WOCHENBLATT-Interview mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Sachfragen
»Wir üben keinen Zwang auf Schulen aus«

  • Foto: Winfried Kretschmann äußerte sich im WOCHENBLATT-Interview zu Sachthemen. So nahm der Landesvater ausführlich zur Bildungspolitik Stellung.
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Stockach (sw). Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist der Beklagte 2014 vor dem Stockacher Narrengericht. Bei der Verhandlung wird es närrisch zugehen, doch im WOCHENBLATT-Interview äußerte sich der baden-württembergische Ministerpräsident zu ernsten Sachthemen. So sprach er ausführlich über die Bildungspolitik der grün-roten Landesregierung, aber der Politiker der »Grünen« nahm auch Stellung zu geplanten Windkraftanlagen.

WOCHENBLATT: Die grün-rote Bildungspolitik hat für viel Wirbel gesorgt. Wie stehen Sie zur Zukunft der Hauptschulen?

Winfried Kretschmann: Die Anmeldezahlen an den Haupt-/Werkrealschulen gehen sehr deutlich zurück. Die Eltern wünschen sich für ihr Kind eine Schulart, in der dem Kind alle Chancen offen bleiben. Diese Chancen haben die Kinder an der Gemeinschaftsschule, weil dort alle Bildungsabschlüsse angeboten werden. Die Kinder können dort mit intensiver individueller Förderung auf allen drei Niveaustufen lernen.

WOCHENBLATT: Was soll aus kleineren Schulen mit geringen Schülerzahlen werden?

Winfried Kretschmann: Mit dem Gesetz zur Regionalen Schulentwicklung werden bei der Neueinrichtung einer Schule, also zum Beispiel einer Gemeinschaftsschule, 40 Schüler pro Jahrgang notwendig sein. Nur bei stabiler Zweizügigkeit kann eine gute Qualität bei den Wahlangeboten und bei der Fachlichkeit der Lehrkräfte aufrechterhalten werden. Die Mindestschülerzahl beträgt seit vielen Jahren 16 Schüler pro Jahrgang. Wenn diese Zahl unterschritten wird, soll ebenfalls ein Schulentwicklungsprozess ausgelöst werden. Wir geben den Prozess der regionalen Schulentwicklung in die Hand der Gemeinden, damit diese sich vor Ort auf die besten Schulstandorte einigen können.

WOCHENBLATT: Planen Sie eine flächendeckende Einführung der Gemeinschaftsschule?

Winfried Kretschmann: Unser Ziel ist ein Zwei-Säulen-Modell mit dem Gymnasium einerseits und einem integrativen Bildungsweg andererseits, der sich aus den bisherigen Schularten entwickelt. Die Gemeinschaftsschule steht für diese zweite Säule. Wir üben aber keinen Zwang auf die Schulen aus. Beim Antrag der Gemeinde auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule ist die Zustimmung der Schulkonferenz der jeweiligen Schulen erforderlich. Bisher sind 209 Gemeinschaftsschulen genehmigt worden, davon 81 neu zum Schuljahr 2014/15. In Baden-Württemberg entwickelt sich damit bereits im dritten Jahr nach der Einführung ein flächendeckendes Netz an Gemeinschaftsschulen.

WOCHENBLATT: Die Nachfrage nach »G9« an den Modellschulen war überwältigend. Wäre da eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium nicht empfehlenswert?

Winfried Kretschmann: Wir sehen den »G9«-Weg in der zweiten Säule verortet. Bereits heute schon wird ein Drittel der Hochschulzugangsberechtigungen über die beruflichen Gymnasien erworben. Die Mehrzahl der Schüler dort kommt aus den Realschulen. In der Gemeinschaftsschule wird auch auf gymnasialem Niveau unterrichtet, so dass die Schülerinnen und Schüler auch auf ein allgemeinbildendes Gymnasium wechseln können. An der Gemeinschaftsschule kann bei 60 Schülern eine eigene Oberstufe eingerichtet werden. Die Gebhardschule in Konstanz zum Beispiel wird bei über 150 Anmeldungen zum laufenden Schuljahr diese Hürde nehmen können.

WOCHENBLATT: Der Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung hat dafür gesorgt, dass manche Schüler Probleme auf den weiterführenden Schulen haben. Soll der Wegfall der Grundschulempfehlung dennoch aufrecht erhalten werden?

Winfried Kretschmann: Ja, der Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung bleibt bestehen. Wir haben damit viel Druck aus der Grundschule herausgenommen und verbauen den Kindern, die sich später entwickeln, nicht schon nach Klasse 4 den Weg. Die Horrormeldungen bezüglich der Durchfallquoten haben sich nicht bestätigt, auch wenn sie sich bei den Realschulen etwas erhöht haben. Im Übrigen beabsichtigt auch die CDU nicht, zur Verbindlichkeit zurückzukehren.

WOCHENBLATT: Hätten die gewählten Maßnahmen im schulischen Bereich nicht besser vorbereitet werden sollen?

Winfried Kretschmann: Wenn man ein Haus umbaut, ist man häufig im Nachhinein schlauer. Die Kollegien der Gemeinschaftsschulen haben in den vergangenen eineinhalb Jahren ein völlig neues Lehr- und Lernkonzept des individualisierten Lernens entwickelt, obwohl es zuvor nur schulinterne Vorarbeiten gab. Diese Leistung ist sehr beeindruckend und lässt mich zuversichtlich sein. Wir müssen auf die Kompetenz und Entwicklungsbereitschaft der jungen wie der erfahrenen Lehrkräfte in allen Schularten bauen.

WOCHENBLATT: Sie wollen das Thema sexuelle Vielfalt und Homosexualität im Unterricht stärken – Pläne, die auf Widerstand stoßen. Werden die Unterrichtspläne dennoch entsprechend geändert?

Winfried Kretschmann: Schulen müssen Orte der Toleranz und des offenen Umgangs miteinander sein, egal, ob es sich um verschiedene Religionen, verschiedene Herkunft oder verschiedene sexuelle Orientierungen handelt. Das gehört zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schulen. Das Thema sexuelle Orientierung ist kein neues Thema, es war schon bisher Thema im Unterricht. Insofern ist es geboten und völlig richtig, dass das Thema sexuelle Vielfalt einen Platz in den Bildungsplänen 2015 einnehmen wird.

WOCHENBLATT: Die geplante Ortsumfahrung für den Stockacher Ortsteil Espasingen ist eine unendliche Geschichte. Könnte das Verfahren nicht beschleunigt werden?

Winfried Kretschmann: Das Planfeststellungsverfahren ruht, da das Verkehrskonzept überprüft und naturschutzrechtliche Bedenken ausgeräumt werden müssen. Aussagekräftige Ergebnisse zu weiteren naturschutzfachlichen und verkehrlichen Fragen werden Mitte 2014 erwartet. Diese Ergebnisse müssen wir leider abwarten.

WOCHENBLATT: Die mögliche Aufstellung von Windkraftanlagen hat in der Region Proteste ausgelöst. Wie begegnen Sie Kritiken wegen Lärmbelästigung, Verschandelung der Landschaft oder Eingriffen in die Tier- und Pflanzenwelt?

Winfried Kretschmann: Die Energiewende ist eines der wichtigsten und größten Projekte, das in Deutschland angestoßen wurde. Allein in Baden-Württemberg müssen bis 2020 rund 5.000 Megawatt stillgelegte Kernkraftwerksleistung ersetzt werden. Die Windkraft muss bei der Kompensation dieses Wegfalls eine tragende Rolle spielen. Mögliche Standorte finden sich über das ganze Land verteilt. In anderen Bundesländern steht oftmals bereits ein Vielfaches der in unserem Land angestrebten Anlagen. Selbstverständlich wird der Ausbau nur dort erfolgen, wo er ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Und die Bürgerschaft wird eng in die Planungen von Städten und Gemeinden eingebunden. Ich sage aber auch ganz klar, Bedenken müssen ernst genommen und sorgfältig geprüft werden, dennoch kann nicht immer auf alle kleinsten Einwendungen Rücksicht genommen werden. Wir brauchen den Wind für die Energiewende und den Klimaschutz.

Interview: Simone Weiß

- Simone Weiß

Autor:

Redaktion aus Singen

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