Sommerserie im WOCHENBLATT
Was macht eigentlich... ein Baumgutachter?

Bevor Maximilian Kasper eine Höhlung mit einem Sondierstab untersucht, sieht er nach, ob im Stamm selbst noch Tiere hausen. | Foto: Philipp Findling
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  • Bevor Maximilian Kasper eine Höhlung mit einem Sondierstab untersucht, sieht er nach, ob im Stamm selbst noch Tiere hausen.
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Rielasingen-Worblingen. Sie prägen Ortsbilder, spenden Schatten und haben nicht selten viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte überdauert: Bäume. Doch was geschieht, wenn ihre Sicherheit fraglich ist oder Schäden genauer beurteilt werden müssen? Dann kommen Baumgutachter beziehungsweise Baumsachverständige wie Maximilian Kasper aus Rielasingen ins Spiel.

„Grundsätzlich hatte ich schon immer Interesse an diesem Beruf“, erklärt Kasper dem WOCHENBLATT, der schon seit seinem sechsten Lebensjahr Gärtner werden wollte. „Mit 14 war für mich dann klar, dass ich irgendwann in die Baumpflege reingehen möchte.“ Generell braucht man laut Maximilian Kasper viel Erfahrung als Baumgutachter. Für die öffentliche Bestellung und Vereidigung als Sachverständiger gelten zudem besondere persönliche und fachliche Voraussetzungen, in Baden-Württemberg gehört dazu unter anderem ein Mindestalter von 30 Jahren.

Maximilian Kasper arbeitet seit rund 18 Jahren in der Baumpflege, ist seit etwa 21 Jahren in der Gartenbranche tätig und seit rund 15 Jahren selbstständig. Mit seinem Unternehmen KletterMax ist er in der Region bekannt. Seit ungefähr zwei Jahren erstellt er verstärkt Baumgutachten. Aktuell qualifiziert er sich zusätzlich zum personenzertifizierten Baumsachverständigen. Der Weg zur zusätzlichen Personenzertifizierung ist anspruchsvoll. Er setzt langjährige praktische Erfahrung und umfangreiches Fachwissen voraus und erfordert einen erheblichen zeitlichen und finanziellen Einsatz. In Theorie und Praxis muss unter anderem nachgewiesen werden, dass komplexe Baumfragen fachlich beurteilt und nachvollziehbar in einem Gutachten dargestellt werden können.

Ob es ein häufig ausgeübter Beruf im Allgemeinen ist, kann Kasper partout nicht beantworten. „Ich gehe aber davon aus, dass es viele einfach auch aufgrund der Kostspieligkeit und dem hohen Aufwand nicht machen“, vermutet er. „Die Hürde ist schon sehr, sehr hoch.“ Bei gerichtlichen Aufträgen gelten besondere formale Anforderungen, Neutralität und eine nachvollziehbare fachliche Begründung sind dabei unverzichtbar.

Der Auftrag, zu dem Kasper das WOCHENBLATT an diesem Tag mitgenommen hatte, war klar: Kasper sollte beurteilen, ob der Baum trotz zahlreicher, teils tiefer Höhlungen im Stamm und in den Starkästen noch bruchsicher ist. Auch Pilzfruchtkörper am Baum mussten in die Gesamtbewertung einbezogen werden. Dafür wählte er die Untersuchungen aus, die zur konkreten Fragestellung passten. Welche Untersuchung sinnvoll ist, entscheidet sich laut Maximilian Kasper nicht nach dem verfügbaren Gerät, sondern nach der jeweiligen Fragestellung. Für ihn beginnt eine Untersuchung nicht mit einem Messgerät, sondern mit genauem Hinsehen. Er betrachtet Krone, Stamm, Stammfuß und Wurzelbereich – aber auch das Umfeld.

In der Praxis gibt es verschiedene Aspekte, auf die ein Baumgutachter einen Baum überprüft. „Man kann die Bäume unter anderem auf Bruch- oder Standsicherheit überprüfen“, zeigt Kasper auf. Die Untersuchung beginnt nicht erst am Stamm. Auch die Vegetation im direkten Baumumfeld kann Hinweise auf die Standortbedingungen geben, etwa auf Vernässung oder besondere Nährstoffverhältnisse. Für den ersten Eindruck betrachtet Kasper deshalb nicht nur den Baum selbst, sondern auch, was in seinem Umfeld geschieht oder früher geschehen ist.

Beim Abklopfen mit einem Schonhammer können Klangunterschiede erste Hinweise auf Veränderungen, Hohlräume oder geschädigte Bereiche geben. Mit einem Sondierstab lassen sich auffällige Stellen vorsichtig weiter untersuchen. Beide Methoden dienen zunächst der Orientierung, ihre Aussagekraft ist begrenzt. „Hierbei ist es wichtig, schonend vorzugehen, um keine Tiere, die potenziell im Baum leben könnten, zu verletzen“, sagt Kasper. „Mit dem Sondierstab stoße ich so weit vor, bis ich Widerstand vom Holz erhalte.“ Reichen sie für eine sichere Beurteilung nicht aus, kommen weiterführende technische Verfahren infrage.

Bei der Bohrwiderstandsmessung wird eine sehr dünne Nadel in das Holz geführt. Der gemessene Widerstand zeigt beispielsweise, in welcher Tiefe eine Höhlung oder ein geschädigter Bereich beginnt. Das Verfahren ist schnell und aussagekräftig, erfasst jedoch nur den Zustand entlang einer einzelnen Bohrlinie. Die Bohrstellen markiert Kasper für Fotos mit kleinen roten Fähnchen. So können sie später eindeutig nachvollzogen und bei einer Wiederholungsmessung besser verglichen werden.

Ein räumlicheres Bild liefert die Schalltomographie. Schallimpulse laufen dabei durch den Stamm. Aus ihren Laufzeiten entsteht ein Bild des untersuchten Querschnitts. Bei anderen Fragestellungen kann ein Zugversuch erforderlich sein. Dabei wird der Baum kontrolliert belastet, während Sensoren messen, wie Stamm und Wurzelbereich reagieren. Das Verfahren wird häufig eingesetzt, wenn insbesondere die Standsicherheit und die Verankerung des Baumes beurteilt werden sollen; es kann zugleich Erkenntnisse zur Bruchsicherheit liefern. Beim begleiteten Auftrag war ein Zugversuch nicht erforderlich, weil hierbei laut Kasper die Bruchsicherheit der konkret auffälligen Stamm- und Astbereiche im Mittelpunkt stand.

Mit den Messungen am Baum ist die Arbeit jedoch nicht beendet. Im Büro wertet Kasper Beobachtungen, Fotos und Messdaten aus und führt sie mit den Standortinformationen zusammen. Daraus erstellt er am Computer ein individuelles Gutachten. „Ein Messgerät allein trifft keine Entscheidung“, sagt Kasper. „Entscheidend ist, alle Erkenntnisse fachlich einzuordnen und nachvollziehbar zu begründen.“

Am Ende brachte die Untersuchung eine erfreuliche Antwort: Trotz der tiefen Höhlungen ergaben sich zum Zeitpunkt der Begutachtung keine Hinweise auf eine erhöhte Bruchgefahr. Der Baum kann der Eigentümerin weiterhin erhalten bleiben. Damit zeigt der konkrete Auftrag, worum es bei der Arbeit eines Baumgutachters geht: Auffälligkeiten nicht vorschnell mit Gefahr gleichzusetzen, sondern sie mit geeigneten Methoden zu untersuchen und fachlich einzuordnen.

Wie wertvoll diese Arbeit sein kann, zeigen zwei sehr alte Buchen in Singen, die vom Riesenporling befallen sind. Gemeinsam mit dem Baumstatiker Lothar Wessolly überprüfte Kasper ihre Standsicherheit über mehrere Jahre regelmäßig. Anfangs glaubte er selbst, die Bäume müssten vermutlich gefällt werden. Die Untersuchungen zeigten jedoch ausreichende Sicherheitsreserven. Mehr als sechs Jahre später stehen die Buchen noch immer.

Für Kasper ist das eines der eindrucksvollsten Beispiele seiner Arbeit: Ein Baum kann manchmal sicher erhalten werden, obwohl es auf den ersten Blick anders erscheint. Baumgutachten dienen deshalb nicht nur dazu, Gefahren zu erkennen. Sie können auch verhindern, dass alte und wertvolle Bäume vorschnell gefällt werden. „Dass Bäume tatsächlich eine Geschichte erzählen, macht das Ganze für mich so interessant.“ Dabei sind Bäume für Maximilian Kasper als Schattenspender auch in Sachen Klimaschutz von immens wichtiger Bedeutung, wie er erklärt. „Ohne sie würde es dem Klima viel schlechter gehen.“

Bevor Maximilian Kasper eine Höhlung mit einem Sondierstab untersucht, sieht er nach, ob im Stamm selbst noch Tiere hausen. | Foto: Philipp Findling
Mit dem Resistographen bohrt Maximilian Kasper an unterschiedlichen Stellen des Baumes, um das Holz auf Schäden und Höhlungen zu untersuchen. | Foto: Philipp Findling
Auf einem kleinen Bildschirm des Resistographen kann Maximilian Kasper erkennen, wie viel Holzfestigkeit ein Baum noch hat.  | Foto: Philipp Findling
Auch in den obersten Baumwipfeln untersucht Maximilian Kasper den Baum mit einem Schonhammer. | Foto: Philipp Findling
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Philipp Findling aus Singen

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