Lucy Kirkwoods "Die Kinder am Theater Konstanz
Wenn banale Physik zu tragischem Ernst wird

Ein Stück, das einer echten Kernspaltung gleicht: Patrick O. Becks Inszenierung von Lucy Kirkwoods "Die Kinder" am Theater Konstanz.  | Foto: Milena Schilling
  • Ein Stück, das einer echten Kernspaltung gleicht: Patrick O. Becks Inszenierung von Lucy Kirkwoods "Die Kinder" am Theater Konstanz.
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Konstanz. Eine Beziehung, wie eine physikalische Reaktion. So ähnlich könnte man Lucy Kirkwoods Stück "Die Kinder" bezeichnen, das seit dem 14. März in der Werkstatt des Theater Konstanz aufgeführt wird.

Endlich können Hazel (Michaela Allendorf) und Robin (Ulrich Hoppe) ihren Lebensabend nach der wohlverdienten Pensionierung genießen. Dafür ist das Ehepaar in ein kleines Häuschen direkt am Meer gezogen. Doch die Idylle trügt, da in ihrem ehemaligen Arbeitsort, einem nahegelegenen Atomkraftwerk, ein Erdbeben samt Flutwelle zum Super-GAU geführt hat. Anstelle eines beschaulichen Ruhestandes ist ihre Perspektive nun ein Leben nahe einer Sperrzone mit Stromrationierung sowie Wasser- und Nahrungsmittelknappheit. Als dann auch noch Rose (Jana Alexia Rödiger), eine Exfreundin von Robin und frühere Arbeitskollegin der beiden, mit einem gewagten Plan vor der Tür steht, droht das Lebenskonzept des Paares komplett aus den Fugen zu geraten.

Wiedersehen als Kernspaltung

Nicht selten ist es der Fall, dass man ein Theaterstück unmittelbar mit der Physik in Verbindung bringen kann. So geschehen bei der Inszenierung von Ensemble-Mitglied Patrick O. Beck, der das Wiedersehen der drei mit einer Kernspaltung beschreibt. So ähnelt Rose einem Neutron, welches mit Robin und Hazel auf einen Atomkern schießt und diesen spaltet. Oder es zumindest versucht. Hierbei gelingt es Beck eindrucksvoll, den anfänglichen Sprung ins Komödiengenre, während dessen ein wahres Pointengewitter aus Boshaftigkeit und Herabsetzungen geliefert wird, bis hin zum tragischen Ernst zu meistern. Die zwischenmenschliche Krise der drei wird dadurch eiskalt offenbart.

Anziehen der emotionalen Schraube

Doch nicht nur dies macht Patrick O. Becks Inszenierung so sehenswert. Es sind vor allem die dem Ausgangstext bewusst zugefügten bruchstückhaften Informationen, denen sich allen voran Hazel und Rose gegenseitig konfrontiert sehen, die der Regisseur meisterhaft ausnutzt, um dadurch die emotionale Schraube mit jeder Minute immer weiter anzuziehen und dadurch, dank Michaela Allendorfs brillanter Leistung, die Nerven von Hazel immer mehr zu strapazieren. Auch durch Geheimnisse, die sowohl Rose als auch Robin lange vor sich herschieben. 

Wie wichtig sind die eigenen Kinder?

Vor allem im pyschologischen Sinne wird die Beziehung der drei zueinander nicht nur durch Roses Vorhaben immer mehr auf den Prüfstand gestellt, sondern auch durch das geschickte Einbringen der eigenen oder nicht vorhandenen Kinder. So versucht vor allem Robin seiner Frau gegenüber klarzumachen, das Nicht-Dasein des eigenen Fleischs und Bluts, allen voran ihre Tochter Lauren, zu akzeptieren, um damit ihre während des letzten Drittels fast zerrüttete Ehe noch zu kitten. Allein seine Aussage, dass er glaube, "man kann Lauren einzig und allein dadurch zwingen, erwachsen zu werden, wenn sie eines Tages aufwacht und feststellt, dass es uns nicht mehr gibt", zeigt, wie wichtig es für ihn ist, gemeinsam mit Hazel weiterhin seinen Lebensabend verbringen zu wollen.

"Die Kinder" ist noch bis zum 12. April in der Spielstätte Werkstatt des Theater Konstanz zu sehen.

Autor:

Philipp Findling aus Singen

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