Spannend inszeniertes Freilichttheater Radolfzell
"Trotz aller Hindernisse hast du alles geschafft"
- Hiermit fing, auch beim Freilichttheater am Marktplatz, alles an für Radolfzell: die Ankunft von Bischof Radolt am Bodenseeufer.
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Radolfzell. Selten wurde die Zeller Stadtgeschichte so unterhaltsam auf die Bühne gebracht wie hier: Mit dem Freilichttheater folgte rund eine Woche nach dem erfolgreichen Auftakt nun das nächste große Highlight des Marktplatzsommers zum Stadtjubiläum.
Dabei konnten die Veranstalter an allen drei Vorstellungsterminen am 3. und 4. Juni mit je 266 Besucherinnen und Besuchern stets einen ausverkauften Marktplatz verzeichnen. Und das auch zurecht, handelte es sich hierbei um insgesamt sehr gelungenes wie stark inszeniertes Theaterstück unter der Federführung der beiden Autoren Romy Bromma und Berthold Gruzel sowie Regisseurin Monique Moelter. Unterstützt wurden die 30 größtenteils Laiendarsteller mit fast schon anmutig wirkenden Übergängen dreier Schülerinnen der Theater AG der Gerhard Thielcke Realschule.
Atmosphärische Inszenierung
Ihr gelang es hierbei, die Stadthistorie Radolfzells in etwa 80 Minuten mehr als anschaulich dem Publikum nahe zu bringen. Mit ihrem kreativen Inszenierungskonzept sorgte Moelter für eine dynamische und atmosphärische Umsetzung. So erwachte der Zeller Marktplatz als Zentrum der Stadt in insgesamt sechs Szenen jedes Mal aufs Neue sowie in einem neuen Jahrhundert zum Leben. Eingeführt wurde das Publikum in der ersten Sequenz mit, wie sollte es hierbei auch anders sein, der Ankunft von Bischof Radolt am Bodenseeufer. Hatten die dort lebenden Menschen doch Zweifel, dass man sie vertreiben und ihnen glatt einen "Servitium regis" (Königsdienst) aufbürden würde, stimmte sie der Neuankömmling mit der Zeit zuversichtlich, dass hier alle in Frieden leben können und dadurch an diesem Ort etwas Großes entstehen kann.
Spontan-Auftritt des Oberbürgermeisters
Es folgte ein Zeitsprung von 274 Jahren ins Jahr 1100. Dort versuchte jeder Gemüse-, Fleisch-, Obst- und Fischhändler vehement, seine Ware unters Volk zu bringen. Abbitte und Entlastung schaffte hierbei schließlich die Übertragung des Marktrechts an Radolfzell, wodurch ab sofort jeder Verkäufer, auch von der Höri, sehr zur Erleichterung derer ohne Bedenken sein Gut veräußern konnte. In der dritten Szene stand schließlich das Mooser Gelübde, woraus die Mooser Wasserprozession des traditionellen Hausherrenfests entstand und das im Jahr 1796 stattfand, im Fokus. Hier wurde seitens des Theater-Teams auch etwas improvisiert, so dass neben der eingeplanten Stadtkapelle Radolfzell auch Oberbürgermeister Simon Gröger bei der Premiere Teil der kleinen Prozession war.
Stilechter Ausflug zur Industrialisierung
Für die vierte Szene sprangen vier kleine und große Darsteller ins "Heute", um darin während des eigenen Alltags einen spannenden Blick auf die Industrialisierung Radolfzells, dem Bahnhofsbau sowie der Ansiedlung von Schiesser und Allweiler warfen. Vier für die Stadt zweifellos sehr bedeutende Ereignisse, die den Zuschauern dahingehend nähergebracht wurde, indem das Ehepaar Schiesser sowie Gotthard Allweiler dabei, während die beiden Kinder noch an der Platzierung ihres Spielbahnhofs feilten, stil- und epochenecht aus einem übergroßen Bilderrahmen grüßten. Im fünften Abschnitt wurde mit der Darstellung der Eingemeindung der sechs Ortsteile deutlich, dass in Radolfzell auch früher nicht alles reibungslos über die Bühne ging. So erwies sich wie hier hoch unterhaltsam sowie überwiegend im Dialekt dargestellt, dass gerade Böhringen sich als sehr hartnäckiger "Verhandlungspartner" erwies, obwohl für sie, wie für die anderen fünf auch, "kein Weg an der Eingemeindung vorbei führte".
Wundervoller Blick in die Zukunft
Zum Abschluss warf die "Cella", die zuvor noch um ihre Stadtteile kämpfte, einen Blick in die Zukunft, in der sich die Vorbereitungen zur 1.200 Jahr-Feier hartnäckiger erwiesen als zunächst gedacht. "Trotz aller Hindernisse hast du alles geschafft", wurde sie dabei vom ihr im Traum erschienenen Radolt ermutigt. Mit einem zumindest bei der Premiere zufällig erklingenden Glockenschlag vom Münster ermunterte er "Cella" dazu, somit auch die nächsten 1.200 Jahre meistern zu können. Zu guter Letzt wurden, in Anlehnung an die am 31. Juli eröffnende Sonderausstellung in der Villa Bosch, die Kinderdarsteller gefragt, was sie denn für die kommenden 1.200 Jahren in die Zeitkapsel stecken würden und was ihnen so wichtig sei. Neben für Radolfzell offensichtlichen Antworten wie dem Klepperle oder der Zeller Tracht mit Haube war hierbei vor allem eins der Tenor und Schlussakkord dieser wundervollen Aufführung: "Bleib schön, lebendig und bewahre alles, um weiterhin Heimat für die zu sein, die hier wohnen."
Autor:Philipp Findling aus Singen |