Demenz, Depressionen und Suizide im Alter
Alexandra Wuttke will mit neuer Ambulanz der erschreckenden Versorgungslage entgegenwirken
- Alexandra Wuttke leitet seit März eine Ambulanz für Psychotherapie ab 65 Jahren. Ihr Fazit aus jahrelanger Forschung zu psychischen Störungen im Alter ist, dass die Versorgungslage alterdiskriminierend ist.
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Konstanz. Es ist altersdiskriminierend und ein krasser Widerspruch, mit dem die Psychologin Alexandra Wuttke den Kreisseniorenrat konfrontiert. Die Professorin der Universität Konstanz hat am Mittwoch, 8. Oktober in der Sitzung des Kreisseniorenrats Forschungsergebnisse zu Depressionen und psychischen Störungen im Alter vorgestellt. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass obwohl psychische Störungen im Alter zunehmen, die Suizidrate im Alter steigt und Angehörige auch darunter leiden, es keine adäquate Versorgung älterer Menschen mit Psychotherapie gibt. Seit diesem Jahr leitet Wuttke mit Michael Odenwald eine Psychotherapie-Ambulanz für Menschen im höheren Lebensalter in Konstanz, um dieser Diskrepanz entgegenzuwirken und erklärt, warum sich Psychotherapie auch im Alter lohnt.
Fast jeder zweite Suizid in Deutschland von Menschen ab 65 Jahren
Die Daten in der Präsentation von Alexandra Wuttke sprechen Bände: laut dem RKI hat jeder zweite Mensch über 80 Jahren eine psychische Störung - so viele wie bei keiner anderen Altersgruppe. Einen großen Teil davon machen Depressionen und Demenz aus, erklärt Wuttke. Außerdem steigen die Suizidraten mit dem Alter, aber auch in den Altersgruppen ab 80 Jahren seit 2017. "Fast jeder zweite Suizid in Deutschland wird von Menschen über 65 Jahren begangen. Diagnosen und Therapien bleiben dagegen aus, wie Wuttke zeigt, "Die Versorgungssituation ist erschreckend!"
Wie die Professorin zeigt, schätzt die Vereinigung Alzheimer's Disease International (ADI), dass 75 Prozent der weltweit an Demenz erkrankten Menschen nicht diagnostiziert werden - das entspricht etwa 41 Millionen Menschen. Und auch Depressionen bleiben laut der Professorin häufig ohne Diagnose im Alter, weil sich Symptome der Erkrankung im Alter häufig anders zeigen. Laut Wuttke würde sich die Erkrankungen dann nämlich oft nur durch Schmerzen, Schlafstörungen, kognitive Störungen und Gewichtsverlust zeigen. "Die Diagnostik ist häufig nicht für Menschen ab 65 Jahren eingestellt", so Wuttke, "Das ist Altersdiskriminierung."
Das Problem bei Behandelnden, dem Umfeld und der Scham
Die Antwort behandelnder Behandelnden ist laut den Statistiken in Wuttkes Vortrag ebenfalls ernüchternd: "Im Alter gibt es immer weniger Psychotherapie, aber die Verordnung von Antidepressiva nehmen zu." Laut der Professorin nehmen nur 2,7 Prozent der 60-Jährigen psychotherapeutische Leistungen in Anspruch. Im weiteren Alter sinkt die Quote sogar auf null. Im Kontrast dazu bekommen aber rund 45 Prozent der Menschen ab 80 Jahren ein Antidepressivum vom Arzt verordnet.
Die Professorin sieht das Problem dafür bei der fehlenden Sensibilisierung der Gesellschaft - um genau zu sein bei Behandelnden, Angehörigen, aber auch den älteren Menschen selbst. Bei Erkrankten sei gerade mit der Diagnose Demenz sehr viel Scham verbunden, so Wuttke. Weiter, halte sich hartnäckig das Vorurteil, dass eine Therapie im Alter sich nicht mehr lohne. Dabei gebe es keine Studie, die das Vorurteil belegt - im Gegenteil: Laut der Professorin gibt es sogar eine Studie aus England, die sogar bessere Therapiefortschritte im Alter aufzeigt. Außerdem zeigen Studien, dass Begleitung der pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz eine Pflegeheimeinweisung bedeutsam verzögern, berichtet Wuttke.
Wuttke sieht in mehr Therapie Entlastung fürs Gesundheitssystem
Angesichts langer Wartezeiten bei Psychotherapeuten und Fachärzten, unabhängig vom Alter, sieht Wuttke trotzdem eine Chance, das Gesundheitssystem mit einer besseren Versorgung älterer Menschen zu entlasten. Abseits der moralisch fragwürdigen Unterversorgung, würden so nämlich auch Langzeitproblemen und Klinikaufenthalten vorgebeugt, so Wuttke, "Solche Krankenhauseinweisungen sind immer teurer als die Ambulanz." Zudem würden durch die Angebote auch pflegende Angehörige entlastet, die Wuttke als unsichtbare zweite Patienten beschreibt. Laut der Statistiken im Vortrag der Professorin entwickeln auch ein Viertel der pflegenden Angehörigen eine Depression aufgrund der hohen Belastung.
Die Psychotherapie-Ambulanz für Menschen ab 65 Jahren und pflegenden Angehörigen gibt es seit März dieses Jahres. Die Professorin möchte dort älteren Menschen ein niedrigschwelliges Therapieangebot bieten und mit ihren Erkenntnissen die Studienlage erweitern. "Die Therapiekosten übernehmen gesetzliche Krankenkassen." so Wuttke. Zudem sollen aber auch Hausärzte und medizinische Fachangestellte durch Schulungen sensibilisiert werden. "Ich bin erstaunt, dass es immer wieder so ein schlechtes Altersbild gibt", sagt der Vorsitzende des Kreisseniorenrates Reinhard Zedler, "schön, dass sie in Konstanz gelandet sind."
Autor:Sebastian Ridder aus Konstanz |