Leserbrief zu den »Spaziergängen«
»Neutrales Bild«

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Zu unserem Schwerpunktthema »Spaziergänge« in der Ausgabe von 19. Januar, erreichte uns folgende Leserreaktion:

»Ich bin ein wenig traurig über die recht einseitige Berichterstattung, die ich immer wieder lesen muss. Nicht nur erst jetzt und nicht nur wegen Ihnen, sondern allgemein in den Medien.
Ich habe mich schon früh aus den bekannten Gründen den Montags-Spaziergängen angeschlossen, welche Sie freundlicherweise als Interview mit einem meiner Gesinnungsgenossen in der letzten Ausgabe halbseitig abgedruckt haben. Dazu auch zwei maßnahmenkritische Leserbriefe, was mich ebenfalls sehr gefreut hat. Beides recht schön und es erweckt auch erst mal ein neutrales Bild bezüglich Ihrer Berichterstattung.
Leider fällt mir beim näheren Hinlesen auf, dass zwar die persönliche Stellungnahme von Bürgern entsprechend kritisch war, aber alle anderen Berichte zu dem Thema, also jene Artikel, die von Ihnen selbst verfasst wurden, praktisch komplett maßnahmen-positiv gehalten sind. Es erweckt den Eindruck, dass Sie als Wochenblatt komplett einverstanden wären mit den Corona-Maßnahmen und allem was dazugehört.
Speziell stört mich, dass Sie in praktisch jedem Artikel immer wieder auf Rechtsradikale, auf Querdenker und auf was auch immer alles hinweisen, welche einen nicht zu verachtenden Anteil der Spaziergänge aufweisen würden.
Sie und Ihre Redakteure sind alles nur Menschen und natürlich haben Sie eine eigene Meinung zu der Angelegenheit. Aber das sollte sich nicht in der Berichterstattung widerspiegeln, höchstens noch als Kommentar, jedoch nicht in den allgemeinen Artikeln.
Deshalb meine Frage: Waren Sie denn selbst schon einmal auf einem solchen Spaziergang mit dabei? In Singen oder anderswo? Wo bitteschön sind diese Personen, die sich anscheinend überall Rudelweise unter die besorgten Bürger mischen (leider hat auch dieser Begriff, der »besorgte Bürger‹, mittlerweile eine ziemlich eindeutige Konnotation erhalten)? Ich selbst habe noch nicht einen einzigen gesehen. Nicht einmal eine Deutschland-Fahne oder bloß einen Aufnäher. Keine Springerstiefel. Keine heimlichen Gespräche in diese Richtung. Kein gar nichts. Bloß Menschen. Zwar sind auch hier Wirrköpfe mit dabei, klar. Zottelige Struwwelpeter und unrasierte Arbeitslose, die man auf RTL2 verorten würde. Und ganz bestimmt auch Nazis. Wie sollte man sie auch ausschließen? Aber das ist nicht die Masse. Nicht einmal ein kleiner Bruchteil. Wie kann man es dann so formulieren, als bestünde ein nicht zu verachtender Prozentsatz der Spaziergänger aus solchen Personen? Es hört sich in Ihren Artikeln so an, als bestünde ein Viertel von uns aus Nazis, ein Viertel aus Reichsbürgern, ein Viertel aus Querdenkern und das letzte Viertel dann aus den normalen Menschen, die scheinbar zu blöd wären zu merken, dass sie nicht nur unterwandert worden sind, sondern nun plötzlich allen kleine Hitler-Bärtchen wachsen. Das stimmt so nicht im Entferntesten!
Das Recht zu demonstrieren sorgt dafür, dass die Menschen sehen, dass sie nicht allein sind mit ihren Forderungen – egal nach welcher Veränderung sie streben. Sie sehen, dass sie entweder viele sind oder wenige und dass ihre Forderung demnach von vielen Menschen mitgetragen wird oder eben nicht. In der DDR hat dies neben anderen Dingen zum Umsturz und zur Wiedervereinigung geführt. Was wäre gewesen, wenn sich die Menschen dort an Honeckers Verbote gehalten hätten?
Was ist also, wenn wir Spaziergänger uns heutzutage aus fadenscheinigen Begründungen an diese Verbote hielten? Ganz einfach: Dann würde jeder, der eigentlich dagegen ist glauben, alleine dazustehen – und sich dann auch nicht getrauen, irgendetwas zu sagen.
Aber wir sind nicht wenige. Vielleicht sind wir nicht die Mehrheit, aber ganz gewiss kein kleiner Haufen von Spinnern.
Fragen Sie doch einfach mal im Bekanntenkreis nach (falls Sie ihn nicht mittlerweile auf die Gleichgesinnten reduziert haben, sofern Sie Maßnahmen-Befürworter sind), wie die Menschen tatsächlich denken. Wie sie meistens schon von Anfang an gedacht haben. Die Wahrheit ist, dass praktisch ALLE Menschen die Nase voll haben. Niemand will das alles mehr, niemand versteht es mehr. Die wenigsten hatten schon von Beginn an Angst vor Corona und haben die ganze Sache nur mitgetragen, um nicht eingeschränkt zu sein. Traurig genug für eine Demokratie. Und es wird mit der Zeit nicht besser, sondern immer schlimmer mit den Maßnahmen. Und das, obwohl die Krankenhaus-Inzidenz, die letztes Jahr noch bei ungefähr 12 bundesweit gelegen hat, nun bei drei oder vier liegt. Das war doch die Richtschnur, an der wir uns künftig orientieren wollten? Und diese Zahl ist überhaupt nur deshalb so hoch, weil gleichzeitig Intensivbetten abgebaut werden mussten, weil es nicht möglich war, Pflegekräfte zu generieren. Aus absolut irren Gründen, zu denen nun noch die drohende Impfpflicht kommt. Einfach Wahnsinn. Dazu die ganzen anderen offensichtlichen Lügen, Falschbehauptungen und Zahlenverdrehungen, auf denen die Politik das alles fußt. Wir lesen und hören es doch jeden Tag überall.
Nun sollen also Demos und Spaziergänge verboten sein. Klar, so gefiele es den Regierenden am besten. Kein Protest bedeutet mehr oder weniger Durchregieren. Und wenn man ständig liest und hört, dass bei Spaziergängen ausschließlich Nazis und Reichsbürger durch die Straße laufen, dann passiert auch genau das, nämlich dass die Menschen, die eigentlich auch dagegen sind, sich von diesem eigentlich gerechtfertigten Protest distanzieren. Dass sie ihre echte Meinung nicht mehr zeigen und öffentlich protestieren wollen, weil sie nicht in die ›Schmuddelecke‹ gedrängt werden möchten. Ist das der richtige Weg in einer Demokratie? Dass uns verboten wird zu demonstrieren und dass der Grund für das Verbot ausgerechnet die betreffende Maßnahme ist, also Corona? Können wir dann überhaupt je wieder frei sein, wenn uns dies immer wieder vorgehalten wird? Corona wird schließlich nie mehr verschwinden, wie zwischenzeitlich allen klar sein dürfte. So wie die Grippe.
Wo sehen wir dann also bitte, dass wir gar nicht alleine sind mit unserem Unmut? Wie soll die Politik merken, dass sie am Willen der Menschen vorbei regiert? Vor allem auch, wenn selbst die Medien, die vierte Macht im Lande, mittlerweile zu einem Erfüllungsgehilfen verkommen sind, anstatt ihre Aufgabe, nämlich kritisch zu hinterfragen, fast vollständig aufgegeben haben?
Sie sind vielleicht nur ein kleines, regionales Blatt, aber auch Sie sollten sich diese Frage stellen. Was machen Sie? Nur das wiedergeben, was Ihnen irgendein Bürgermeister, ein Ministerpräsident oder ein Kanzler vorgekaut hat?
Zum Glück habe ich die letzten Ausgaben doch immer mal wieder die eine oder andere Kritik bei Ihnen lesen können, oft als Kommentar auf der ersten Seite – ansonsten hätte ich die neuesten Ausgaben längst nicht mehr im Briefkasten geduldet.
Übrigens ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen der AfD zugehörig fühlen, wo diese doch mittlerweile die einzige Partei ist, die die Maßnahmen so scharf kritisiert, wie es sich eigentlich gehört. Keine FDP und auch sonst keine Partei spricht mehr offen, alle laufen in die falsche Richtung. Noch zwei, drei von den Linken, sonst niemand. Und derweil stehen Deutschland und Österreich mit ihren völlig abgehobenen Forderungen alleine da. Kein Land der Welt hat derart scharfe und damit faktisch übertriebene Maßnahmen. Oder sind alle anderen Leute auf der Welt blöd? Eher nicht. Wahrscheinlich kommt hier mal wieder die Arroganz der deutschen Strippenzieher zum Vorschein, die ja leider immer wieder glauben, die Allerschlauesten zu sein. Umso wichtiger, dass die Medien dies hinterfragen.
Es ist kein Wunder, dass die meisten Menschen mittlerweile Politikverdrossenheit spüren.
Es wäre schade, wenn die Menschen auch den Medien und vor allem ihrer geliebten Tages- oder Wochenzeitung nicht mehr vertrauen könnten. Viele sind schon auf diesem Weg, wo doch immer wieder herauskommt, wie schlecht recherchiert wurde, was sich spätestens dann zeigt, wenn wieder Unwahrheiten ans Licht kommen, die eigentlich hätten entdeckt werden können, wenn nur gründlich genug geprüft worden wäre.
Was ich mir nun wünschen würde wäre eine neutralere Berichterstattung. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Ich erwarte keine Partei-Ergreifung zu meinen Gunsten, möchte aber auch nicht, dass es dargestellt wird, als würden die Menschen alle hinter den Maßnahmen stehen. Es sieht nur deshalb so aus, weil es in dieser Frage kaum noch Opposition gibt. Deshalb stellen Sie es bitte nicht so dar, als wäre es unabdingbarer Fakt, dass die Spaziergänge von Nazis und Reichsbürgern unterwandert wären. Wenn man das liest hat man das Gefühl, als würden sich Horden von Ratten und Ungeziefer unter den Menschen tummeln, die alleine ihre Grundrechte gewahrt sehen wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Grundrechte sind dazu da, um uns Menschen (auch Sie) vor der Willkür der Politik zu schützen. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Grundrechte schützen, jeden kleinsten Millimeter davon.
Also laufen Sie mit, schauen Sie sich die Menschen persönlich an. Machen Sie Fotos von der Menge. Und zeigen Sie uns diese Nazis bitte, ich würde sie wirklich gerne mal sehen, falls Sie sie entdecken.
Hören Sie bitte auf, den gerechtfertigten und vom Grundgesetz gedeckten Protest mit solch einseitiger Berichterstattung zu schmälern. Das alles, Corona und die Maßnahmen, könnte längst vorbei sein, wenn die Menschen nicht ständig durch Lug und Trug daran gehindert würden, ihre Meinung frei zu sagen. Wenn sie nicht ständig Angst vor Repressalien haben müssten, dann wären montags nicht 1.500 Menschen in Singen unterwegs sondern 15.000. Und bald schon das Doppelte und dann das Dreifache. Und im Frühjahr wäre der Spuk vorbei, auch ohne Zwangsimpfung.
Sie helfen mit, das Unrecht nicht unnötig zu verlängern oder zu verschlimmern, indem Sie den Menschen einreden, sie würden mit Nazis marschieren, falls sie sich den Protesten anschließen. Das ist schlichtweg nicht wahr.
Verbreiten Sie bitte geprüfte Fakten anstatt Vermutungen, nur weil es sich so womöglich spannender liest. Sie sollten, egal welche persönliche Meinung Sie als Redaktuere haben mögen, immer neutral sein. Immer. In der nächsten Krise sind vielleicht Sie derjenige, der auf der „falschen“ Seite stehen und um ihre Bürgerrechte bangen müssen. Wenn Sie wüssten, wie sich das anfühlt, dann würden Sie diesen Brief vielleicht verstehen. Ihr Leben wird ihnen Stück für Stück weggenommen, weil sie ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit schützen möchten, das ihnen auf Basis fadenscheiniger Argumente genommen werden soll. Wegen einer Krankheit, die für die allermeisten Menschen gar nicht gefährlich ist, wo es sinnvoller wäre, die wirklich Gefährdeten zu schützen. Und das unter Zuhilfenahme eines Medikaments, das bloß eine vorläufige Notzulassung hat und demnach eben nicht ausreichend getestet ist, um Langzeitfolgen auszuschließen. Es sind dieselben Wissenschaftler, die vor einem Jahr felsenfest behauptet haben, diese Impfung schütze Jahre oder Jahrzehnte und die dann doch nicht wissen konnten, dass sie nun eben nicht mehr als ein halbes oder ein viertel Jahr schützt. Wie können diese Wissenschaftler also versprechen, dass in einigen Jahren nicht unzählige Auto-Immun-Erkrankungen oder Krebsfälle auftauchen? Und diese Geschädigten werden dann noch nicht einmal vom Staat unterstützt! Unfassbar, wenn sie dieses Szenario 2018 einem Menschen so erklärt hätten. Nur weil wir in diese Sache reingewachsen sind, scheinen viele Menschen gar nicht mehr den Irrsinn zu begreifen, der uns da aufgezwungen wird (siehe Frosch im kochenden Wasser).
Umso wichtiger, dass die Medien nicht einfach alles nachkauen und den Menschen die Chance lassen, ihre freie und ehrliche Meinung genau so an die Öffentlichkeit zu tragen.
Ihre Aufgabe ist es wie gesagt nämlich nicht, der Regierung nach dem Mund zu sprechen, egal ob Bundesregierung oder regionalem Bürgermeister. Sie sollten immer kritisch hinterfragen und zur Not auch mal selbst vor Ort sein. Dann haben sie ihren Auftrag erfüllt, der dem Journalismus nun einmal zufällt. Ihre Macht ist gleichzeitig ihre Pflicht. Es ist auch Ihre Zukunft, die jeden Tag auf´s Neue mit entschieden wird. Momentan sieht diese aus unserer Sicht, der Sicht der bösen Spaziergänger, recht düster aus.

Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen
M. Schmidt

Leserbriefe geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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