Im Rahmen des Kunstprojekts „Wo Stadt beginnt“
Ein Stammtisch als Experiment für mehr Miteinander

Shooresh Fezoni und Ralf Wendt unterhalten sich am "parasitären Stammtisch" mit Passantinnen und Passanten in der Radolfzeller Fußgängerzone über Heimat, Leerstand und Gestaltungsräume. | Foto: Eron Metolli
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  • Shooresh Fezoni und Ralf Wendt unterhalten sich am "parasitären Stammtisch" mit Passantinnen und Passanten in der Radolfzeller Fußgängerzone über Heimat, Leerstand und Gestaltungsräume.
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Radolfzell. Ein einfacher Holztisch mit sechs Stühlen mitten in der Fußgängerzone – mehr brauchte es nicht, um in Radolfzell Gespräche auszulösen, die sonst selten geführt werden. Im Rahmen des Kunstprojekts „Wo Stadt beginnt“ luden die Künstler Shooresh Fezoni und Ralf Wendt mit ihrem „parasitären Stammtisch“ Passantinnen und Passanten dazu ein, Platz zu nehmen und über ihre Stadt nachzudenken.

Dabei entstanden Themen, die weit über Radolfzell hinausreichen. Im Kern ging es um die Frage, wie die Zukunft einer Innenstadt aussehen kann, wenn die Menschen diese nicht als Ort des Transits, sondern als Begegnungsstätte und als Gestaltungsmöglichkeit verstehen – und was hierfür nötig wäre. Neben Orten, wie der parasitäre Stammtisch es ist, wäre hierfür vielleicht auch ein Umdenken im lokalen Zeitgeist einer Gemeinde nötig.

Der Stammtisch war an verschiedenen zentralen Orten aufgebaut: in der Seetorstraße, auf dem Marktplatz und an der Markthallenstraße, daher die Bezeichnung „parasitär“. Anders als der traditionelle Stammtisch, der häufig einer festen Gruppe im privaten vorbehalten ist, sollte dieser für alle offen sein. Das Ziel war keine Umfrage und auch keine politische Diskussion im klassischen Sinn, sondern eine künstlerische Intervention im öffentlichen Raum. Wer sich setzte, sprach über Heimat, Zugehörigkeit, Konsum, Begegnung und darüber, wie Leerstand im Sinne der Öffentlichkeit umgenutzt werden könnte.

Wie aktuell diese Themen sind zeigte sich in den Gesprächen. Fezoni und Wendt berichten, dass zwar viele Menschen Platz nahmen und bereit gewesen seien, ihre Sicht auf die Stadt zu schildern. Gleichzeitig hätten sie jedoch eine spürbare Zurückhaltung erlebt - nicht nur gegenüber dem ungewöhnlichen Kunstprojekt, sondern auch gegenüber der eigenen Stadt. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Stadtverwaltung habe beispielsweise über den Radolfzeller Stadtapparat berichtet. Dieser sei nicht zu Veränderungen bereit, was seine einstige Motivation in Resignation und Zynismus wandelte. Dies sei zu bedauern, so Fezoni, da es menschliches Engagement brauche, um Dinge zu bewegen.

Parallel zum Stammtisch konnten Interessierte auch die Installation „Die Zelle“ besuchen. In dem Raum in Form einer Telefonzelle in der Altstadt wurden Besucherinnen und Besucher eingeladen, Fragen zur Stadt, zu Heimat und zum Zusammenleben in ein Aufnahmegerät zu beantworten. So entstand eine zweite Sammlung persönlicher Stimmen.

Sowohl die Gespräche am Stammtisch als auch die Aufnahmen aus der Zelle wurden mit Einverständnis der Beteiligten aufgezeichnet. Ausschnitte daraus bilden die Grundlage eines Barabends „Wo Stadt beginnt“ am Freitag, 11. Juli, von 19 bis 22 Uhr im Zunfthaus Radolfzell. Der Eintritt ist kostenlos und die Besucherinnen und Besuchern werden dazu motiviert, gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Der parasitäre Stammtisch zeigt, dass bereits ein Tisch mit sechs Stühlen genügt, um unterschiedlichste Menschen für einen Moment miteinander zu verbinden. Vielleicht haben unsere Gemeinden und wir alle mehr solcher Orte verdient.

von Eron Metolli

Shooresh Fezoni und Ralf Wendt unterhalten sich am "parasitären Stammtisch" mit Passantinnen und Passanten in der Radolfzeller Fußgängerzone über Heimat, Leerstand und Gestaltungsräume. | Foto: Eron Metolli
"Die Zelle" in der Radolfzeller Fußgängerzone weckt auch das Interesse der jüngsten Bürgerinnen und Bürger der Stadt. | Foto: Eron Metolli
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Redaktion aus Singen

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