»Mission Freedom«: Gaby Wentland bestreitet alle Vorwürfe
Wenn Schläge Normalität sind

  • Foto: Die umstrittene Autorin Gaby Wentland sprach im Bürgerhaus »Adler Post« in Stockach auch über Zwangsprostitution.swb-Bild: sw
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Stockach (sw). Gute Nerven hat sie. Sendungsbewusstsein. Engagement. Eine Mission. Gaby Wentland spricht im Bürgerhaus »Adler Post« in Stockach. Spricht über Menschenhandel, Zwangsprostitution, die »Loverboy«-Masche zum Anlocken ganz junger Mädchen. Sie redet zügig, resolut, leicht verständlich, schlagwortartig. Betont, wie wichtig das Hinsehen, das etwas Tun, das Vergegenwärtigen der Missstände ist. Die Angriffe, Vorwürfe, Querelen, die negative Stimmungsmache der letzten Monate gegen sie und ihren Verein »Mission Freedom« scheinen unberührt an ihr vorbei gegangen zu sein. Erst später im persönlichen Gespräch gibt sie zu, dass sie manchmal schlaflose Nächte hat.

Im Vortrag streift die 57-jährige Referentin und Buchautorin aus Hamburg nur kurz eine der in Medien und dem ARD-TV-Bericht »Mission unter falscher Flagge – radikale Christen in Deutschland« gemachten Attacken: In ihrem Haus in der Hansestadt, in dem zwölf aus Zwangsprostitution befreite Frauen betreut werden, hat jede der dort Lebenden einen Schlüssel. Jede könne kommen und gehen, wie sie wolle. Die »Gerüchte«, dass Handys abgegeben werden müssten und Ausgehverbote erteilt würden, stimmten nicht. Auch betont die ehemalige Flugbegleiterin immer wieder, dass sich professionelles Personal um die Frauen kümmern würde.

In der Fragerunde am Ende ihres Referats, das sie auf Einladung des christlichen Vereins »sto-plant« mit Sitz in Stockach gehalten hat, geht sie offensiv mit den Fragen um. Religiösen Übereifer, christlich-radikalen Fundamentalismus sowie Vermischung von Sozialarbeit und Missionierung streitet sie ab. Die Frauen in ihrem Haus seien zu 90 Prozent Muslimas, und sie dürften glauben und leben, was und wie sie es für richtig hielten.

Eine feindliche Haltung gegenüber Homosexuellen oder gegenüber Sex außerhalb der Ehe, wie in verschiedenen Medien vorgeworfen, bestreitet Gaby Wentland: Entsprechende in diesen Medien zitierte Passagen würden aus einer zwölf Jahre alten Predigt stammen, seien aus dem Zusammenhang gerissen und isoliert wieder gegeben worden. Sie glaube, dass Jesus für alle Menschen geboren und gestorben sei. Eine restriktive Haltung zu sexuellen Fragen wäre bei ihrer Arbeit nicht möglich.

Und mit Blick auf die Verwendung falscher biografischer Daten einer Zwangsprostituierten für Spendenzwecke räumt die vierfache Mutter Fehler ein: Sie habe die Aussagen der Frau geglaubt und damals noch nicht die besondere psychische Situation traumatisierter, vielfach vergewaltigter und geschundener Frauen berücksichtigt. Nach Bekanntwerden der falschen Angaben habe sie die DVD sofort aus dem Verkehr gezogen. Warum ihr Haus nicht formell anerkannt werde, ist eine Frage aus dem Publikum. Wer offiziell anerkannt werde, müsse alle Frauen in Not aufnehmen, so die Antwort. Das aber könne ihr Haus nicht leisten. Allerdings habe sie eine Auskunftssperre zum Geheimhalten der Adresse erwirkt, so dass die Frauen einen Schutz erfahren würden.

In der gut gefüllten »Adler Post« macht Gaby Wentland auf soziale Missstände aufmerksam, die eben nicht nur die großen, sondern auch kleine Städte betreffen. Auf Missionierung verzichtet sie. Sie weist auch auf die Existenz anderer Hilfsorganisationen hin. 1,2 Millionen Männer würden in Deutschland täglich zu Prostituierten gehen. Ob sie gegen Prostitution allgemein ist, lässt sie offen. Doch dass Zwangsprostitution und Menschenhandel ein ständig steigendes, dringend zu bekämpfendes Übel sind, macht sie deutlich. Und dass sie gegen dieses Übel kämpft, ist, unabhängig vom Wahrheitsgehalt der erhobenen Vorwürfe, ihr unbestrittenes Verdienst.

- Simone Weiß

Autor:

Redaktion aus Singen

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