Bene Müller warnt vor Weg in die Klimakatastrophe
Förster Theo Straub sterben die Wälder in der Region weg
- Links: Die Buchen in Theo Straubs Forstrevier kämpfen ums Überleben in diesem Sommer. Rechts: Rund dreißig Jahre sind Sie Teil der Konstanzer Wirtschaft in unterschiedlichen Branchen. Von Links: Geschäftsführer der solarcomplex ag in Singen, Bene Müller und der Förster der Mainau und des Reviers Reichenau/Allensbach, Theo Straub.
- Foto: Collage: Aune Wohlfahrt Bilder: Theo Straub/Sebastian Ridder
- hochgeladen von Sebastian Ridder
Landkreis Konstanz. Es scheint, die ersten Kipppunkte des Klimawandels treffen die Region, denn die heimische Buche stirbt in der Region weg. Einen adäquaten Ersatz in Sachen Rohstofflieferanten und Kohlendioxid(CO₂)-Speicher gibt es derzeit nicht. Der Förster der Mainau sowie des Reviers Reichenau/Allensbach, Theo Straub, und der Geschäftsführer solarcomplex AG, Bene Müller, zeigen auf, dass die Umweltfolgen mindestens genauso verheerend für die Wirtschaft sind und appellieren endlich ernsthafte Investitionen zu tätigen.
Waldsterben sorgt für 50 Prozent Einbußen
Theo Straub ist ratlos, wenn er dieser Tage durch seine Wälder geht. Derzeit sterben dort die Fichten, weil sie vom Borkenkäfer befallen werden. Der Schädlingsbefall durch den einheimischen Käfer ist so weit erstmal nicht außergewöhnlich, sorgt aber trotzdem für Preisabschläge von 50 Prozent. Die Entwicklung des Klimas ist hingegen außergewöhnlich, wie Straub erklärt: "Für uns war es dieses Jahr tatsächlich eine Katastrophe. Wir haben voll auf die Zwölf gekriegt."
- hochgeladen von Sebastian Ridder
Laut dem Förster stirbt nämlich die heimische Buche in seinen Wäldern weg, aufgrund der höheren Temperaturen in den letzten Jahren. Wie er erklärt, könne das Blattwerk die Bäume vor der Sonne und Hitze nicht mehr schützen. So komme es zu Dürrästen, die herunterfallen und gezwungenermaßen vorzeitigen Ernten. Die Buche sterbe derzeit bereits im jungen Alter von teils zehn Jahren ab. "Wir sind vor fünf Jahren noch davon ausgegangen, dass die Buche es schaffen wird", so Straub, "die letzten zwei Jahre haben uns übel abgeholt."
Keine Lösung in Sicht - nur eines bleibt übrig
Straub rennt zwei Wettrennen gegen die Zeit auf einmal, denn zum einen muss er sich an die derzeitigen Klimaveränderungen anpassen, was kaum möglich ist, da neue Baumarten eigentlich eine Testphase von zehn bis 100 Jahren brauchen. Dazu kommt, dass die Klimaerwärmung weiter anhält. Deutschland will erst ab 2045 und ein weitaus größerer CO₂-Verursacher, China, erst ab 2060 klimaneutral werden. Einen Markt für Alternativen zur Buche und Fichte sei derzeit laut Straub nicht vorhanden und der Förster kann nicht blindlings resistentere Bäume anpflanzen, da die Speicherung von CO₂, die Holzart als Rohstoff und die Verdrängung einheimischer Arten entscheidend sind. "Es geht gerade zu schnell", so Straub.
- Foto: Sebastian Ridder
- hochgeladen von Sebastian Ridder
Die Douglasie sei beispielsweise ein guter Baum, aber wegen Schädlingsanfälligkeit und der mageren Nahrungsausbeute für einheimische Tiere fatal. Auch ein Blick in wärmere Gebiete, wie die Provence oder Norditalien bietet keine klaren Antworten, da dortige Bäume vermutlich die kalten Winter in Deutschland nicht überstehen würden. Straub rennt die Zeit weg, doch ihm bleibe nichts anderes übrig, als viel auszuprobieren. Es drohen Kahlflächen, Verjüngung der Wälder sowie weniger Grundwasser- und CO₂-Speicher. "Prägen Sie sich den Wald gut ein - so werden wir es nicht weiterhin haben", so Straub.
Schaden von rund 131 Milliarden US-Dollar für deutsche Wirtschaft
Das Waldsterben und Maßnahmen dagegen gehen mit hohen Kosten einher. Doch dabei bleibt es nicht, wie Bene Müller weiß. Der Geschäftsführer der solarcomplex ag betont, dass ähnliche Kosten auf die Landwirtschaft, Obstbau, den Tourismus, den Schiffstransport und viele weiteren Branchen zukommen werden. Laut der Kreditversicherungsgruppe, Allianz Trade, kommen allein auf Deutschland bis 2030 hitzebedingte Wirtschaftsschäden von rund 131 Milliarden US-Dollar zu. Ähnliche Berichte gab es bereits 2006 vom damaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern.
- Foto: Sebastian Ridder
- hochgeladen von Sebastian Ridder
Der dazugeschaltete internationale Klimaforscher und ehemalige Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hartmut Graßl, warnt bereits seit den 1980er Jahren vor den Schäden für Mensch, Wirtschaft und Umwelt der Klimakrise. Folgenschwer sei laut ihm, dass CO₂ in der Atmosphäre ein elementarer Regulator für das Klima ist. Das wisse man heute laut ihm noch viel deutlicher als vor 40 Jahren. Ein entscheidendes Problem sei aber, dass ausgestoßenes CO₂ über Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibe. Das heißt: Allein die Folgen, die nicht irreversibel sind, werden über Jahrhunderte bestehen bleiben.
Appell an die Bürger
- hochgeladen von Sebastian Ridder
Laut Graßl mache jede Verzögerung der Verringerung von CO₂-Emissionen das Überschreiten von Kipppunkten wahrscheinlicher. Deswegen sollten mindestens die erwartbaren Schadensbeträge in die Klimawende investiert werden - rein wirtschaftlich gedacht.
Um auf die untrennbaren Folgen aufmerksam zu machen, hat Müller am Samstag, 29. August, im Singener Wochenblatt und dem Südkurier eine Anzeige geschaltet, die inhaltlich vergleichbar ist mit einer Anzeige der solar complex aus dem Jahr 2002. Wie Müller erklärt, stehen Wirtschaftsfvertreter dem nicht entgegen. In Diskussionen befürworten Teile der Wirtschaft sie sogar, was für lebhafte Diskussionen laut Müller sorge. "Es gibt nicht DIE Wirtschaft!", so Müller. Doch auch die Zivilbevölkerung habe einen Anteil daran, entweder endlich Klimaschutz zu betreiben oder Problemen hinterherzulaufen. Denn wie Hartmut Graßl den Redakteur der Zeit, Peter Dausend zitiert: "Sonne und Wind können nicht in der Straße von Hormus blockiert werden."
Autor:Sebastian Ridder aus Konstanz |