Hallo und guten Tag
Wer ist zu dick in unserem Land?

Meine Chefin hatte ihre Freundin Marlene zum Kaffee eingeladen. Dazu hat sie eine Kreation von Erdbeertorte gezaubert; ich sage Ihnen allein vom Hinschauen lief mir das Wasser in meiner Schnauze zusammen. Meine Nase bewegte sich in alle Richtungen und immer nahm ich diesen zarten Erdbeer-Sahne-Duft wahr, der mit einem köstlichen Biskuit (mit Spezialboden) zu einem Gesamtkunstwerk geworden war. Die Dekoration der Torte war schlicht und einfach preisverdächtig. Ich sage es ja immer: »Meine allerbeste Leibköchin!« Marlene kam mit ihrem neuen, kleinen Cabriolet angefahren (ehrlich, das ist so ein richtig schnuckeliges Frauenauto); sie war - wie immer - schick vom Scheitel bis zur Sohle in den Trendfarben der Saison gekleidet. Als die allerbeste Ehefrau und Leibköchin ihr Erdbeerkunstwerk auf den Kaffeetisch stellte, erklärte Marlene, dass sie keinen Kuchen und schon gar keine Sahne essen dürfe. Auf Frage meiner Chefin, erzählte Marlene irgendetwas von Body - Maß - Index oder kurz BMI. Sie war richtig unglücklich, weil die Torte wie eine leibhaftige Verlockung vor ihr stand und ganz wunderbar vor sich hin duftete. Weil die Badesaison nahe rückte, hatte sich meine Leibköchin mit dem Thema auch beschäftigt, allerdings kam sie zu einer ganz anderen Bewertung dieser Wunderformel und ließ sich drum den herrlichen Kuchen ungerührt schmecken. »Kennst Du die IOTF oder genauer die International Obesity Task Force?« Marlene verneinte, sie hatte noch nie davon gehört. Die IOTF ist eine Organisation von Wissenschaftlern, die dem Dicksein weltweit Einhalt gebieten wollte. Was Übergewicht bedeutet war aber so unklar, dass  Ärzte, deren Patienten, die Krankenkassen und selbst die Ministerien die Ratschlägeder IOTF überhörten. Nach Aussage der IOTF waren Hundertmillionen Menschen zu dick ohne davon zu wissen. Deshalb informierten die IOTF-Leute die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende der 90-er Jahre (Termin merken!). Nach Berechnung mit der BMI-Formel sind weltweit mehr als 1,1 Milliarden Menschen zu dick, so die Aussage. Die WHO erklärte Übergewicht und Adipositas zur globalen Massenerkrankung; das ist nach meiner Information so eine Art Seuche oder Epidemie. Interessanterweise kamen zur gleichen Zeit zwei neuartige Medikamente auf den Markt, die schnelles Abnehmen versprachen. Und ausgerechnet von den Herstellern dieser Medikamente wurde die IOTF seit ihrer Gründung gesponsert. Bei den Sponsoren bedankt sie sich ganz offiziell bei ihrem Internetauftritt (hoffentlich habe ich mich da richtig ausgedrückt). Für meine Ohren ist das wahnsinnig. Zum einen frage ich mich, ob die IOTF-Mitarbeiter alle 1,1 Milliarden Menschen mit angeblichem Übergewicht  gewogen haben oder haben zum anderen diese Zweibeiner einfach geschätzt? Aber aufgepasst! Wie heißt das alte Sprichwort: »Schätzen kann fehlen!« Das weiß sogar ich als Vierbeiner. Vorläufer des BMI war eine Formel des französischen Militärarztes Broca; diese Formel galt bis in die 50-er Jahre des letzten Jahrhunderts. Auf die Weiterentwicklung der Broca-Formel will ich nicht näher eingehen; es war auf alle Fälle eine profitable Änderung zugunsten amerikanischer Versicherungsunternehmen. Basis des BMI ist die sogenannte Quetelet-Formel. Das war ein belgischer Mathematiker, der eigentlich diesen Body-Maß-Index entwickelt hatte. Bei Berechnungen nach dieser Formel waren lange Zeit Ergebnisse zwischen 27,5 und 30 durchaus normal. Ende der 90-er Jahre (man beachte den Termin!!) legte die Weltgesundheitsorganisation den oberen Grenzwert bei 25 fest. Die Arbeit der IOTF-Wissenschaftler zugunsten ihrer Sponsoren hatte sich also gelohnt. Mit Hilfe der WHO tat sich ein neuer - Milliarden schwerer - Markt für Abnehmmittel auf. Interessanterweise empfehlen die Krankenkassen nicht die WHO-Tabelle, sondern eine BMI-Tabelle, die auch das Alter berücksichtigt. Ich bin richtig stolz auf meine kluge Chefin; sie hat den Schwindel und die wirtschaftlichen Interessen dahinter durchschaut. Nach dieser Information ließ Marlene BMI kalt und sie genoss die Erdbeertorte. Lassen Sie sich nicht verrückt machen, liebe WOCHENBLATT - Leserinnen und - Leser von wegen Diäten und so oder finden Sie, dass Karl Lagerfeld gut aussieht?,

das fragt Sie Ihr bunter Hund.

Autor:

Redaktion aus Singen

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