85. Jahre Deportation nach Gurs
Eindrucksvolles Gedenken an die Nazi-Verbrechen
- Auch Dorothea Wehinger, ehemalige Landtagsabgeordnete der Grünen, zeigte sich beeindruckt von der vielschichtigen Installation der beiden Künstlerinnen Andrea Dietz und Kerstin Weiland im Souterrain des Bürgerhauses in Gailingen.
- Foto: Bernhard Grunewald
- hochgeladen von Tobias Lange
Gailingen. Es wurde langsam dunkel vor dem Jüdischen Museum in Gailingen, als Bürgermeister Dr. Thomas Auer an der Seite von Dr. Ina Appel, Wissenschaftliche Leiterin des Museums, und Dr. Anne Overlack vom Freundeskreis Jacob Picard in Forum Allmende zahlreiche Gäste zur Gedenkfeier „85 Jahre Deportation nach Gurs“ begrüßen konnte.
Gekommen waren auch Gäste aus dem umliegenden Kommunen und dem Kreis. Darunter Philipp Gärtner als Vertreter des Landrats, Gottmadingens stellvertretender Bürgermeister Martin Sauter, Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler sowie lokale und nachbarliche Gemeinderäte. Auch Dieter Fleischmann, Ehrenvorsitzender des Vereins für jüdische Geschichte, und Heinz Brennenstuhl, dessen Vorsitzender, und Deborah Wolf, Nachfahrin dieser jüdischen Familie aus der Region, waren zu diesem wichtigen Gedenken gekommen.
Denn die Dunkelheit senkte sich mit der Machtergreifung der Nazionalsozialisten ab 1933 auch zunehmend über die Menschen jüdischen Glaubens in Gailingen, Randen, Wangen und Konstanz nieder, wo Synagogen standen und von gelebter Tradition zeugten. In ihrem gemeinsamen, abwechselnd vorgetragenen Redebeitrag zeichneten Auer, Appel und Overlack ein schmerzhaftes, detailiertes Bild der zunehmenden systematischen Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung, gar Ausrottung jüdischer Menschen nach, untermauert mit vielen persönlichen Tagebucheinträgen, Aufzeichnungen, Gedenkschriften und Deportationsberichten.
So von Berty Friesländer-Bloch, 1896 in Gailingen geboren, „die ihre Kindheit und Jugend hier verbrachte und als Krankenschwester, Journalistin, Heimatdichterin und Theaterregisseurin aktiv am kulturellen und sozialen Leben im Dorf beteiligt war“, so Overlack. „Am Tag des Laubhüttenfestes wurde sie zusammen mit ihrem Mann Julius Friesländer und ihrem dreijährigen Sohn Julius verschleppt. An diesem 22. Oktober 1940 fand die knapp 300-jährige Geschichte der jüdischen Gemeinden im Hegau ihr gewaltsames Ende.“
Auer zog eine Schreckensbilanz: „Von den 210 Jüdinnen und Juden in Gailingen wurden 182 direkt nach Gurs in Südfrankreich ins Lager deportiert, wo 64 umgekommen sind oder für tot erklärt wurden.“ Von vielen weiteren ist weder Todestag noch Todesursache bekannt und nur sehr wenige überlebten die Todeslager von Auschwitz. „Die Lehren aus dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus gelten für den Umgang mit allen Menschen“, so Appel mit Blick auf die „Hetzjagden gegen Fremde“, Andersdenkende oder „unerwünschte Gruppen“ heutzutage. Sie seien Zeichen einer Menschenfeindlichkeit, die "unsere Demokratie an der Basis angreift und aushöhlt“.
Umrahmt wurde die abendliche Gedenkstunde auf dem von vielen Kerzen und einer Feuerschale erleuchteten Synagogenplatz durch jüdisches Liedgut, bewegend vorgetragen von Andreas Kaefer an der Violine und mit Klavierbegleitung von Ulrike Brachat, beide von der Musikschule Westlicher Hegau. Eine im Souterrain des Bürgerhauses eingerichtete Installation der beiden Künstlerinnen Andrea Dietz und Kerstin Weiland, welche auf transparenten, an seidenen Fäden hängenden Schilder sämtliche Namen der Gailinger, Wangener und Randegger Oktober-Deportierten raumfüllend und dichtgedrängt wie in einem Transportwaggon präsentiert, trägt beeindruckend zum tieferen Gedenken bei.
Autor:Bernhard Grunewald aus Singen |