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Wie ist die Lage im BSZ Stockach?

swb-Bilder: Hennig

Fehlerkultur, radikal lösungsorientiertes Denken, digitale Formate und die Integration von Gefühlsthemen in den Alltag.

Stockach. Was sich wie die  Unternehmenskultur eines Startups anhört, ist auch in einer Schule möglich. Wir sprachen mit dem Leitungsteam des Stockacher Berufsschulzentrums über die Coronazeit, aber vor allem darüber, was  junge Leute heute wirklich lernen sollten. Im Landkreis ist das Stockacher Berufsschulzentrum vor allem für  seinen Karrieretag bekannt, in der Coronazeit hat die Schule ein innovatives digitales Format angeboten. Das  digitale Format wurde zum Erfolg, über das Wochenblatt ging das digitale Programm detailliert dargestellt in über 80.000 Haushalte. 
Andreas Maier (Abteilung Wirtschaftsgymnasium und Berufskolleg), Saskia Metzler (Schulleiterin) Matthias Schalk (Abteilung Berufsschule und Verwaltung) und Stefanie Rau (Abteilung Berufsfachschule  und Berufsorientierung) stehen nicht Rede und Antwort, sondern berichten begeistert von ihrer Version von  Schule. 

 

Wochenblatt: Das ist das erste Mal in dieser Serie, dass ich ein ganzes Team frage: Wie ist die Lage?

Saskia Metzler: Ich lehne mich weit aus dem Fenster und sage: Zurzeit ist unsere Lage gut. Vor allem ab heute ist sie wieder gut, weil wir nur noch einen Quarantänefall haben im Augenblick und nicht mehr wie letzte Woche zwei Kolleginnen und Kollegen und drei Schülerinnen und Schüler in Quarantäne.

Stefanie Rau: … Dann können wir auch so weitermachen: wir haben momentan alle Stellen besetzt, kaum noch Unterrichtsausfall. Die Schülerzahlen passen auch für meine Abteilung. Es stehen dauernd neue Schüler  vor der Türe. Dazu muss man allerdings sagen: Was die Lage in diesem Jahr komplett unterscheidet von der  Lage in anderen Jahren, ist, dass wir im Übergangsbereich, also dort, wo die Schüler nach Erfüllung ihrer  Schulpflicht zu uns kommen, noch nie so viele Schüler ohne Hauptschulabschluss hatten.

Viel mehr Schüler ohne Abschluss

 


Von 60 Schülern hatten wir bisher vielleicht einen oder zwei ohne Abschluss in den Berufsvorbereitungsklassen. In diesem Jahr sind es 15. Fast jeden Tag kommen neue Schüler ohne  Hauptschulabschluss, die jetzt hier den Hauptschulabschluss nachholen wollen, natürlich mit der Option, dann  hier weiterzumachen. Das gab es in den 18 Jahren, in denen ich da bin, noch nie. Auch die Realschüler, die  durch die mittlere Reife gefallen sind, sind mehr geworden. 


Wochenblatt: Ist das ein Coronaeffekt?

Stefanie Rau: Ja, ganz klar. Man muss sagen, es sind häufiger junge Männer als junge Frauen, die sagen, dass sie mit der Situation nicht klargekommen sind mit dem Videounterricht, die nicht aus dem Bett kommen  und die dann mehr oder weniger überrascht worden sind von den vielen Fünfern. Mädchen kamen da mehr  zurecht.

Saskia Metzler: Die Jungen brauchen den Präsenz-Unterricht, den gegenseitigen Ansporn, in der Homeschoolingzeit war der gegenseitige Ansporn vielleicht auch manchmal: Wer geht weniger zum Unterricht. Das war im einen oder anderen Fall so ein Coolness-Ding.

 

Wochenblatt: Wenn ich etwas dramatisch formuliere: Es gab in den letzten anderthalb Jahren ja immer wieder Stimmen, die sagten, wir produzieren eine Lost Generation. Sehen Sie das auch so und was machen  Sie jetzt mit diesen jungen Leuten, die da nicht mehr mitkamen?

Saskia Metzler: Wir sind super aufgestellt für diese Menschen. Ich persönlich würde nicht von einer verlorenen Generation sprechen. Das würde es tatsächlich künstlich dramatisieren. Gerade in Baden-Württemberg haben wir ein sehr durchlässiges Schulsystem, in dem man viele Möglichkeiten hat, zu einem Abschluss zu kommen.

Keine Lost Generation: »wir kümmern uns um jeden«

 

Und vor allem die kleinen Schulen wie wir, die sich um die Schüler auch einzeln kümmern können, die können viel bewegen. Wir haben ein Superteam, nicht nur aus Lehrerinnen und Lehrern, sondern auch Leute von  außerhalb, Schulsozialarbeiter und den sonderpädagogischen Dienst. Wir können die Schüler sehr eng  betreuen und schauen, dass die auch wieder in so einen Alltag hineinkommen. Wir hatten am Freitag einen  Projekttag, wo sich die ganze Schule nochmals miteinander und füreinander dargestellt hat. Ich finde, so ganz  verloren sind die nicht, wir können mit den jungen Leuten viel aufholen.

 


Wochenblatt: Wie ist der Weg? Ich habe den Hauptschulabschluss nicht geschafft, und dann?

Stefanie Rau: Dann kommen Sie zu uns und dann setzen wir uns zusammen und schauen, welche Klassen sich eignen und welche Möglichkeiten es gibt. Der Schüler kann dann aus drei Profilen wählen und macht dann in einem Jahr eine Ausbildungsvorbereitung und in diesem Jahr holt er den Hauptschulabschluss nach oder  wenn er schon einen hat, kann er ihn noch verbessern. Zu dem Jahr gehört auch ein zwei-, drei- oder  vierwöchiges Praktikum. Danach kann der Schüler bei uns weitermachen, zum Beispiel die mittlere Reife. Wenn jemand nur knapp durch den Hauptschulabschluss gefallen ist, dann kann die Klassenkonferenz auch  entscheiden, dass er direkt die mittlere Reife angehen kann.

Und natürlich kann der Schüler danach eine Ausbildung beginnen, ein freiwilliges soziales Jahr oder er kann hierbleiben und ins Berufskolleg oder auf das Wirtschaftsgymnasium gehen.

Was wir gemerkt haben, was im letzten Jahr gefehlt hat, man konnte die Schüler weniger greifen. Das Wichtigste ist, dass die Schüler überhaupt jeden Tag kommen und sich wohl fühlen, dann gibt es immer einen Weg.

 

Schule ist auch Lebensort

 

Wochenblatt: … Also geht es um den persönlichen Teil …

Saskia Metzler: … Ja. Für uns ist wichtig, dass Schule auch ein Lebensort ist, nicht nur ein Lernort. Da spielt  sich mehr ab. Zwischen den Schülern, mit den Lehrerkollegen: es geht ja auch darum, Talente zu fördern, die  etwas abseits sind von dem, was im Schulbuch steht. Sondern, dass man da auch zeigen kann, ich kann auch  noch etwas anderes …

Matthias Schalk: … wir haben natürlich ein ganz unterschiedliches Klientel. Die jüngeren haben diese sozialen Bedürfnisse sicherlich mehr als die Berufsschüler, die während der Lockdowns in den Betrieben waren. Für die war Onlineschule besser zu vertragen als für die Schüler, die bei Frau Rau in der Abteilung sind.

Noch eine Ergänzung: Nach Berufskolleg oder Wirtschaftsgymnasium geht es bei uns noch weiter, mit einer dualen Ausbildung, beispielsweise für die Industriekaufleute mit internationaler Zusatzqualifikation. Das ist dann eine gute Karrierebasis.

Saskia Metzler: Dann geht so ein Schulweg mal ein oder zwei Jahre länger, aber wenn man sieht, wie lange man arbeiten muss, dann ist, glaube ich, ein oder zwei Jahre länger in dem Alter noch nicht so wild. 

Viele brauchen auch etwas länger, um sich zu finden als Mensch und den eigenständigen Weg weiterzugehen mit eigener Wohnung etc.

Stefanie Rau: … Nochmals zurück auf die Berufsvorbereitung: Viele meiner Schüler kommen aus sozial schwächeren Verhältnissen, oft fehlen die Sprachkenntnisse, viele kennen die Coronaregeln gar nicht und wissen nicht, was sie dürfen und was nicht. Das macht es schwieriger.

Matthias Schalk: … Die persönliche Weiterentwicklung unserer Schüler in der Berufsvorbereitung und in allen anderen Bereichen steht für uns neben der fachlichen Weiterbildung so sehr im Vordergrund. Wir führen viele Gespräche vor und nach dem Unterricht, wo es darum geht, mit den Schülern über ihre Stärken und ihre Potenziale zu sprechen. Das ist ein ganz entscheidendes Thema. Zwischen 15 und 25 geht bei den jungen Menschen »der Knoten auf«. Und da sind wir gefordert.


Wochenblatt: Junge Menschen brauchen wie alle Menschen ja mindestens eine Person, die an sie glaubt. Sie erzählen so begeistert. Ich könnte jetzt ruhig sein und Sie würden eine Stunde erzählen. Wie schaffen Sie das an dieser Schule, dass Sie das mit so viel Engagement leben können?

 

Was haben die jungen Leute noch zu bieten?

 

Saskia Metzler: Das ist ein Geist, der an dieser Schule herrscht. Und sicherlich haben wir den Vorteil, dass wir eine kleine Schule sind. Wenn ich hier durch den Gang gehe, kann ich den Schüler zumindest optisch zuordnen. Hier fällt keiner durch das Raster. Keiner wird übersehen.

Uns ist es allen wichtig, dass wir unsere Schüler kennenlernen und lernen, was die jungen Leute noch zu bieten haben, außer dem, was ich sie in einem Test frage. Wer so etwas nicht möchte, bewirbt sich wahrscheinlich gar nicht an einer kleinen Schule wie bei uns.

Und wir fangen beim Kollegium an: Ich weiß auch beim Kollegium, wer noch Talente hat, die man vielleicht nutzen könnte. Das wissen wir gegenseitig voneinander und das ist schön.

Ich glaube, wenn man so gesehen ist, dann sieht man auch die anderen.

Matthias Schalk: Und die Kollegen bekommen den Freiraum, mit den Schülern auch solche Dinge umzusetzen. Das motiviert am Ende des Tages ganz besonders. Das ist die Stärke schlechthin der kleinen Schule.

Und obwohl wir in den letzten Jahren viele Änderung hatten, ticken wir ähnlich. Wir haben eine Vorstellung, welche Werte wir in Zukunft brauchen. So entsteht Begeisterung und eine Atmosphäre, ohne die es nicht geht.

 

Wochenblatt: Jetzt komme ich von der Atmosphäre in Ihrer Schule auf die Atmosphäre da draußen, zumindest in der regionalen Welt: Den jungen Menschen wurde lange Jahre gesagt, geht studieren. Gleichzeitig sucht das Handwerk händeringend nach Leuten. Und obwohl das Handwerk so etwas wie die letzte Meile für viele  gesellschaftspolitische Aufgaben, wie zum Beispiel die CO2-Reduzierung oder generationenübergreifendes  Wohnen ist, gehen die Leute da zu wenig hin. Was denken Sie dazu, das würde mich interessieren?

Saskia Metzler: Hier sitzen nur Fans vom Handwerk, wenn wir ehrlich sind. Das ist ein gesellschaftliches Problem, dass man manchmal nichts gilt. Für manche Eltern ist es das Schlimmste, wenn das Kind nur auf die Hauptschule muss. Da fängt es schon an. Warum denn »nur Hauptschule«? Da werden doch noch ganz andere Dinge gefördert und danach kann man einen Beruf ergreifen, ohne den, wie Sie das richtig sagen, der Rest der Gesellschaft aufgeschmissen ist. Und da fehlt noch ganz viel an gesellschaftlichem Ansehen. Weil man eben schon irgendwie in der eigenen Sichtweise den Arzt über den Klempner stellt …

 

Wochenblatt: … der seine Praxis zumachen kann, wenn das Rohr verstopft ist….

Saskia Metzler: Richtig. Das braucht einen Riesenumdenkprozess.

Andreas Maier: Unser Auftrag ist zum einen, sehr stark zu informieren. Wir schlagen Brücken zum Handwerk, geben Handwerksbetrieben die Möglichkeit, sich vorzustellen. Dass klar ist, dass ich, egal mit welchem Abschluss, eine gute handwerkliche Ausbildung machen kann oder mich sogar selbständig machen kann. Handwerk bedeutet ja auch, dass man etwas mit den Händen tut, das ist etwas Erfüllendes, erfüllender vielleicht als eine rein kaufmännische Tätigkeit. Und das tun wir, obwohl wir selbst keine handwerklichen Berufe ausbilden. 

Auf der anderen Seite ist aber auch wichtig, was für Stärken und Schwächen unsere Schüler haben. Und manchmal entdecken wir im Gespräch, dass es da ein Faible gibt für das Handwerk. Da müssen wir die Schüler dann bestärken und sagten: Geh in diese Richtung. Im Zweifelsfall stellen wir auch Kontakte her.

Vom Wirtschaftsgymnasium gehen natürlich alle auf Studieninfoveranstaltungen, aber wenn ich weiß, dass sich da jemand fürs Praktische interessiert, dann ist wichtig, dass wir ihn dafür auch freistellen, um Einblicke zu bekommen ins Handwerk.

Wochenblatt: … Junge Leute müssen den Raum haben, sich auszuprobieren …

Andreas Maier: Man hat es jetzt gesehen: Während Corona gab es diese Möglichkeiten, sich auszuprobieren nicht oder in den seltensten Fällen. Aber das ist wichtig.

Stefanie Rau: Und mit 15 oder 16 wissen die meisten noch nicht, was sie können oder wollen. Da ist es wichtig, dass die Schüler Praktika machen, in vielen Betrieben, wir sie vielleicht auch einmal wohin schubsen.

Und was in meiner Abteilung gut zieht, ist: Wieviel verdient man denn? Da haben wir tolle Jugendberufshelfer, die dann vielleicht sagen: Wenn du wirklich Geld verdienen willst und das bald, dann musst du Maurer werden. Jemand, der an der Uni BWL studiert und dann fertig ist, verdient wahrscheinlich am Anfang nicht mehr als der Maurergeselle.

Pächter fehlt: »Dann machen wir es eben selbst«

 

Matthias Schalk: Am Ende des Tages geht es eben auch darum, dass es mir Freude macht. Wer für etwas brennt, ist dann auch gut.

Und unser Job ist es, das herauszukitzeln mit den Schülern, solange die hier sind. Und da hilft uns unser Netzwerk.

Mit der Bandbreite, die wir haben, gibt es bei uns aber das Modell Schule – Studium – Job sowieso nicht und deshalb haben wir einen sehr breiten Blick.

Stefanie Rau: Wir haben ja unsere Übungsfirmen. Und mit einer Übungsfirma fangen wir jetzt diese Woche an, den Schulkiosk selbst zu bewirtschaften, sprich: Wir holen noch mehr Realität in unser Schulhaus rein. Mit solchen Projekten lernen Schüler unbewusst ihre Stärken kennen. Vielleicht ist ein Schüler ein Superverkäufer, der im Unterricht nicht so motiviert ist, oder ein anderer brilliert technisch. Die Schüler kommen bei uns mit allem Möglichen in Kontakt und können sich ausprobieren.

Matthias Schalk: Das ist, wie wir als Schule ticken: Wir haben ein Problem. Einen Pächter zu finden für den Schulkiosk ist dank Corona schwierig. Dann machen wir es selbst. Wir wissen noch nicht, ob es funktioniert, aber wir probieren es und binden die Schüler ein.

Am Ende ist das auch ein Vorbild gegenüber den Schülern: Wir haben ein Problem, was können wir daraus machen. Und wir drehen das Problem in etwas Positives.


Wochenblatt
: … Statt Planstellendenken radikale Lösungsorientierung in diesem Fall …

Matthias Schalk: … Auf jeden Fall, und: wenn etwas gegen die Wand fährt, dann ist das halt so. Lerne draus. 

Was brauchen Schülerinnen und Schüler in Zukunft. Nur wenn ich Fehler mache, lerne ich draus und komme weiter. In meiner eigenen Schulkarriere ging es darum, keine Fehler zu machen. Ich glaube, dass da ein großes Potenzial liegt.

Die Schüler wollen sich schon oft absichern, wenn es um komplexere Aufgabenstellungen geht. Da kann man ihnen keinen Vorwurf machen, wenn man die klassischen Schulkarrieren anschaut. Das künftig aufzubrechen, ist eine Aufgabe.


Wochenblatt: Mit diesem Mindset sind Sie den Karrieretag angegangen in der Coronazeit und haben eine aus meiner Sicht beachtliche Digitalveranstaltung umgesetzt. Was nehmen Sie daraus mit? 

 

Persönlich ist wichtig UND digital bleibt


 

Andreas Maier: Wir sind ja auf digitale Formate umgestiegen und haben festgestellt, dass es in ganz vielen Bereichen sehr sinnvoll ist, digitale Formate weiterhin anzubieten. Das ist auch für die Zukunft eine Riesenchance. Die persönliche Begegnung ersetzen können wir dadurch nicht. Deshalb werden wir weiterhin eine Mischform anbieten.

In der Schule selbst ist die persönliche Begegnung unabdingbar, denke ich. Weil Persönlichkeitsentwicklung von Lehrern und Schülern eben persönlich entsteht.

Matthias Schalk: Wenn irgendwann dieser Coronaspuk vorbei sein sollte, dann steht außer Frage, dass persönliche Begegnung in der Schule unabdingbar ist, gleichzeitig kann aber der punktuelle Einsatz von digitalen Formaten möglich sein. Der Umgang mit diesen Tools in der Wirtschaft und in der Industrie wird bleiben. Und die jungen Leute müssen das lernen. 

Wo, wenn nicht in der Schule? Da sind wir in der Berufsschule prädestiniert dazu.

Es ist ein Fehler, die Schraube hier zurückdrehen zu wollen. Wir haben die letzten anderthalb Jahre viel gelernt, das müssen wir mitnehmen. Die Transformation bleibt und wir haben gezeigt, dass wir das schon können.


Wochenblatt: Sie sind ein lebendiges Beispiel dafür, dass die Digitalisierung kein Riesenwumms ist, sondern aus vielen kleinen Schritten und einer differenzierten Sichtweise besteht, bestehen muss.

Matthias Schalk: Auf jeden Fall, da läuft man vielleicht auch mal zwei Schritte nach vorne und einen wieder zurück, weil man sich verrannt hat. Und dazu braucht man die Fehleroffenheit.


Wochenblatt
: Wie machen Sie das untereinander, das würde mich noch interessieren, dass Sie gemeinsam Schule so leben und so schnell lernen? Das ist ja gar nicht so einfach, sich Fehler eingestehen zu können, ohne dass das schambesetzt ist, ohne dass die anderen über den Fehlerverursacher herfallen …

Saskia Metzler: Das muss man vorleben. Wenn mir etwas durchgeht, sage ich ganz klar: Das ist ein Fehler. Fertig aus. Und eben nicht darüber herfallen, wenn ein Kollege etwas falsch macht. Sondern es akzeptieren. Menschen machen Fehler. Das Ergebnis muss sein: wenn jemand einen Fehler macht und zugibt, dann passiert nichts Schlimmes, sondern man ist um eine Erfahrung reicher. Oder man probiert mal alles Mögliche aus und schaut, was funktioniert. Wir haben YouTube-Videos, Podcasts, digitale Schulleitungsgespräche ausprobiert. Und am Freitag vor Ostern habe ich eine Mail achtmal geschickt, weil immer noch ein Fehler drin war.

Matthias Schalk: Wir müssen weg von dem rein Rational-Fachlichen, es geht eben auch um Gefühle. Wenn ich Leuten hier in Zukunft ein Arbeitsumfeld schaffen will, komme ich nicht darum herum, auch das Empathische und die Gefühlsebene mit hineinzunehmen. Das haben wir hier, und da haben wir ganz ähnliche Vorstellungen.

 

»Es geht um Mut, nicht um Perfektion«

 

Wochenblatt: Und das wird sich auf die jungen Leute übertragen, die sich ausprobieren müssen und die auf dieser Welt auch einiges ausprobieren werden müssen.

Saskia Metzler: Genau. Und nicht Perfektion erwarten, sondern eigentlich Mut … Das ist das, um was es uns geht. Dazu muss der Schüler mitbekommen, dass auch die Lehrer dazu stehen, dass sie nicht perfekt sind, dass man manchmal einfach etwas ausprobieren muss. Und man dann scheitert oder etwas Großartiges dabei herauskommen kann.

 

Wochenblatt: Ich würde an diesem so wichtigen Punkt gerne enden und bedanke mich bei Ihnen für Ihre Zeit und für so viel zukunftsorientierten Geist. 

 

Das Interview führte Anatol Hennig

Wochenblatt @: Anatol Hennig


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