Gibt es sie - die Winterdepression?
Ärzte und Krankenkassen geben Einblick in Ausfalltage und saisonale psychische Erkrankungen

Das Wetter im Herbst und Winter hat einen Einfluss auf unseren Körper bei kurzweilen Symptomen ist häufig von einem Herbstblues die Rede. Bei langfristigen Erschöpfungssymptomen kann es sich um eine saisonale Depression, oder auch Winterdepression, handeln.  | Foto: swb-Bild: stock.adobe.com - Maryana
  • Das Wetter im Herbst und Winter hat einen Einfluss auf unseren Körper bei kurzweilen Symptomen ist häufig von einem Herbstblues die Rede. Bei langfristigen Erschöpfungssymptomen kann es sich um eine saisonale Depression, oder auch Winterdepression, handeln.
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Landkreis Konstanz. Die Tage werden dunkler, es wird kälter draußen - mit dem Beginn des Oktobers hat auch die Grippesaison laut dem Robert Koch Institut wieder angefangen, doch auch die psychische Gesundheit kann unter dieser Jahreszeit leiden. Aber wie macht sich das bemerkbar in unserem Landkreis? Melden sich mehr Menschen krank und ist eine Niedergeschlagenheit vom Wetter eine richtige Depression? Krankenkassen und Ärzte geben einen Einblick.

Psyche drittgrößter Anteil an Ausfalltagen

Die meisten Ausfalltage auf der Arbeit sind im Landkreis Konstanz im Jahr 2024 bedingt durch Erkrankungen der Muskeln und des Skeletts, berichtet die Pressesprecherin der AOK Hochrhein-Bodensee, Cordelia Steffek. Sie machen 20,1 Prozent des Anteils der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) aus - dicht gefolgt von Atemwegserkrankungen mit 15,6 Prozent und psychischen Erkrankungen mit 13,1 Prozent. 

Insgesamt, so berichtete der Geschäftsführer der AOK-Bezirksdirektion Hochrhein-Bodensee, Martin Hummel, im April halten sich die Krankenstände im Landkreis Konstanz aber seit der Pandemie bei rund 5,5 Prozent pro Arbeitnehmer. Allerdings nehmen laut ihm Krankschreibungen im Sommer zu, wo zuvor deutlich weniger Menschen krank waren, als im Herbst und Winter. Hummel schätzte, dass das Corona-Virus und länger werdende Ausfallzeiten wegen psychischer Erkrankungen Gründe dafür sind.

Gibt es mehr Ausfälle aufgrund der Psyche im Herbst?

"Man kann sagen, dass die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen in den letzten zehn Jahren fast kontinuierlich angestiegen sind" berichtet der Pressesprecher der Techniker Krankenkasse, Hubert Forster zu den Zahlen in Baden-Württemberg. Das beobachtet auch Cordelia Steffek im Landkreis Konstanz. Dort hat der Anteil an Ausfalltagen wegen psychischer Beschwerden in den letzten zehn Jahren von rund 11,3 zu 13,6 Prozent zugenommen. Der Sprecher der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Kai Sonntag, sieht damit einhergehend, aber nicht zwingend auch eine mehr erkrankte Bevölkerung: "Insgesamt nehmen wir einen größeren Bedarf wahr. Das hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass die Bevölkerung „kranker“ geworden ist. Die Medizin hat sich weiterentwickelt, der Zusammenhang zwischen somatischen (körperlichen) und psychischen Erkrankungen wird dabei stärker gesehen." Ein Anstieg der Ausfalltage zur Herbst- und Winterzeit sei bei den Krankenkassen laut den Pressesprechern aber nicht erkennbar.

Einen langfristigen Anstieg psychischer Erkrankungen beobachtet auch der ärztliche Direktor der Luisenklinik mit Standorten in unter anderem Bad Dürrheim und Radolfzell, Norbert Grulke und die Kinder- und Jugendtherapeutin Anja Dietrich mit Sitz in Stockach. Zu Häufungen psychischer Erkrankungen im Herbst und Winter zeichnet Grulke ein differenzierteres Bild: Laut ihm gibt es eine höhere Nachfrage in dieser Zeit, aber behandlungsbedürftige Winterdepressionen seien eher selten vorhanden. "(...)Jedoch können Extremwetter oder Lichtveränderungen, eventuell auch Luftdruckschwankungen bestehende Symptome verstärken bzw. eine Episode auslösen", so Grulke. Im Kinder- und Jugendbereich seien diese Auswirkungen hingegen nicht so auffällig, wie bei Erwachsenen, erklärt Dietrich. Aber wie unterscheiden sich Herbst-/Winterblues und Herbst-/Winterdepression?

Unterschied vom Winterblues und Winterdepressionen

Cordelia Steffek von der AOK erklärt den Unterschied so: "Beim Winterblues treten depressive Symptome nur gelegentlich und in milder Form auf. Hält die Symptomatik jedoch länger als zwei Wochen an oder kommen weitere Symptome wie Hoffnungslosigkeit, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Schuldgefühle oder Suizidgedanken hinzu, kann eine saisonal abhängige Depression vorliegen."

Solche saisonal abhängigen Depressionen werden auch Winterdepressionen genannt. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention können bei ihr neben klassischen Symptomen einer Depression auch atypische Symptome wie Heißhunger statt Appetitverlust und vermehrter Schlaf statt Ein- und Durchschlafstörungen auf. Ein wichtiger Punkt ist zudem, dass eine klinische Winterdepression eine Erkrankung darstellt und professionelle Hilfe erfordert, so Cordelia Steffek. Welche Angebote gibt es aber? 

Angebote und Therapien

Wie der Gesundheitsbericht der AOK zeigte, zählt der Landkreis Konstanz zu einem der gesündesten in Baden-Württemberg. Norbert Grulke hält die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland vergleichsweise gut aufgestellt. Aber er sagt auch, dass die Angebote nicht ausreichend sind, um eine zeitnahe Versorgung aller psychisch Erkrankter zu gewährleisten. Er wünscht sich mehr Präventionsangebote und mehr Kassensitze für Psychotherapeuten.

Wie Cordelia Steffek berichtet, vermitteln die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung seit April 2017 freie Termine für psychotherapeutische Sprechstunden. Außerdem bieten einige Beratungsstellen und Ärzte auch Überbrückungsmöglichkeiten, schnellere Verfahren an, so Steffek, "Im Rahmen des Moduls Psychotherapie des Facharztvertrags PNP wird eine zeitnahe, bedarfsgerechte psychotherapeutische Versorgung gefördert und dabei auf ein Antrags-/Gutachterverfahren verzichtet." 

Bei einem Winterblues kann laut ihr auch das kostenlose Online-Programm „moodgym“ helfen, Symptome abzumildern: "Wissenschaftliche Untersuchungen (...) zeigen, dass das Programm (...) mit einer Verringerung von Depressions- und Angst-Symptomen verbunden sein kann." Darüber hinaus empfiehlt sie unter anderem viel Tageslicht, Bewegung im Freien und das regelmäßige Treffen mit anderen Menschen. Doch sie betont auch, dass bei Symptomen, die über einen Winterblues hinaus gehen, in jedem Fall medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden sollte.

Autor:

Sebastian Ridder aus Konstanz

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