"Leonce und Lena" beim Münsterplatz Open Air 2026
Wenn Star Trek auf den Wunsch nach Eskapismus trifft
- Wollen aus ihren Systemen ausbrechen und gegen den Willen ihrer Herrscher endlich Gefühle empfinden: Leonce (Mark Harvey Mühlemann/links) und Lena (Kristina Lotta Kahlert).
- Foto: Ilja Mess/Theater Konstanz
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Konstanz. Es ist ein echter Klassiker von Georg Büchner, der die Kleinstaaterei mit viel Tiefgang und Humor aufs Korn nimmt. Nun feierte am 13. Juni das Lustspiel "Leonce und Lena" Premiere beim Münsterplatz Open Air des Theater Konstanz.
Dabei verlegt Regisseur Ekat Cordes die Komödie kurzerhand ins Universum, wo die beiden Protagonisten Leonce (Mark Harvey Mühlemann) und Lena (Kristina Lotta Kahlert) zwei menschlich anmutende, als Prototyp geltende Androiden in einer multigalaktischen Welt sind. Die beiden Reiche Pipi und Popo werden hier als zwei Multitechunternehmen dargestellt, deren HerrscherInnen Königin Petra (Katrin Huke) und König Peter (Thomas Fritz Jung) aus reiner Profit- und Machtgier über die Köpfe ihrer beiden Vorzeigeprodukte hinweg eine Fusion planen. Doch haben sie die Pläne ohne Leonce und Lena gemacht, die sich dem Zwang, keine Gefühle empfinden zu dürfen, widersetzen und unabhängig voneinander die Flucht auf den Planeten Italo planen.
Allein bei der Ansage zu Beginn aus dem Off, dass es zwischen beiden Reichen eine Grenze gebe, die schon lange nicht mehr überschritten wurde, fühlt es sich fast schon so an, als würden sich Südkorea und Nordkorea durch die Fusion nun doch endlich annähern. Generell bleibt nicht nur die poetische, sondern vor allem die große politische Aussagekraft des Stücks auch nach über 130 Jahren und trotz seines Humors sowie einem guten Schuss Star Trek in dieser höchst unterhaltsamen Inszenierung unübertroffen. So kann unter anderem König Peters Äußerung "Ihr versteht mich, oder etwa nicht?" als eine satirische Anspielung auf nicht selten wirre Aussagen vieler Politiker auf dieser Welt, die dabei selbst nicht wirklich wissen, was sie tun, betrachtet werden.
Doch nicht nur die Machtgier der Politik, sondern auch der im Sport durch aktuell mehrere Austragungsländer einer Fußball-Weltmeisterschaft wird hierin, wenn auch ungewollt, durch die geplante Fusion und der daraus erhofften Profitsteigerung dem Publikum offenbart. Zudem werden auf höchst unterhaltsame, aber auch nachdenkliche Art und Weise die Inflation in einigen Ländern auf dieser Welt sowie auch der Fachkräftemangel in der Gesellschaft ("Da muss man mal die Batterie austauschen") durch die von Maria Lehberg verkörperte Hofmeisterin Hildgund wichtige Themen den Zuschauern vor Augen geführt. Damit aber nicht genug, so ist die Wahl von Ekat Cordes, Leonce und Lena eben als Androiden darzustellen, kein Zufall, können diese oder auch Roboter doch im Allgemeinen als zwei vom Staat oder einer Autokratie gesteuerte Menschen angesehen werden.
Doch auch das Kernthema in Büchners Klassiker, dem Eskapismus aus fast schon zwanghaften Systemen zeigt Ekat Cordes in seiner Regiearbeit eindrucksvoll dem Publikum auf. So sehnt sich vor allem der von Mühlemann stark gespielte Leonce nach dem Wunsch des Andersseins. Sowohl ihn als auch Lena prägt hier die Sehnsucht nach menschlichen Gefühlen. Der von Julius Engelbach herrlich schrill verkörperte Valerio sowie die fantastisch von Zoubedia Ben Salah dargestellte Adelheid bilden dabei die Katalysatoren der beiden Hauptfiguren für deren Sehnsucht. "Bin ich das, für was mich andere entworfen haben?" fragt sich Lena hierbei in Anbetracht daran, auch mal an eigene Träume glauben zu dürfen - einem Vorhaben, das gerade in der realen Weltgesellschaft heutzutage oft vielen Menschen vorenthalten bleibt. Zudem zeigt sie nicht nur den Zuschauern mit ihrer Frage, "wenn Anmut Gehorsam ist, warum dann Unruhe empfinden?" auf, dass generell in jeder Gesellschaft trotz vieler politischer Tumulte Veränderungen im positiven Sinne immer möglich sind.
Und genau der Wunsch, den eigenen Träumen nachzugehen und das tun zu wollen, was man wirklich tun möchte, repräsentiert in der zweiten Hälfte der als Schlaraffenland präsentierte Planet Italo, wo Aperol Spritz-Flüsse sogar aus Zapfsäulen fließen und Gefühle ausdrücklich erlaubt, ja sogar Pflicht sind. Nicht wenige Zuschauer sehnten sich hierbei sowie auch beim Schmettern von Eros Ramazotti-Hits eingier Italo-Bewohner nach Italien, der auch zu Zeiten Georg Büchners ein Rückzugs- und Sehnsuchtsort für viele Kunstschaffende war. Weiter hoffte das Publikum dabei inständig, dass das "Dolce Vita" die Protagonisten vielleicht doch zusammenbringt. Ob dies wirklich so eintrifft und Lena wirklich selig wird und Leonce ihren Traum sein lässt oder am Ende doch der Drang nach Profit die beiden übermannt, können die Zuschauer noch bis zum 25. Juli auf dem Konstanzer Münsterplatz herausfinden.
Autor:Philipp Findling aus Singen |