"Ala Kachuu" von Maria Brendle im Cineplex
Ein bisschen Oscar-Fieber auch in der Region

Stehende Ovationen für Maria Brendle nach einer eindrucksvollen Vorstellung ihre Oscar-nominierten Kurzfilms "Ala Kaschuu" und einer langen Liveschalte nach Los Angeles im Cineplex am Donnerstagabend.
  • Stehende Ovationen für Maria Brendle nach einer eindrucksvollen Vorstellung ihre Oscar-nominierten Kurzfilms "Ala Kaschuu" und einer langen Liveschalte nach Los Angeles im Cineplex am Donnerstagabend.
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Singen. Das war schon ein besonderes Flair gewesen. Kino mit Sektempfang und fein gekleideten BesucherInnen, im Kino gewichtige Ansprachen zum Thema Frauenrechte von Bürgermeisterin Ute Seifried im Nachgang des Weltfrauentags und sogar eine Dreivierteilstunde lange Live-Schaltung nach Los Angeles, um die Regisseurin und Drehbauautorin Maria Brendle persönlich über ihren Oscar-nominierten Film "Ala Kachuu" (Take an Run) zu sprechen und dabei eine ganze Menge Hintergründe über den 2020 in Kirgisien entstandenen Kurzfilm zu erfahren, der immerhin in seiner Sparte für die Verleihung am Sonntag nominiert ist. Und am Schluss sogar stehende Ovationen für die junge Frau, die hier ein Thema in sehr bemerkenswerter Weise nicht nur aufgegriffen hat, sondern damit auch eine Position gegen Menschenhandel und Zwangsheirat setzt, ohne eigentlich fertig erzählt zu werden. Aber das genau hatte Maria Brendle, die ihre Wurzeln in Engen hat, in Mühlhausen-Ehingen aufgewachsen ist und inzwischen in Zürich ist. Und die schon seit einigen Tagen den Rummel um die Oscar-Verleihung und auch um ihre Person dort in Los Angeles sichtlich genießt, wie bei diesem sehr authentischen Talk über die Kinoleinwand spürbar wurde.

Das für hatte sich das Cineplex unter Theaterleiterin Diane Hegyi schon mächtig ins Zeug gelegt und im Saal eine ganz schön aufwändige Übertragungsanlage installiert, die die Videoschalte nicht nur formatfüllend auf die Kinoleinwand transportierte, sondern das auch noch in einer beeindruckenden Tonqualität.

Auf das Thema Zwangsheirat, das in Kirgisien übrigens nach dem Ende der Sowjetunion eine Renaissance erlebte, sei sie eher zufällig gestoßen über eine Reiseschilderung eines bekannten. Aber es hat sie offensichtlich nicht mehr losgelassen. Die Story ist auch entsprechend Herb: Die junge Sezim will dem Gefängnis der Familie weit draussen auf dem Land entfliehen und ein Stipendium zum Studieren in der Hauptstadt.

Diese erste Flucht schafft sie, und die Aufnahmeprüfung eigentlich auch. Doch das erfährt sie ziemlich lange nicht. Denn als die dort beim Bäcker jobbt, um sich ihr erstes Geld für die neue Zukunft zu verdienen, kommen vier Jungs vorbei, die eigentlich ihre Kollegin suchen. Und weil die schon Feierabend hatte wird Sezim einfach verschleppt und noch al selben mit einem der Jungs verheiratet, der eben an diesem Tag eine "Braut" mit Heim bringen musste, wie er selbst später gestand.

Was folgt ist schon ein richtiges Martyrium, das in der kolossalen Landschaft der Hindukusch-Ausläufer um so grotesker wirkt. Und ob Sezim die Flucht daraus letztlich gelingt, lässt die Regisseurin offen, die ihren Film genau da Enden lässt, wo für den Zuschauer eigentlich der Film gewusst anfinge. "Das sei freilich Absicht, gesteht Maria Brendle, sich sich für ihren Hegauer Fanclub trotz der vielen Dates da in Los Angeles erstaunlich viel Zeit genommen hatte. Denn nun könne jeder sich selbst seine eigene Geschichte ausdenken, wie die Geschichte von Sezim weiter geht, und ob ihr ihr Leben nun gelingen kann.

Brendle konnte an diesem Abend viel erzählen: wie man dreht in einem Land, dessen Sprache man nicht versteht. Und in dem es auch keine englische Brücke gibt. Wie man Schauspieler castet unter diesen Bedingungen, wie man aber auch als Filmteam in einer Welt zusammenwächst, in der die Frauen eigentlich nicht beachtet, wie Brendle oft erfahren hat. Der Film ist in der originalen Turksprache der Kirgisen belassen, mit deutschen Untertiteln, was dem Film eine besondere Melodie vermittelt.

In Kirgisien und bei den Frauen aus Kirgisien hat der Film jedenfalls schon mal mächtig eingeschlagen, denn dort wird er als wichtiges Zeichen der Frauenrechte gesehen. Verändern wird er auf jeden Fall etwas, ist sich Brendle sicher. "Ala Kachuu" ist ein geflügeltes Wort in Kirgisien. Die Flucht ist die Einzige Chance einem Leben zu entrinnen, aus dem es im ländlichen Bereich, und das ist fast das ganze Land, sonst keinen Ausweg gibt im Zwang verheiratet zu werden, Kinder zu bekommen und den Rest des Lebens im Haushalt zu verbringen.

Autor:

Oliver Fiedler aus Gottmadingen

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