Neue Wohnmodelle
Bauimpulse sprengen WiR-Infoabend in Radolfzell
- Großes Interesse herrschte am Informations- und Austauschabend, den der Verein „Wohnen in Radolfzell“ veranstaltet hat.
- Foto: Marcelino Rüth
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Radolfzell. Der 2011 gegründete Verein „Wohnen in Radolfzell“ (WiR) hatte das Mehrgenerationenprojekt „WiGe – Wohnen in Gemeinschaft“ initiiert. 2023 konnten dann die ersten Nutznießer dieses Wohnmodells einziehen. Jetzt leben über 100 Singles, Paare und Familien in den 59 individuellen Wohnung der Baukomplexe in der Radolfzeller Nordstadt.
Der lange Weg von über sieben Jahre von der Idee bis zur Verwirklichung hat sich gelohnt. Die Nutzung der Fläche und Baumaterialien war ökologisch, der Bauvorgang und die Wohnnutzung war und ist ökonomisch und der soziale Mehrwert dieses Modells unbezahlbar. Von diesem Erfolg motiviert war es den Machern des Vereines schnell klar, dass sie weitere Projekte dieser Art anstoßen wollen. Es gelang ihnen Akteure aus dem Wohnungsbau und der Forschung für einen Informationsabend in den Gemeinschaftsraum ihrer Anlage zu gewinnen, die Einblicke in ihrer Arbeit geben und neue Lösungsansätze zum Vergleich vorstellen würden.
Gut siebzig Interessierte - so die Veranstalter - waren gespannt, welche Lösungsansätze die Fachleute zu der brennenden Frage, wie Wohnraum wieder attraktiv und bezahlbar werden kann, bieten werden. Das diese Fragen auch bei der Stadt Radolfzell schon länger angekommen sind, referierte zum Einstieg der Fachbereichsleiter für nachhaltige Stadtplanung Ulf Millauer, wobei er das Klientel für bezahlbaren Wohnraum auf „wichtige“ Altersgruppen begrenzt sieht. Dabei hat die Stadt wohl besonders Jung-Unternehmer im Blick. Für die Zukunft stellt er in Aussicht, dass neben dem Aufstellen eines qualifizierten Mitspiegels, auch die Anwendung der Zweckentfremdungssatzung und des „gesetzlichen Bauturbo“ zutragen kommt und zukünftige BewohnerInnen bereits in der Planung mehr miteinbezogen werden sollen.
Wie diese Miteinbeziehung praktisch umsetzbar ist, erläuterte in der anschließenden Präsentation der Geschäftsführer Tobias Müller vom mmp aus Uhldingen-Mühlhofen. Auf der Basis, dass Wohnen als gesellschaftlicher Anspruch zu werten ist, geht er davon aus, dass es, egal ob Eigentum, Mieten oder genossenschaftliche Modelle, keine einheitlichen Lösungen geben darf. Da jede einzelne Wohneinheit personenbezogen konzipiert wird, müssen dann die Wohnungen exakt in das Gesamtkomplex eingefügt werden. „Tetris spielen ist deutlich einfacher“, so Müller. Erst wenn alle GesellschafterInnen gefunden werden, kann dann ein passendes Grundstück gesucht und gekauft werden. So dauert es auch gut sieben Jahre von Planung bis Einzug.
Dass es auch ein wenig schneller gehen kann, veranschaulichte Oliver Fischer von „Hoffnungsträger Projektentwickler“ aus Leonberg. Er erstaunte die Anwesenden mit der Aussage, dass sein Unternehmen für fünf Häuser in serieller Holzbauweise vom Bauantrag bis zum Einzug nur 248 Tage benötigte. Deutlich günstiger und vor allem „sicherer“ sind die Projekte der Bielefelder Firma Goldbeck. Sales Manager Achim Maier versuchte zu verdeutlichen, dass diese Firma durch effiziente Erschließung, maximierten Wiederholungsfaktor, Systemplanung und dem Konzept Parkhaus, statt Stellplatz nicht nur signifikant kostengünstiger ist, sondern die Wohnungen zu Festpreisen und am Fixtermin schlüsselfertig übergeben kann.
Die Akademische Mitarbeiterin der HTWG Konstanz Nicole Conrad gab zum Schluss das Auditorium einen umfangreichen Einblick in die wissenschaftliche Herangehensweise, wenn eine umweltbewusste Stadt nicht nur ein Haus erstellen möchte, sondern das Ziel hat, „ein Quartier, das bezahlbar ist, nachhaltig gebaut wird, soziale Vielfalt ermöglicht und gleichzeitig klimaorientiert funktioniert“ umzusetzen.
Da diese vier Präsentationen den vorgegebenen Zeitrahmen um 100 Prozent sprengten, wurde kurzfristig die angedachte Kleingruppenarbeit in eine individuelle Fragestunde an die Referenten an vier Stationen umfunktioniert. Ralf Schiel von der Werteagentur Naturblau resümierte, dass die Veranstaltung unterschiedliche Perspektiven eröffnete und sich alle Akteure im Anschluss hervorragend austauschen könnten. Sodass alle gespannt sein können, was davon in den nächsten Jahren in Radolfzell umgesetzt werden wird.
Marcelino Rüth
Autor:Redaktion aus Singen |