter solche Gebiete fallen beispielsweise blütenreiche Kalkmagerrasen, die zum Beispiel am Gailinger Berg oder dem Heilsberg in Gottmadingen vorkommen. Die Koordination übernimmt die Untere Naturschutzbehörde für den Kreis Konstanz und der Landschaftserhaltungsverband, denn für größere Flächen beauftragen die beiden Institutionen Landwirte, die die Verbreitung und das Erstarken der Neophyten durch zeitiges und regelmäßiges Mähen schwächen. Teils müssen laut Koch aber auch Pflanzen mit Spaten oder sogar invasive Baumarten mit Kettensägen entfernt werden - andere können einfach herausgerissen werden. Bürger können invasive Arten dafür auch bei der Unteren Naturschutzbehörde melden. Gregor Schmitz empfiehlt zudem keine Gartenabfälle in Wäldern zu entsorgen, da invasive Arten häufig auch als Zierpflanzen in Gärten auftauchen.
Eberhard hat bereits über 40 Jahre Erfahrung beim BUND. Für den 74-Jährigen ist die Artenvielfalt ein Kapital der Natur, dass es zu schützen gilt, da die verschiedenen Pflanzen und Tiere Erkenntnisse für verschiedene Forschungsbereiche enthalten können. So werden in der Bionik beispielsweise Funktionsweisen aus der Natur auf die Ingenieurskunst übertragen. "Dort können wir uns viel abschauen", so Koch. Für Schmitz steht jedoch neben der Stabilisierung von Ökosystemen auch eine Verantwortung für die Pflanzen und davon abhängigen Tierarten im Vordergrund, da sie auch ein Lebensrecht haben. Nachdem die erste Globalisierung mit der Entdeckung Amerikas im 16. Jahrhundert und die Industrialisierung ab dem 18. Jahrhundert die Pflanzenwelt in größerem Umfang verändert haben, sieht er den Klimawandel als nächsten Auslöser großer Veränderung in unserer Natur.
Autor:Sebastian Ridder aus Konstanz |