Gemeinderatssitzung Radolfzell
Viele Fragen bleiben offen - August Kratt bleibt Ehrenbürger von Radolfzell

Ein freies Bündnis verteilte Zettel des Seemoz auf einer angemeldeten Demo vor der Gemeinderatssitzung. Etwa 40 Leute demonstrierten für die Aberkennung der Ehrenwürde von August Kratt. | Foto: Sebastian Ridder
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  • Ein freies Bündnis verteilte Zettel des Seemoz auf einer angemeldeten Demo vor der Gemeinderatssitzung. Etwa 40 Leute demonstrierten für die Aberkennung der Ehrenwürde von August Kratt.
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Radolfzell. Diese Frage war trotz eines Gutachtens kaum richtig zu beantworten. Der Gemeinderat der Stadt Radolfzell musste nun aber über die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des ehemaligen Bürgermeisters und NSDAP-Mitglieds August Kratt entscheiden. Letztlich war es eine deutliche Entscheidung, zu der eine emotionale Diskussion, viele Zuschauer und eine Demonstration gehörten. Richtig eindeutig war aber nur, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit von Radolfzell längst nicht beendet ist.

Aberkennung klar abgelehnt - FGL enttäuscht von Gutachten

Es war einfach zu wenig. Der Antrag der Freien Grünen Liste (FGL) konnte letzten Endes nur zwei Gemeinderäte der SPD überzeugen. So stimmten insgesamt sieben Gemeinderäte für die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde von August Kratt und 16 dagegen. Zudem gab es eine Enthaltung. Zuvor hatte die Stadt Radolfzell ein Gutachten in Auftrag gegeben, das von Carmen Scheide von der Universität Bern auf etwa 50 Seiten, inklusive Nachtrag, verfasst wurde. Scheide sagte bereits, dass eine Erhaltung der Ehrenbürgerschaft auf Basis ihres Gutachtens möglich sei.

"Das Gutachten blendet Opfer des NS-Systems aus", sagte der Fraktionsvorsitzende der FGL, Siegfried Lehmann. Das sahen auch etwa 40 Demonstrierende aus einem freien Bündnis mit Unterstützung des Online-Magazins Seemoz aus Konstanz so, die vor dem Rathaus Zettel verteilten. "Es war nicht neutral den Staat in dieser Zeit zu verwalten", sagte Frida Mühlhoff von dem freien Bündnis.  

Lehmann betonte, dass es in der Abstimmung nicht um ein Urteil über die ganze Person August Kratt geht, sondern um die Frage, ob die Ernennung zum Ehrenbürger gerechtfertigt war. Dazu sind hervorragende Leistungen notwendig und die sind laut Lehmann im Gutachten nicht auffindbar, da Kratt nicht gegen das NS-System gearbeitet habe. Als stellvertretender Bürgermeister habe er es laut Lehmann sogar mitgetragen, auch wenn er selbst keine Gräueltaten aktiv begangen hat. Derya Yildirim von der SPD stimmte zu und sagte: "Das Gutachten macht ihn menschlicher, aber nicht zu einem Ehrenbürger." Die Stadt Radolfzell begründete die Verleihung im Jahr 1962 mit den "vielseitigen guten Taten und Stiftungen zum Wohle der Stadt und ihrer Einwohner und in Würdigung seiner auch in schweren Zeiten stets bewiesenen menschlichen Einstellung" das Ehrenbürgerrecht. Bürgermeisterin Monika Laule hielt die Kollektivschuldthese für nicht hilfreich in diesem Fall.

Drei weitere Anträge werden überarbeitet 

Mit der Abstimmung war der ganze Antrag der FGL aber nicht vom Tisch, denn die Ablehnung der Ehrenbürgerwürde war nur ein Punkt von insgesamt vier in dem Antrag. Im zweiten Punkt wurde gefordert die Bürgermeistergalerie zu ändern, sodass bei den ehemaligen Amtsinhabern Eugen Speer, Josef Jöhle und August Kratt erwähnt wird, dass sie nicht demokratisch gewählt wurden, sondern von der NSDAP zum Bürgermeister ernannt wurden. Außerdem soll die Stadt Radolfzell das Jüdische Museum in Gailingen jährlich mit 10.000 Euro unterstützen und am Denkmal am Luisenplatz sollen die Namen nachweislicher SS-Kriegsverbrecher entfernt werden.

Da die Gemeinderäte diese Punkte nicht grundsätzlich ablehnten, einigten sich Oberbürgermeister Simon Gröger und der Fraktionsvorsitzende der FGL, Siegfried Lehmann darauf, sie in den Arbeitskreis Erinnerungskultur zu geben. Schließlich wurde in der Diskussion der Gemeinderäte klar, dass die Aufarbeitung der Radolfzeller Vergangenheit noch längst nicht abgeschlossen ist.

Es bleiben offene Fragen

Trotz des Gutachtens konnte die Entscheidung des Radolfzeller Gemeinderats August Kratt im Jahr 1962 zu einem Ehrenbürger zu ernennen nicht vollumfänglich aufgearbeitet werden. Einige Gemeinderäte, wie beispielsweise Christof Stadler von der CDU, räumten ein, dass die Entscheidung aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar erscheint: "Heute würde man es es vermutlich anders entscheiden." Die Entscheidung sei aber nicht zu verurteilen, weil die Einsicht in die Entscheidungsgründe der einzelnen Personen fehle, so Stadler weiter, schließlich hätten im damaligen Gemeinderat auch ehemalige KZ-Häftlinge gesessen. Er ergänzte aber auch, dass die Verleihung seiner Meinung nach eher in der caritativen Unterstützung der Stadt nach dem Krieg begründet ist. Dennoch forderte Stadler eine Weiterführung der Aufklärarbeiten.

Für den Fraktionsvorsitzenden der FDP Jürgen Keck war es hingegen eine leichte Entscheidung. Das Gutachten ist eindeutig, daran gibt es wenig Zweifel, so Keck. Zur Kollektivschuld fügte er noch hinzu: "Viele die wir heute Täter nennen, waren Opfer dieser Zeit." Carmen Scheide war hingegen beeindruckt und gerührt von der ausführlichen Auseinandersetzung des Gemeinderats mit der Vergangenheit der Stadt Radolfzell, wie sie sagte. "Weitere Untersuchungen und Diskussionen wären das Beste, was der Stadt passieren kann", so die Historikerin.

Ein freies Bündnis verteilte Zettel des Seemoz auf einer angemeldeten Demo vor der Gemeinderatssitzung. Etwa 40 Leute demonstrierten für die Aberkennung der Ehrenwürde von August Kratt. | Foto: Sebastian Ridder
Der ehemalige Bürgermeister und NSDAP-Mitglied August Kratt bleibt Ehrenbürger der Stadt Radolfzell. Das hat der Gemeinderat in seiner Sitzung entschieden. | Foto: Dominique Hahn
Autor:

Sebastian Ridder aus Konstanz

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