"Schiff der Träume" am Theater Konstanz
Ein neo-realistischer Blick auf Kunst und die Existenz des Menschen

Nicht nur das Trauern um einen Menschen, sondern auch die Bedeutung von Kunst wird in Annika Schäfers Inszenierung von Federico Fellinis "Schiff der Träume" wundervoll auf die Bühne gebracht. | Foto: Ilja Mess/Theater Konstanz
  • Nicht nur das Trauern um einen Menschen, sondern auch die Bedeutung von Kunst wird in Annika Schäfers Inszenierung von Federico Fellinis "Schiff der Träume" wundervoll auf die Bühne gebracht.
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Konstanz. Was, wenn eigene Träume tragische Geschehnisse übermannen? Und wie gehen die Protagonisten eigentlich damit um? Unter anderem diese Fragen stellt sich das Stück "Schiff der Träume", das am 30. Mai in der Spiegelhalle des Theater Konstanz Premiere feierte.

Wie bricht man die traditionell hierarchisch geprägten Strukturen eines Theaterbetriebs auf und öffnet sie hin zu einer inklusivieren Theaterarbeit, vielstimmigeren wie vielfältigeren Perspektiven und nachhaltigen Veränderungsprozessen? Unter dem Format "Rollenwandel" bestimmen und gestalten interessierte Theatermitarbeitende als Kollektiv in abteilungsübergreifender Zusammenarbeit eigenverantwortlich eine Produktion im Spielplan.

Unter der Regie von Annika Schäfer entschied sich das Team hierbei mit "Schiff der Träume" für einen Klassiker von Meisterregisseur Federico Fellini. Hierin kommt die Elite internationaler Musikkünstler zusammen, um das Ableben der unsterblichen Operndiva Edmea Tetua zu betrauern. Der Chronist und Journalist Orlando (Ulrich Hoppe) nimmt das Publikum dabei mit auf den Ozeandampfer Gloria N und stellt den Zuschauer vor die Frage, welch große Lücke hinterlässt die größte Diva aller Zeiten bei diesen Menschen, die immerzu auf die performative Vermarktung einer echten oder rentablen Gefühlsregung bedacht sind? Und als wäre die Unterscheidung von Sein und Schein nicht schon schwer genug, drängen sich im Verlauf der grotesken Trauerfahrt immer mehr Träume in den Vordergrund.

Hierbei wird relativ schnell deutlich, dass diese Elite der Reichen und Schönen sich für nichts zu schade ist, sich als Wichtigtuer nach außen präsentiert, nur um die Wahrheit dessen, was soeben vor sich geht oder auch nicht, zu verbergen. Gerade das Träumerische wird in dieser Inszenierung durch Orlando wundervoll dem Publikum vor Augen geführt, wird diese immer wieder in die träumerischen Taten der Protagonisten mit reingezogen. Dabei könnte der Neo-Realismus wie auch der magische Realismus, zwei Filmgenres, die Fellini wie kein Zweiter prägte, nicht besser zum aktuellen Spielzeitmotto des Theater Konstanz passen und man kann sich zurecht die Frage stellen, ob es sich bei diesem (Traum-)Szenario wirklich um einen wie von Orlando beschriebenen "perfect day" handelt. 

Was jedoch ebenfalls durch Annika Schäfer in diesem Stück wundervoll herausgearbeitet wird, ist Fellinis klare Ansicht auf die Sicht der Dinge, wenn es um die Kunst und deren Status Quo geht. Denn auch wenn an Bord alles so träumerisch erscheint, so war die Kunst für Fellini in seinen Filmen schon immer etwas Erhaltenswertes, was sich auch das "normalsterbliche" Volk leisten können sollte. Die Aussagen, „wer die Kunst nicht versteht, kann es sich nicht leisten, sie abzulehnen“ und dass diese ohne Publikum ein leerer Raum sei, könnte dabei nicht treffender auf die heutige Gesellschaft und deren Blick auf Kunst und Kultur sein. Nicht nur hierdurch, sondern auch durch die herausragende Ensemble-Leistung wird Schäfers Inszenierung zu einem wahren Realitätsbekenntnis des "Gesundheitszustands" eines bedeutenden Zweigs. 

Doch auch die Fragen nach dem eigenen Leben werden in diesem Stück auf feinfühlige Art und Weise dem Publikum näher gebracht. So wird diesem durch die von Michaela Allendorf wundervoll verkörperte Ildebranda Cuffari und deren Äußerung, dass Angst "ein Motor ist, der uns Menschen stets umgibt" und der "Körper hierbei schon immer ein Gefangener des Todes" sei, die Gewissheit vermittelt, dass das Ableben des Menschen nunmal zu dessen Existenz gehört. Weiter wird jedoch auch durch die Aussage, dass "die Mehrheit der Menschen unglücklich ist und daher Trost braucht" deutlich, dass es gerade deswegen Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft braucht, um über die Lage in der Welt hinwegsehen zu können und diese über den Tod hinaus erhalten bleiben. 

Was bleibt ist eine Inszenierung, die Fellinis neo-realistischen wie sarkastischen Weltblick eindrucksvoll auf die Bühne bringt und den Zuschauern auf humorvolle wie auch realitätsnahe Art und Weise den Beweis erbringt, dass Kunst qualitativ keine Grenzen gesetzt  und es hierbei oftmals auch die kleinen Dinge sind, welche diese so bedeutende Sparte bis heute noch auszeichnen. Das Stück "Schiff der Träume" ist noch bis zum 24. Juni in der Spiegelhalle des Theater Konstanz zu sehen.

Autor:

Philipp Findling aus Singen

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