Bundesweite Veranstaltungsreihe am Bodensee
Deniz Yücel regt Heimatsuche an ohne Verbote und Angst vor dem Ausgesprochenen
- Neben dem Publikum hatten auch der Moderator und Journalist Jann-Luca Künßberg und Musiker Daniel Grunenberg ihre Heimat zeitweise im Landkreis Konstanz. Von links: Jann-Luca Künßberg, Daniel Gruneberg, Miku Sophie Kühmel und Deniz Yücel.
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Konstanz. Man kann es nicht fassen, es ist schwer zu beschreiben und manchmal nur zu fühlen - Heimat. Doch die Schriftstellervereinigung PEN Berlin und der Journalist und Publizist Deniz Yücel wagen die Suche danach - auch in Konstanz, im K9 Kulturzentrum am 5. Februar. Dort fand ein Teil der Veranstaltungsreihe „Ist das noch / schon mein Land“ mit dem aus Stockach stammenden Musiker Daniel Grunenberg vom Elektropopduo Glasperlenspiel und der deutschen Schriftstellerin Miku Sophie Kühmel im Gespräch mit dem Publikum statt. Ein Gesprächsangebot, wie Yücel es selbst nennt, das neben Gemeinsamkeiten vor allem verschiedene Ängste hervorbrachte.
Privilegien und Sorgen in der Heimat
Eine Definition für alle konnten die Anwesenden nicht finden. Für Daniel Grunenberg sind es soziale Netze und Freunde unter anderem Heimat, für Sophie Kühmel ein Ort, an dem ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind, wie Schlafen, Wohnen oder Essen oder auch das Internet. Grunenberg kommt aus Stockach, Kühmel aus Gotha, Thüringen - beide hat es nach Berlin für die Arbeit gezogen. Dort haben sie eine Heimat gefunden. Die Beziehung zu Deutschland als Heimat scheint jedoch wesentlich komplexer und das nicht nur auf dem Podium. "Ich bin froh hier geboren zu sein, aber stolz bin ich nicht. Ich hatte Glück", sagt Kühmel.
Zwei Gäste wiederum erzählten, wie es für sie ist, die nicht hier geboren sind. Eine Anwesende, die vor 11 Jahren von China nach Deutschland zog, erzählte, dass für sie ihr fehlende Rechte aufgrund der fehlenden Staatsbürgerschaft, wie das deutsche Essen und der Fußball zu ihrer Wahlheimat, Deutschland gehören. Meral Gülsüm aus Dettingen-Wallhausen kam mit ihrer Familie als Gastarbeiter nach Deutschland. Ihre Tochter sei hier geboren und aufgewachsen, wie sie erzählte. Sie mache aber traurig, dass ihre Tochter als "Nicht-Deutsche" bezeichnet würde und sie auch heute noch gefragt würde, wann sie wieder nach Hause (in ihr Heimatland) gehen würde.
Ungerechter Umgang mit der AfD?
Weitere Gäste äußerten Sorgen und Ängste vor Spaltung in sozialen Medien, Deutschlands Rolle im Gazakrieg und einem gestörten Verhältnis zur Vergangenheit Deutschlands. Auch der Umgang von Medienhäusern mit populistischen Aussagen wurde kritisiert: "Ich verstehe die Angst, aber wir bekommen auch 24 Stunden lang nicht anderes kommuniziert", so Grunenberg. Auch den Umgang mit der AfD kritisierten einige Besucher hinsichtlich abgelehnter Dialoge und medialer Berichterstattung über die Partei, denn schließlich sei eine allgemeine Unzufriedenheit im Land spürbar, die sich aber nur die Protestpartei aufschreibe. Konstanz Sozialbürgermeister Andreas Osner, der ebenfalls im Publikum saß, sagte hingegen, dass die AfD seiner Meinung nach noch zu gut behandelt würde.
In dieser Diskussion musste dann auch Deniz Yücel das Wort ergreifen, der eigentlich eher als Veranstalter zurückhaltend vor Ort sein will, wie erklärt. Doch er betonte, dass die Veranstaltung gegen niemanden und für keine Partei oder Szene stattfindet, er den Austausch begrüße und ihn genauso haben wollen würde, wenn AfD-Wähler oder -Politiker anwesend wären. An dem Abend konnten nicht alle Lösungen für die Sorgen gefunden werden - eine europäische Identität wurde zumindest mal vorgeschlagen, aber das Zuhören und generelle Aussprechen der Ängste um das eigene Land, zeigten, Wünsche und einen Grundriss von einer Heimat, der beim gegenseitigen Zuhören einen kann.
"Ich glaube nicht, dass man alles mit reden lösen kann"
Yücel inspirierte der österreichische Schriftsteller, Jean Améry zu der Veranstaltung, der sagte: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ Konstanz war die achte Veranstaltung der Reihe - zu früh für ein Fazit für Yücel, der aber zumindest sagte, dass der Begriff Angst besonders häufig bei den Veranstaltungen auftauche. "Ich glaube nicht, dass man alles mit reden lösen kann", so der Journalist, doch mit der Podiumsöffnung seiner Veranstaltungsreihe möchte er einen Gesprächsraum ohne Verbotsschilder und ohne Angst anbieten.
Zunächst sind 41 Veranstaltungen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz geplant. Im August und September sollen weitere Veranstaltungen der Reihe in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin folgen. In anderen Städten waren der Publizist Michel Friedmann oder die Journalistin Julia Ruhs zu Gast.
Autor:Sebastian Ridder aus Konstanz |