Das Stück "Garland" am Theater Konstanz
"Bloßes Existieren ist keine Existenz"

Für Dorothee (rechts) ist in Simone Geyers Inszenierung von "Garland" im Gegensatz zu Em und Henri (Mitte) die offenbar zerstörte Welt noch lange keine solche.  | Foto: Ilja Mess/Theater Konstanz
  • Für Dorothee (rechts) ist in Simone Geyers Inszenierung von "Garland" im Gegensatz zu Em und Henri (Mitte) die offenbar zerstörte Welt noch lange keine solche.
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Konstanz. Was, wenn ein Horrorszenario vielleicht noch abwendbar ist, sich aber immer weniger Menschen ihrem Schicksal stellen wollen? Unter anderem diesen Fragen geht Simone Geyers spannende Inszenierung von Svenja Viola Bungartens "Garland" am Theater Konstanz nach. 

Amerika liegt heute in Mittelsachsen. Genauer gesagt: bei Penig. Die Landschaft ist ausgedörrt, die Erde verbrannt, die Zukunft wirkt wie eine ferne Erinnerung. In dieser flirrenden Hitze kämpft Dorothee Sturm (Sarah Siri Lee König) unbeirrbar für die Rettung der Welt. Nur hat sie ein Problem: Das Unglück scheint ihr auf Schritt und Tritt zu folgen. Als die Farm von Em (Anna Eger) und Henri (Ingo Biermann) in Flammen aufgeht, gerät ausgerechnet sie unter Verdacht. Während Polizist Gus Brandt (Ulrich Hoppe) mit leerem Tank im Nirgendwo festsitzt, sucht ihn sein Bruder Salvatore (Jonas Pätzold), Filmemacher, Fernfahrer und unermüdlicher Träumer. Gleichzeitig versucht Radiomoderatorin Lorna Luft (Alicia Bischoff) in ihrer Sendung „Hot Times“ den Überblick zu behalten. Und irgendwo zwischen Tankstelle, Straße und Fata Morgana taucht plötzlich Judy Garland auf und singt von Sehnsucht, Verlust und Hoffnung.

Schon zu Beginn wird durch den Ausdruck "Kinder der Krise" schnell deutlich, mit welchem Szenario sich das Publikum konfrontiert sieht. Auch die Frage von Em und Henri, was denn eigentlich in unserer Welt falsch laufe, kann in diesem Zusammenhang eher als eine rhetorische gedeutet werden. Anhand des Filmemachers Salvatore, der es als eine Zumutung betrachtet, Menschen in eine eh schon zerstörte Welt hinein zu gebären, zeigt sich zudem, dass es offenbar immer noch viel zu viele Menschen auf der Welt gibt, die dem Zustand der Erde im Allgemeinen eher pessimistisch gegenüber zu stehen. Die Botschaft "Pray for rain" sowie auch die in einer Szene abwechselnde Darstellung von Em und Henri sowie unbewusst auch Dorothee als "Opfer" werden hierbei fast schon zum Synonym für die aktuelle Befindlichkeit des Weltklimas und deren Verursacher.

Für Konfliktlösung braucht es oftmals zwei

Gerade aufgrund dessen, dass diese Welt eine eher negativ gezeichnete Version vom "Zauberer von Oz" darstellt, macht die Figur des von Jonas Pätzold hervorragend verkörperten Salvatore Brandt sowie auch die Situation, in der sich der Großteil der Figuren befindet, umso nahbarer für den Zuschauer. Anhand dieser Figur wird, unabhängig vom Thema Umweltschutz, auch der Aspekt der Konfliktlösung eindrucksvoll aufgegriffen. So zeigt allein schon die Tatsache, dass "Toto" für Gus offenbar doch kein treuer Begleiter ist, dass es aber eben diesen braucht, um diese Konflikte hinter sich zu bringen und gemeinsam für eine Sache einzustehen. Eine Feststellung, die sich gerade in unser heutigen Gesellschaft immer mehr vermissen lassen und von der Regisseurin vor allem durch die Beziehung zwischen Gus und Salvatore meisterhaft verarbeitet wird.

Das komplette Gegenstück stellt die Hauptfigur Dorothee Sturm dar. So hält sie den Menschen im Stück, die wesentlich älter sind als sie, gekonnt den Spiegel vor, um dadurch zu entlarven, dass die deren Generation offenbar keinen Plan für die Zukunft des Planeten hat. Ihre Figur, wundervoll dargestellt von Sarah Siri Lee König, hält durch ihr Naturell und entgegen aller Schuldzuweisungen anderer, an ihren Zielen fest, um viele Generationen vor dem für sie abwendbaren Schicksal zu bewahren. Auch wenn sie dabei eventuell vom Unglück verfolgt werden würde. Dies wird durch die Aussage von der von Michaela Allensdorf fantastisch verkörperten Judy Garland, dass "bloßes Existieren keine Existenz ist", sowie ihre Ansicht, dass viele Menschen die Wahrheit in den falschen Dingen sehen, umso mehr unterstützt und fordert auch indirekt das Publikum zum Handeln auf. 

Lohnt sich die "Sicht in die Ferne"?

Was Simone Geyers Inszenierung ebenfalls herrausragend gut gelingt, ist die Darstellung vom Aufgeben des Menschen, nur um sich dem eigenen Schicksal hinzugeben. Das Gegenteil dessen nämlich wird bei Gus spürbar, dessen Job zunächst auf dem Spiel steht, er diesen aber zu sehr liebt, um ihn hinter sich zu lassen. Die Tatsache, dass man über das froh sein muss, was man im Leben hat, gewinnt dadurch umso mehr an Bedeutung. Was zwar nur ganz kurz anklingt, für die Handlung und Taten der Figuren aber eine immense Strahlkraft mitsich bringt, ist die "Sicht in die Ferne", die auch seitens der Zuschauer hinterfragt werden kann. Ist diese gut oder schlecht? Lohnt sich diese für einen selbst? Und bin ich bereit dafür, bestmöglich für eine positive Sicht in die Ferne einzutreten? Dies kann das Publikum noch bis zum 29. Oktober im Stadttheater Konstanz herausfinden.

Autor:

Philipp Findling aus Singen

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