Eröffnung von "So! Oder anders?" in Radolfzell
Den Verlauf der eigenen Stadthistorie selbst mitbestimmen

Oberbürgermeister Simon Gröger (rechts) blickt gemeinsam mit den beiden Studierenden Anna Sophie Graßmann (links) und Anna-Lena Kraschina (Mitte) anhand eines 3D-Modells auf die Zukunft von Radolfzell und dem Bodensee in der Ausstellung "So! Oder Anders?" | Foto: Philipp Findling
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  • Oberbürgermeister Simon Gröger (rechts) blickt gemeinsam mit den beiden Studierenden Anna Sophie Graßmann (links) und Anna-Lena Kraschina (Mitte) anhand eines 3D-Modells auf die Zukunft von Radolfzell und dem Bodensee in der Ausstellung "So! Oder Anders?"
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Radolfzell. Was, wenn man selbst die weit entfernte Zukunft der Stadt mitbestimmen kann? Unter anderem dieser Frage geht die Sonderausstellung "So! Oder Anders?" in der Villa Bosch nach, die nun am 31. Juli feierlich eröffnet wurde.

"Radolfzell ist eine Stadt, die sich immer wieder neu erfunden hat", betonte Oberbürgermeister Simon Gröger in seiner Ansprache bei dieser für ihn "besonderen Vernissage". Dabei könne man sich bei "So! Oder Anders?", deren Vernissage im Zunfthaus der Narrizella stattfand, gerade aufgrund des Austellungstitels die Frage stellen, ob die vieles in der Stadthistorie nicht auch anders hätte kommen können. "Diese Ausstellung wird ein einzigartiges Erlebnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermitteln", so Gröger.

"1.200 Jahre Stadtgeschichte – das ist ein beeindruckendes Jubiläum und Ausdruck einer langen, reichen Geschichte" hob der Vizepräsident der HTWG Konstanz, Prof. Dr. Gunnar Schubert hervor. Jubiläen laden für ihn dazu ein, den Blick zurück mit dem Blick nach vorn zu verbinden. Genau dazu dient laut Schubert diese Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit zwischen der HTWG Konstanz, der Uni Konstanz und dem Kulturbüro entstand. Allein der Titel mache ihm zufolge eines deutlich: "Geschichte besteht nicht nur aus feststehenden Fakten. Sie lebt davon, dass wir Bekanntes hinterfragen, unterschiedliche Sichtweisen zulassen und Geschichte immer wieder neu erzählen."

Gunnar Schubert beeindruckt dabei, dass die Studierenden der Master-Studiengänge in den Fächern Architektur und Kommunikationsdesign der HTWG Konstanz sowie Master-Studierende im Fach Geschichte der Uni Konstanz den gesamten Prozess von der Konzeption über die Gestaltung bis zur Umsetzung weitgehend selbst verantwortet haben. Entstanden ist die Ausstellung als nun schon siebtes Projekt der interdisziplinären Kooperation der beiden Hochschulen unter dem Titel “Mediale Ausstellungsgestaltung”, bei der neben den Fächern Geschichte, Kommunikationsdesign und Architektur auch Studierende aus der Informatik an der Uni Konstanz teilnehmen. Auch der künftige Rektor der Uni Konstanz, Prof. Dr. Dirk Leuffen fand nur Lobenswertes über dieses Projekt. " 'So! Oder Anders?' - das ist ein toller Titel, der neugierig macht und auf Brüche sowie die Bedeutung von Wahrnehmung in unserer Interpretation des Gestern und von Heute verweist." 

Geschichtsstudentin Marnie Claus gab anschließend einen Einblick in die Konzeption von "So! Oder Anders?". So stünde ihr zufolge der Titel für die zentrale Idee der Ausstellung und die zentrale Idee, die die Studierenden während des gesamten Projekts begleitet hat: "Was wäre wenn?". Anhand zentraler Orte der Stadtgeschichte werden die Besucher eingeladen, Radolfzell aus einer neuen Perspektive zu entdecken. Die Räume greifen dabei laut Claus unterschiedliche Themen auf - "von Stadtgründung und Politik über Gemeinschaft und Arbeit bis hin zur Bedeutung des Bodensees". 

Auch die Villa Bosch selbst ist Teil des Ausstellungskonzepts, so stehen im Erdgeschoss prägende Wendepunkte der Radolfzeller Stadtgeschichte im Mittelpunkt. "Gemeinsam haben wir uns dabei die Frage gestellt, was wäre, wenn diese Entscheidungen damals anders getroffen worden wären?", erklärte Marine Claus. Ausgehend von dieser Frage habe man alternative Entwicklungen entworfen, die zeigen, wie Radolfzell heute aussehen könnte, wenn die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte. Grundlage hierfür war eine intensive historische Recherche, worin die Studierenden mithilfe der Zeller Stadtchronik, der Auswertung historischer Quellen sowie auch der Recherche von Fotografien schließlich die Ausstellungstexte verfassten. "So verbinden sich historische Forschung und Kreativität zu einer Ausstellung, die Geschichte nicht nur erzählt, sondern zum Nachdenken über Gegenwart und Zukunft anregt", zeigte Marnie Claus auf.

Im Erdgeschoss entscheiden sich die Besucher mit ihren "Eintrittskarten" für das Szenario, für das sie sich eingesetzt hätten und im Obergeschoss für das Szenario, für das sie sich einsetzen würden. Aus deren Entscheidungen entsteht schließlich ein persönliches Profil, das den individuellen Blick der Ausstellungsgäste auf die Geschichte und Zukunft der Stadt widerspiegelt. Am Ende der Ausstellung werden die Besucher eingeladen, deren Gedanken, Wünsche und Hoffnungen in einer Zeitkapsel zu hinterlassen, welche dann beim nächsten Jubiläum im Jahr 3.226 wieder geöffnet werden soll. Im Anschluss an die Eröffnung konnten die Gäste selbst noch bis in den Abend hinein die für die Größe der Villa Bosch wahrlich immersive wie auch sehr stark inszenierte Ausstellung erkunden. "So! Oder Anders?" kann noch bis zum 15. November immer Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 17.30 Uhr in der Villa Bosch besucht werden.

Autor:

Philipp Findling aus Singen

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