Diskussion um Schuld von SS-Soldaten
Gemeinderat beschließt 10.000 Euro für Erinnerung und Änderungen an Soldatentafel

An der Bürgermeistergalerie im Rathaus und der Tafel am Kriegerdenkmal wird es Veränderungen hinsichtlich der Erinnernung an die NS-Zeit geben. Das hat der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen. | Foto: Collage: Sebastian Ridder; Bilder: Sebastian Ridder und Archiv
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  • An der Bürgermeistergalerie im Rathaus und der Tafel am Kriegerdenkmal wird es Veränderungen hinsichtlich der Erinnernung an die NS-Zeit geben. Das hat der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen.
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Radolfzell. Es ist ein emotionales und heißes Thema in Radolfzell - der Umgang mit der Vergangenheit der Stadt mit ehemaligen SS-Standort. Da der Arbeitskreis Erinnerungskultur des Radolfzeller Gemeinderats daran scheiterte sich auf Vorschläge für den Umgang mit den Bürgermeistern aus der NS-Zeit, dem Kriegerdenkmal und einer Förderung der Erinnerungskultur zu einigen, wurde die Diskussion in den Gemeinderat verlegt. Dort konnte sich nach einigen Auseinandersetzungen zu allen drei Antragspunkten der Freien Grünen Liste (FGL) geeinigt werden.

Entfernung 102er SS-Soldaten von Gedenktafel gefordert

Es ist neun Monate her, dass der Antrag, dem ehemaligen Radolfzeller Bürgermeister August Kratt die Ehrenbürgerschaft zu entziehen, der Freien Grünen Liste abgelehnt wurde. Die Liste forderte aber noch mehr. Der Antrag enthielt drei weitere Punkte, die nun über den Arbeitskreis Erinnerungskultur, erneut auf die Tagesordnung des Gemeinderats kamen: Die Mitglieder der FGL fordern dort, dass die Bürgermeistergalerie im Rathaus ergänzt wird. Genauer, soll bei den Bürgermeistern auf der Tafel, die vom NS-Regime ernannt und nicht demokratisch gewählt worden sind, ein Schriftzug oder ein QR-Code darauf hinweisen. "Das ist nämlich auch faktisch, was passiert ist", sagte Siegfried Lehmann Fraktionsvorsitzender der FGL. Die betroffenen Bürgermeister auf der Tafel sind: Eugen Speer, Josef Jöhle und August Kratt.

Die FGL forderte überdies in einem zweiten Punkt, dass die Stadt Radolfzell jährlich 10.000 Euro an das Jüdische Museum in Gailingen für die museumspädagogische Arbeit angesichts der historischen Verantwortung der Stadt zahlt. Zuletzt forderte die FGL zudem, dass die Erinnerungstafel der Verstorbenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs am Kriegerdenkmal in Radolfzell dem Stadtarchiv übergeben werden oder zumindest, dass die 102 SS-Soldaten und die NS-Verbrecher Heinrich Koeppen und Joachim Rumohr davon entfernt werden und über ihre Verbrechen informiert wird.

Streit um Schuld der gefallenen SS-Soldaten

Gerade der dritte Punkt sorgte für Diskussionen im Gemeinderat, da die FGL gerne alle SS-Soldaten von der Erinnerungstafel streichen wollte. Lehmann erklärte, dass es nicht darum ginge Gefallene des Krieges dort zu entfernen, sondern Opfer nicht mit Tätern auf eine Ehrentafel zu vereinen. "Die kann man nicht ehren", sagte Lehmann. Ausschlaggebend für den Antrag sei, dass an der Tafel der Schriftzug: "Radolfzell gedenkt der Opfer" steht.  

Dem Vorschlag die Tafel zu entfernen wollte sich keine der anderen Fraktionen anschließen. Peter Blum von den Freien Wählern betonte, dass es zur NS-Zeit auch Zwangsrekrutierungen gab und die Auflistung eine Anerkennung für Familien und Nachfahren sei. Kristina Koch von der SPD sagte, dass die Tafeln Relikte ihrer Zeit sind, die umso wichtiger seien, da Kinder heutzutage immer seltener Zeitzeugen befragen können. Sie lehnte ein Abhängen ab, argumentierte aber für ergänzende Informationen zu Verbrechern auf der Tafel. Christoph Stadler von der CDU sagte: "Es gehört zur Geschichte, auch wenn es nicht ganz richtig ist." Einer Entfernung von Koeppen und Rumhor stimmte er aber zu. Darauf sowie auf eine ergänzende Tafel mit Hinweisen einigte sich der Gemeinderat letztlich mit 15 Stimmen, sowie drei Gegenstimmen aus den Fraktionen der FDP und freien Wähler.

10.000 Euro für Gailingen oder für Radolfzell?

Der zweite Punkt sorgte ebenfalls für Diskussionen im Radolfzeller Gemeinderat, der zuletzt einen nicht ausgeglichenen Haushalt verabschieden musste. Stadler forderte anstelle des Vorschlags der FGL, lieber einen Topf mit jährlich 10.000 Euro für Erinnerungsarbeit für Projekte in Radolfzell bereitzustellen, der eine Kooperation mit dem Jüdischen Museum nicht ausschließt. Markus Zähringer von der SPD argumentierte eine gezielte Kooperation mit Radolfzeller Schulen mit dem Geld zu fördern. Dem schloss sich Bernhard Diehl von der CDU an. Blum forderte hingegen eine einmalige Zahlung für Projekte vor Ort zu tätigen, was mehrheitlich abgelehnt wurde. Der Gemeinderat entschied sich für Stadlers Vorschlag mit 14 Stimmen und sechs Gegenstimmen.

Dagegen gab es nur wenige, die den Änderungen an der Bürgermeistergalerie im Rathaus widersprachen. Norbert Blum argumentierte zwar, dass Diktatoren solche Besetzungen entscheiden würden und die Betroffenen keine Schuld treffe. Doch um eine Schuldzuweisung ging es bei dem Vorschlag zur Ergänzung der Tafeln mit "vom NS-Regime ernannt" auch nicht. Darauf sowie der Anbringung eines QR-Codes mit weiteren Informationen einigte sich der Gemeinderat letztlich mehrheitlich.

An der Bürgermeistergalerie im Rathaus und der Tafel am Kriegerdenkmal wird es Veränderungen hinsichtlich der Erinnernung an die NS-Zeit geben. Das hat der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen. | Foto: Collage: Sebastian Ridder; Bilder: Sebastian Ridder und Archiv
Autor:

Sebastian Ridder aus Konstanz

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