75 Jahre Theresienkapelle Singen
"Mensch sein" als Gedenkfeier mit ökumenischen Impulsgedanken und Lesung

Die Gemeinschaft der Nachfahren des Capitaine de Ligny und die Beteiligen des Fesaktt zum 75-jährigen Bestehen der Theresienkapelle in Singens Süden mit Willi Waibel, OB Bernd Häusler, Catharina Fleckenstein und Wolfgang Gellert.  | Foto: Uwe Johnen
  • Die Gemeinschaft der Nachfahren des Capitaine de Ligny und die Beteiligen des Fesaktt zum 75-jährigen Bestehen der Theresienkapelle in Singens Süden mit Willi Waibel, OB Bernd Häusler, Catharina Fleckenstein und Wolfgang Gellert.
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Singen. Zum 75-jährigen Jubiläum lud am vergangenen Sonntag, 14. Mai, der Singener Förderverein Theresienkapelle ein. Im Mittelpunkt dieses denkwürdigen Jubiläums stand das ökumenische Friedensgebet von Pfarrerin Andrea Fink-Fauser und Dekan Matthias Zimmermann als Impulsgedanken mit Segnung sowie eine szenische Lesung mit Catharina Fleckenstein und Wolfgang Gellert.

Die Vereinsvorsitzende Dr. Carmen Scheide freute sich besonders, die Familie mitsamt Nachkommen des damaligen französischen Lagerkommandanten Capitaine Jean le Pan de Ligny begrüßen zu dürfen, die für diese Feierlichkeit aus Frankreich angereist waren.
Oberbürgermeister Bernd Häusler erinnerte daran, dass die Theresienwiese mitsamt der Kapelle ein Ort des Grauens ist, an dem damals Zwangsarbeiter beheimatet wurden. Nach dem Krieg, fuhr er fort, war die Kapelle ein Zeichen des Aufbruchs. "Dieser Ort ist für die Stadt sehr wichtig", mahnte er und erinnerte, dass es vor vier Jahrzehnten dem Engagement von Wilhelm Waibel zu verdanken war, dass die Kapelle nicht abgerissen wurde. "Heute dient sie als Mahnmal gegen Krieg und Vertreibung und als positives Zeichen für Völkerversöhnung", hob er hervor. Im Hinblick auf die Partnerstadt Kobeljaky machte er deutlich, wie wichtig es ist, für Frieden, Freiheit und Demokratie einzutreten.

Impulse zum 75. Geburtstag der Theresienkapelle in Singen

Pfarrerin Andrea Fink-Fauser und Dekan Matthias Zimmermann hielten anschließend ein ökumenisches Friedensgebet mit Segnung. Die Pfarrerin lobte den Tag der Einweihung als großartigen Tag. "Kirchenglocken des Radolfzeller Münsters waren über Lautsprecher zu hören", erinnerte sie. Beide unterstrichen in ihren Impulsgedanken den Menschen Capitaine Jean le Pan de Ligny. "Der Capitaine wollte ein Miteinander. Es ist ein Segen, dass es solche Menschen gibt."

Es gehe darum, dass Schatten nicht verdrängt werden, sondern sie in Bewegung gebracht werden, beispielsweise durch Städtepartnerschaften, so die Auffassung von Dekan Zimmermann. Mit Kobeljaky sei man daher besonders verbunden. "Die Bewegung geschieht auch da, wo Menschen ihre Häuser für ukrainische Flüchtlinge geöffnet oder Orte für Begegnung geschaffen haben", lobte er.

Die Vereinsvorsitzende Dr. Carmen Scheide erzählte in kurzen Worten, wie der zweite Teil der Gedenkfeier entstanden war. Die Erzählerin und Schauspielerin Catharina Fleckenstein besuchte die Kapelle und kannte den Ort aus den Erzählungen ihres Vaters Günther Fleckenstein, der selbst Kriegsgefangener in diesem Lager war. Beim ersten Besuch sei der Titel "Mensch sein" für die szenische Lesung entstanden.

So las Catharina Fleckenstein zusammen mit Wolfgang Gellert als Sprecher aus dem Tagebuch des Vaters Fleckenstein. Sie schafften es, plakativ durch die passende Tonlage und Stimm-Dramaturgie die damalige Zeit wiederzubeleben und die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Sie begannen mit den Beschreibungen des Lagers, in dem Hunger herrschte und die Lagerküche kalt blieb, weil es nichts zu essen gab. Diese schrecklichen in Worten gemalte Bilder sollten nicht lange bleiben, schon bald lasen sie von der Wandlung. Das Lager wurde umgestaltet in eine funktionierende Gemeinschaft mit Verwaltung, Technikern, Übersetzern, aber auch Musikern und Sportlern.
Alle Lagerinsassen mussten helfen. Es gab "die Pflicht zu einem lebenswerten Leben auch in der Gefangenschaft", so das Credo des neuen Lagerführers Capitaine Jean le Pan de Ligny. "Er war selbst ein ehemaliger Kriegsgefangener und war in deutscher Gefangenschaft gut behandelt worden. Er musste also nicht hassen", hob Catharina Fleckenstein hervor.

Die Beiden erzählten den Weg zum Musterlager, mit Krankenbehandlung und den Weg zur Demokratie innerhalb des Lagers. Immer wieder wurden Anekdoten aus dem Tagebuch erzählt, die zum Schmunzeln anregten. Besonders beeindruckt hat die Passage, als Capitaine de Ligny Häftlinge auf Ehrenwort in den Urlaub schickte, damit sie zu Hause Musikinstrumente holen und im Lager musizieren konnten. "Alle Gefangenen kamen wieder, ohne Ausnahme."

Für ein Musterlager musste auch eine Kapelle her, sei sich Capitaine de Ligny sicher gewesen. Auf nahezu abenteuerliche Weise entstand schließlich die Kapelle, deren Weihe vor 75 Jahren vollzogen wurde. Auch bei diesen Erzählungen um das Entstehen gab es zahlreiche Schmunzler, beispielsweise über den Fenstermaler Heinz Orth, der seine Lagerkameraden mehr oder weniger sympathisch in den Fensterbildern verewigte.

Diese wunderbare Gedenkfeier gestaltete sich als Mahnung, aber auch als Treffpunkt, sich mit dieser besonderen Geschichte auseinanderzusetzen, damit das richtige Handeln in der Zukunft entstehen kann.

Autor:

Uwe Johnen aus Singen

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