"Farm der Tiere" der Freien Waldorfschule Wahlwies
Wenn Ideale zu Parolen verkommen
- Die zwölfte Klasse der Freien Waldorfschule Wahlwies präsentierte mit seinem Abschlussklassenspiel am letzten Wochenende George Orwells «Farm der Tiere». Im Bild die Besprechung der Revolution. Der Anführer «Schwein Napoleon» (rechts) mit Propagandaparolen.
- Foto: Achim Holzmann
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Stockach-Wahlwies. Die zwölfte Klasse der Freien Waldorfschule Wahlwies hat mit ihrem diesjährigen Abschlussklassenspiel eindrucksvoll bewiesen, dass anspruchsvolles Schülertheater weit mehr sein kann als eine pädagogische Fingerübung. Die beiden Aufführungen von George Orwells «Farm der Tiere» am 24. und 25. Juli in der bis auf den letzten Platz besetzten Turnhalle endeten jeweils mit langanhaltendem Applaus – ein verdienter Lohn für ein Theaterprojekt, das sich über das gesamte Schuljahr erstreckte.
Unter der Regie von Nere Mann, Schauspielerin und Leiterin der Agentur Aziel, entwickelten die 28 Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse eine Inszenierung, deren Stärke nicht in spektakulären Effekten, sondern in ihrer dramaturgischen Klarheit lag. Gerade diese Reduktion entspricht der Tradition großer Orwell-Inszenierungen: Der Text bleibt Träger der Aussage, die Bühne wird zum Resonanzraum politischer Mechanismen.
Das etwa fünfzehn Meter breite Spielfeld auf dem Turnhallenboden war bewusst schlicht gehalten. Eine drehbare Bretterwand markierte Stall, Versammlungsort und Machtzentrum zugleich, während wenige Requisiten genügten, um zwischen der «Herrenfarm» und der «Farm der Tiere» zu wechseln. Auch die überwiegend selbst gefertigten Kostüme überzeugten durch ihre symbolische Prägnanz: rosa Hemden für die Schweine, graue Kartonohren für den Esel, weiße Gewänder mit Wollapplikationen für die Schafe oder stilisierte Hühnerbeine auf schwarzen Strümpfen – keine naturalistische Maskerade, sondern charakterisierende Zeichen, wie sie seit Brecht das politische Theater prägen.
Das Theaterstück erzählt von Tieren, die sich gegen ihren Bauern auflehnen. Nach der Revolution übernehmen die Schweine die Macht und errichten eine neue Diktatur. Orwells Parabel entfaltet ihre beklemmende Aktualität mit unverminderter Wucht. Aus der Vision von Freiheit und Gleichheit entsteht schleichend eine totalitäre Herrschaft. «Schwein Napoleon» beseitigt seinen Rivalen «Schwein Schneeball», Propaganda ersetzt Wahrheit, Erinnerung wird manipuliert und die revolutionären Ideale werden Schritt für Schritt umgeschrieben, bis nur noch der zynische Satz bleibt: «Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere.» Die Schlussszene, in der Schweine und Menschen ununterscheidbar werden, entfaltete gerade durch ihre Nüchternheit eine nachhaltige Wirkung.
Bemerkenswert war vor allem die Ensembleleistung. Ohne Stars oder Solisten entstand jenes geschlossene Spiel, das anspruchsvolle Theaterarbeit auszeichnet: präzise Rhythmik, disziplinierte Choreografie und ein überzeugendes Gespür für die Balance zwischen Symbolik und psychologischer Glaubwürdigkeit. Die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Wahlwies hat damit nicht nur ein starkes Abschlussklassenspiel präsentiert, sondern eine Inszenierung, die eindrucksvoll zeigt, wie lebendig politisches Theater auch im schulischen Kontext sein kann.
Autor:Achim Holzmann aus Singen |