Weihbischof Dr. Paul Wehrle reflektiert plurale Welt
Christen auf dem Weg der Neuorientierung

Woran soll man uns erkennen und unterscheiden können? Hier wurde Weihbischof Dr. Paul Wehrle bei seinem Vortrag „Christsein in pluraler Welt“ mit einem Praxistest zur katholischen Soziallehre im konkreten Leben überaus konkret. Gesucht wird ein Kompass, eine Faustformel, um eigenverantwortliche Handlungen deuten zu können. Christen engagierten sich für die Welt, wobei immer wieder die Rückfrage komme: „Wofür steht Ihr überhaupt?“ Es gelte die Zeichen der Zeit zu erkennen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Die Christen müssten für den Dialog in der pluralen Welt fähig werden! Und auch hier der kritische Einschub: Seine Generation haben das nie gelernt! Für die heutige Welt forderte Dr. Wehrle, dass Christen Gerechtigkeit erfahrbar machten und eine Brücke des Friedens bauten.

Jede Religion lebe von der Wahrheit, sagte Dr. Wehrle bei seinem Vortrag im katholischen Bildungswerk See-End letzte Woche im Kaplaneihaus Bodman. Für die Christen sei eines anders: Die Wahrheit ist in einer Person verkörpert. Er formulierte eine entscheidende Freiheit für den Christenmenschen: „Ich argumentiere nicht in Abgrenzung zu einem anderen!“ Dr. Wehrle unterstrich die Bedeutung der Aufklärung für unsere geistige Entwicklung. Seither seien Glaube und Vernunft kein Nebeneinander, sondern prägten sich gegenseitig. Der Islam kenne das nicht, denn bei ihm habe die Aufklärung nie stattgefunden. Der emeritierte Professor unterstütze die Schaffung von Islam-Lehrstühlen an deutschen Universitäten. Beim ersten großen Anlauf habe es plötzlich ein Kandidatenproblem gegeben. Potentielle Bewerber seien aus dem eigenen religiösen Verband torpediert worden. Dr. Wehrle hatte einen Rat bereit: Gerade die deutschen Christen könnten ihre Konkordatserfahrungen dem Islam zur Verfügung stellen.

Einen Akzent setzte Dr. Wehrle auch zum Umgang mit China: Wenn deutsche Politiker dorthin reisten, hätte sie die Frage nach den Menschenrechten in ihrem Gepäck. Genau dies stellte der Kirchenmann in einen größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Die Individualisierung hätte in unserem Lebensbereich zur Ausformulierung der Menschenrechte geführt. Aus China werde uns oft entgegengehalten, man müsse erst die Gemeinschaft sehen. Die Polarisierung zwischen dem Ich und dem Wir reflektierte Dr. Wehrle: Menschenrechte würden nicht überall auf der Welt in der gleichen Bedeutung gesehen. Durch die Pluralisierung habe sich eine Vielfalt von Lebensstilen entwickelt, die eben nicht für jeden gleich Demokratie sei. Vieles führe so zur Beliebigkeit in einer Gesellschaft, wonach jeder dann machen könne, was er wolle. Die Konsequenz des Referenten: Der innere Haltepunkt für die Eigenverantwortung fehlt!

Wir leben mit Bergen von Wissen, die Tag für Tag anwachsen, war eine Erkenntnis, wobei die Auffächerungen in Fachlichkeiten die Kommunikation zudem erschwere. Ja, das Durchblicken werde auch von Tag zu Tag schwerer. Die Digitalisierung habe eine enorme neue Dynamik in Gang gesetzt, die Zeit sei zu einem entscheidenden Faktor geworden. Dr. Wehrle fügte ein, früher habe man vor wichtigen Entscheidungen nicht ohne Grund gesagt: „Du mußt erst eine Nacht darüber schlafen!“ Das neue Tempo wird auch durch einen veränderten Rhythmus bestimmt, der dann Richtung Arbeitswelt führt, wo Input und Output dominierten. Hier hat Dr. Wehrle den spürbaren Verlust der ganzheitlichen Sicht der Dinge beklagt.

Ins Zentrum seiner Ausführung hat der Weihbischof die „Ich bin . . .“-Sätze aus dem Johannes-Evangelium gerückt. Für den Christen ergibt sich daraus zum Beispiel die Frage: „ Kann man erkennen, welchen Weg ich gegangen bin?“ Oder: „Wie bin ich heute den Menschen, die ich getroffen habe, begegnet?“ Deutlich wurde, dass der Christ in der pluralen Welt an seinen Taten, seinem Handeln erkennbar sein muss. Es geht um den Geist in seinen Werten, ohne die die Welt nicht gestaltet werden könne. Dr. Wehrle fragt weiter: „Wie sind unsere Ziele, unsere Werte in unserer Pfarrei erlebbar?“ Ein schöner Satz kam zum Schluss: „Christsein ist eine Lebensgeschichte.“

Zentral bleibt die katholische Soziallehre mit dem in ihr verankerten Subsidiaritätsprinzip, das natürlich auch in den Föderalismus übergeht, wonach stets die kleinere Einheit, die am Nächsten an den Problemen ist, den Vorrang beim Handeln haben soll. Papst Pius XII habe darüber gearbeitet, woraus Dr. Wehrle die Anschlussfrage formulierte: „Gilt das für die Kirche auch?“ Das Nachdenken endete an diesem Abend nicht mit dem Heimweg . . .

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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